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"Unverheiratet und schwanger zu sein, ist die größte Schande, die einer jungen Frau in Marokko passieren kann. Das absolute Tabu der Tabus." Aicha Ech-Chenna holt tief Luft. Es ist nicht das erste Mal, dass sie über ihre Arbeit im Frauenzentrum von Casablanca spricht. Und trotzdem ist die Leidenschaft und Energie in jedem ihrer Worte spürbar.
1985 gründete die gelernte Krankenschwester Aicha Chenna mitten in der marokkanischen Metropole die Frauenorganisation "Association Solidarité Féminine", die erste Organisation dieser Art in der islamischen Welt. Unverheiratete schwangere Frauen und junge Mütter sollten hier Zuflucht finden, einen Ort, an dem sie ihre Babys sicher zur Welt bringen, Schutz vor der Familie und Beistand vor Behörden erhalten können. Heute ist die "Association Solidarité" eine Institution in Casablanca - und ihre Gründerin eine über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Persönlichkeit. 2009 erhielt Aicha Chenna für ihr Engagegemt und ihren Kampf für die Rechte der Frau den mit einer Million US-Dollar dotierten Preis der US-amerikanischen Opus-Stiftung.
Doch der Weg hierher war lang. 1941 in Marrakesch geboren, verliert Aicha Chenna mit drei Jahren ihren Vater. Die Mutter steht als 20jährige Witwe mittellos mit zwei Töchtern da, "eine frühe Erfahrung, die zu meiner Überzeugung geführt hat, dass es das Wichtigste ist, dass wir die Kinder unterstützen - unabhängig von ihrer Herkunft."
"Ich bin gegen das Kopftuch!"
Freunden der Familie verdankt es Aicha, dass sie trotz der bescheidenen Verhältnisse auf eine gute Schule gehen kann. Die Freunde ihres Vaters finanzieren die passende Kleidung und Lernmaterialien. Eine gute Zeit - bis sich Aichas Mutter wiederverheiratet und der neue Mann den Schulbesuch verbietet. Aicha soll von nun an Kopftuch tragen, nähen lernen und darf wie ihre Mutter das Haus nur noch selten verlassen. Noch heute bebt die Stimme der 70-Jährigen, wenn sie an diese Erfahrung zurückdenkt. "Nur dem Mut meiner Mutter verdanke ich es, dass ich mein Leben leben durfte", sagt sie. "Eines Tages hat sie mich ohne Erklärung in einen Überlandbus gesetzt und zum Fahrer gesagt, dass er mich nach Casablanca bringen soll. An irgendeinen Ort, an dem ich zur Schule gehen kann."
Ihren Stiefvater hat Aicha Chenna nie wiedergesehen. Die Erinnerung aber ist geblieben, und mit ihr das Unverständnis für die freiwillige Verschleierung von Frauen. "Wir Frauen haben hart für unsere Freiheit und unsere Rechte geklämpft. Wie können sich junge Mädchen da freiwillig verhüllen und im Haus bleiben? Was ich fordere, ist eine Neuauslegung des Koran. Wir müssen Schluss machen mit den subtilen Methoden, mit denen uns die Männer kleinhalten wollen. Wir müssen endlich lernen, Respekt vor der Frau und ihrem Körper zu haben." Aicha Chenna stellt ihre Forderungen als bekennende Muslimin.
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Eva Spundflasche
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