Retro: Warum wir auf Chucks, Polaroids und Wählscheibentelefone stehen

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Retro: Warum wir auf Chucks, Polaroids und Wählscheibentelefone stehen



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Polaroids, Instagram und Retro-Telefone: Unsere Retromania hat viele Gründe © Sipa, Thinkstock - Retro: Warum wir auf Chucks, Polaroids und Wählscheibentelefone stehen
Polaroids, Instagram und Retro-Telefone: Unsere Retromania hat viele Gründe © Sipa, Thinkstock
Wir schreiben das Jahrzehnt Facebook und die Möglichkeit, jeden Tag Millionen hochgeladener Bilder anzuschauen. Die Anzahl ist so gigantisch, dass einem das passende Adjektiv fehlt.

Sonnenuntergang in St. Petersburg, die Skyline von Shanghai, seine eigenen frisch lackierten Füße im türkisfarbenen Wasser der Seychellen und das obligatorische stylische Bild von einem nachdenklichen Ich. Doch dann kommt der Mörder eines jeden kreativen Fotos - der Instagram-Filter. Mit einem Klick werden die Bilder „auf Alt gemacht“. Ob Sepia, Polaroid oder mit zerfledderten Enden. Es ist Retro, cool und irgendwie nostalgisch. Und schon sehen die Fotos aus „wie früher“ und wir hören uns Sätze sagen wie „Weißt du noch ...“.

Warum erinnern wir uns so gern zurück, warum kaufen wir Chucks, schauen Mad Men und gehen auf Zwanziger Jahre Partys? Und ist der aktuelle Retrotrend nicht das Ende unserer Kultur, weil sich ständig alles nur noch wiederholt?

Studie: Nostalgie hilft uns unser jetziges Leben wertzuschätzen
„Grundsätzlich erinnern wir uns gern an Momente aus unserer Vergangenheit, in denen wir uns wohl gefühlt haben und mit denen wir positive persönliche Erinnerungen verbinden. Dazu nehmen wir auch gern Gegenstände aus dieser Zeit hervor“, sagt Dr. Claudia Preis. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und hat an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zum Thema Retrophänomene gelehrt.

Wir tragen Chucks auch nostalgischen Gründen - auch wenn wir in der Zeit noch gar nicht gelebt haben. © Thinkstock
Wir tragen Chucks auch nostalgischen Gründen - auch wenn wir in der Zeit noch gar nicht gelebt haben. © Thinkstock
Augenblicke unserer Kindheit unterm Weihnachtsbaum bringen uns dazu, diesen schrulligen Retro-Weihnachtsschmuck zu kaufen. Und auch das Mixtape, zu dem wir das allererste Mal rumgeknutscht haben, wird hervorgekramt. Walkman inklusive.

Doch es ist nicht nur das. In einer aktuellen Studie des „Journal of Personality and Social Psychology“ heißt es, dass „wir durch nostalgische Momente unsere sozialen Bindungen, Freunde, Familie wieder zu schätzen wissen“. In nostalgischen Momenten sind wir meist umringt von Leuten und erinnern uns gemeinsam, sei es an Weihnachten oder bei einem Jahrgangstreffen.

Unsere sozialen Bindungen werden uns dann besonders bewusst. In Erinnerungen zu schwelgen „fühlt sich gut an, hebt die Laune und erhöht unser Selbstbewusstsein“, heißt es in der Studie. „Und es gibt uns ein Gefühl, das unser Leben lebenswert ist.“ Das Revue passieren gibt einem quasi Kraft für die Zukunft.

Schöne alte Welt
Aber das erklärt nicht, warum wir uns Petticoats kaufen und die Sechziger Jahre anhimmeln. Denn Nostalgie ist nicht gleich Retro. „Wir umgeben uns mit Dingen, die wir als retro empfinden auch, wenn wir die Zeit, aus der diese Stilelemente stammen, gar nicht selbst erlebt haben und keine eigenen Erinnerungen daran haben“, weiß Claudia Preis. Die coolen langen Zigarettenfilter der Zwanziger, die Pilzfrisuren der Sechziger, die Hippieröcke der Siebziger, das kennen wir nur aus Film und Fernsehen.

„Wir verbinden mit den vergangenen Zeiten ein bestimmtes Lebensgefühl, das wir ins Heute transportieren möchten", sagt Preis. „Wir picken uns die schicken Modeelemente der Sixties heraus, aber nicht die kratzigen oder steifen Kunstfaser-Stoffe. Eine Zeitreise ohne Nachteile quasi.“ Dass es damals eine ganz andere Sexualmoral gab, Frauen erst mit der Erlaubnis ihrer Ehemänner arbeiten durften oder in den coolen Mad Men Zeiten Schwarze und Homosexuelle diskriminiert und verfolgt wurden, daran denkt in dem Augenblick keiner.

Doch ist es wirklich nur die Neugier, die uns dazu verleitet, Burlesque-Kurse zu belegen und Nerdbrillen aus den Fünfzigern aufzusetzen? Oder treibt uns unser hektisches Leben in die Arme der Vergangenheit? Die digitale Revolution, das Erreichbarsein zu jeder Zeit an jedem Ort, die Wirtschaftskrise, die Altersarmut, Kriege? Fühlen wir gerade jetzt den Drang zur Nostalgie, weil uns die aktuelle Zeit zu hektisch, zu bedrohlich erscheint?




az

 
  

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Veröffentlicht von der Frauen heute-Redaktion
am 09/11/2012
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