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Martina Gedeck: "Ein Stück näher an der Lebens­wahrheit"

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Martina Gedeck in 'Die Wand' © Studiocanal - seite 2
Martina Gedeck in 'Die Wand' © Studiocanal
Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihre Rolle in 'Die Wand' auch von einem Mann hätte gespielt werden können oder braucht diese Rolle eine weibliche Perspektive?
Martina Gedeck: Ich finde das absolut, dass das möglich gewesen wäre. Ich finde es nachvollziehbar, dass die Autorin von einem weiblichen Ich ausgeht. Aber die Wandlungen, die diese Figur durchlebt, deuten ja immer mehr darauf hin, dass sie sich von den üblichen Kategorisierungen des Geschlechts und überhaupt von allen Kategorisierungen abwendet. Diese Figur ist ein Mensch, der alle Stadien des Menschseins durchläuft: Alter, Seelenzustände, Geschlechter. Insofern wäre das für mich durchaus denkbar, ja.

Was macht diesen Film eigentlich so nervenzehrend, zermürbend und spannend, obwohl es keine Spezialeffekte gibt?
Martina Gedeck: Das ist verschiedenen Dingen geschuldet. Zum einen der Wahrheit und Echtheit. Es gibt, und das spürt man von Anfang an, nichts Verlogenes darin, alles, was man sieht, ist echt, hier kommt kein Computer zum Einsatz, es gibt keine gestellten Situationen. Es gibt keine künstliche Ebene wie zum Beispiel in einem Lars von Trier-Film, in dem die Tiere sprechen können. In 'Die Wand' ist man als Mensch viel unmittelbarer in der Geschichte drin, man hat das Gefühl, man ist im richtigen Leben. Das ist einem durch die vielen Filme, in dem das eben nicht so ist, schon fast abhanden gekommen. 

Dieses Realitätsempfinden geht sogar so weit, dass man als Zuschauer die Existenz der Wand akzeptiert.
Martina Gedeck: Genau! Über die erstaunt man sich genau wie die Frau. Und dieses einzige fremde Element wird dadurch plötzlich etwas sehr Großes und Unheimliches. Genau so, wie sie in der Wirklichkeit auch wäre. Man weiß nie, wann sie auftaucht, wo sie wieder ist. Als Zuschauer ist man so plötzlich mitten im Film, inmitten dieser Realität und ist total angespannt – genau wie die Frau. Dazu kommt noch, dass man durch die schreibende Frau am Tisch, die ganz anders aussieht als die kultivierte Städterin, die anfangs in der Jagdhütte ankommt, die ganze Spannbreite von Anfang an überschaut. Aber man weiß eben nie, was als nächstes passiert.  Das macht diesen Film auch so spannend.

Martina Gedeck vor eindrucksvoller Natur in 'Die Wand' © Studiocanal
Martina Gedeck vor eindrucksvoller Natur in 'Die Wand' © Studiocanal
Bei all den Interpretationen, die kursieren: Was symbolisiert diese Wand eigentlich für Sie?

Martina Gedeck: Für mich ist sie das Symbol einer existentiellen Katastrophe, die über einen Menschen hereinbricht und die er ohnmächtig durchleiden muss. Im Extremfall würde ich das als Traumatisiertheit bezeichen. Da ist jemand, der ganz auf seine ureigenen  Lebenskräfte zurückgeworden wird und sich aus Überlebenswillen auf das Wesentliche reduziert und das Überflüssige weglässt. Und alles, was hinter der Wand liegt, ist eigentlich das Überflüssige, alles, was vor der Wand liegt, sind für sie die Lebenskräfte. Meiner Meinung nach symbolisieren die Tiere diese Lebenskräfte. Diese Wand ist insofern für mich auch eine Schutzzone, die der traumatisierte Mensch um sich herum aufbaut.

Geht es ihr denn innerhalb dieser Wand besser?
Martina Gedeck: Ja, der Effekt einer Traumatisierung ist ja der, dass man sich abschottet von der Welt und dass man kein Vertrauen mehr hat in menschliche Beziehungen und Sklave seiner Angst ist. Ich habe den Eindruck, dass es ihr in dieser Welt nach und nach besser geht und sie am Ende des Films nicht mehr Sklavin ihrer Angst ist.

Warum schreibt die Frau ihre Geschichte auf?
Martina Gedeck: Dieser Schreibprozess ist eigentlich ein Beginn, kein Ende, wie man vielleicht vermuten könnte. Am Ende, als alle Blätter verbraucht sind und sie nicht weiterschreiben kann, sagt sie: "Ich werde hinaus gehen und die weiße Krähe füttern, denn sie wartet schon auf mich." Das hat für mich etwas sehr Tröstliches, denn sie sieht da wieder eine neue Aufgabe.

Obwohl sie den Verlust ihres Hundes hinnehmen musste?
Martina Gedeck: Ja, denn genau diesen Verlust arbeitet sie da durch, denn dieser Verlust steht auch symbolisch für den eigentlichen Verlust, den sie erlitten hat. Das arbeitet sie in diesem Schreibprozess durch, so sehe ich das. Ich habe den Eindruck, dass wenn sie den Stift niederlegt, tatsächlich etwas Neues beginnt. Das ist ein Aufbruch und kein Ende.

Sind existentielle Katastrophen Ihrer Meinung nach eine Möglichkeit für einen Neuanfang?
Martina Gedeck: Sie sind oft Möglichkeiten für Läuterungen oder für Vertiefung. Das ist erst einmal schrecklich, weil man die Wahrheit des Lebens dann doch am eigenen Leibe erfährt und das auch schwer auszuhalten ist. Aber wenn es glückt und man das aushält, dann ist man doch ein Stück stärker mit dem Leben verbunden und ein Stück näher an der Lebenswahrheit dran.

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Veröffentlicht von
am 22/10/2012
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