Leben mit HIV: Marathon laufen

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Leben mit HIV: Marathon laufen

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Alexandra Frings: Die Diagnose HIV war ein Schock. - Leben mit HIV: Marathon laufen
Alexandra Frings: Die Diagnose HIV war ein Schock.
Man kann wohl verrückt werden, wenn man über das Warum nachdenkt. Warum das eigene Schicksal in genau jenem Moment die entscheidende Wende nahm, in dem das Glück perfekt schien. Warum man nicht ahnte, dass dieses Glück in Wahrheit auf einem wackligen Fundament stand.

Alexandra Frings ist 28 Jahre alt, verheiratet und Mutter eines kleinen Sohnes, als sie einen Ausschlag im Gesicht feststellt. Sie geht zum Hautarzt, der sie drei Monate lang mit Salben und Cortison behandelt. Als nicht einmal Antibiotika helfen, schickt er sie in die Uniklinik. Doch auch hier wissen die Ärzte nicht weiter. Eineinhalb Jahre lang bekommt Alexandra Medikamente und Spritzen, regelmäßig wird ihr Blut abgenommen. Ohne Befund. Als Alexandra schließlich 17 Kilo verliert und unter Nachtschweiß leidet, wird endlich ein HIV-Test gemacht.

"Keiner hat damals wirklich geglaubt, dass ich infiziert bin. Am allerwenigsten ich selber", sagt Alexandra heute. "Ich war verheiratet, ich war treu. Wer denkt da schon an Aids?"

Die Diagnose trifft Alexandra wie ein Schlag. Ihr ist, als reiße ihr jemand den Boden unter den Füßen weg. Von weit weg hört sie die Stimme der Ärztin, die ihr erklärt, dass sie positiv ist und dass sie von jetzt an Medikamente nehmen muss. Und dass sich auch ihr Mann testen lassen muss.

"Ich stand unter Schock, als ich zurück auf der Straße stand. 'Ich habe Aids. Ich muss sterben', war alles, was ich denken konnte. Und: 'Was wird jetzt aus dem Kleinen?'"

Der erste, mit dem sie über die Diagnose spricht, ist ihr Mann. Auch er lässt sich testen, auch er ist positiv. Bis heute bestreitet er, seine Frau betrogen zu haben. "Zuerst wollte ich die Ehe retten, schon unserem Sohn zuliebe. Aber es war schnell klar, dass das nicht funktioniert. Jegliches Vertrauen war dahin." Alexandra lässt sich scheiden. Ihr Ex-Mann lebt heute mit einem Mann zusammen.

Die ersten Wochen ihres neuen Lebensabschnitts erlebt Alexandra wie in einem Alptraum. Zu weiteren Tests muss sie sich stationär behandeln lassen. Sie kommt auf die Isolier-Station, im Bett neben ihr liegt eine Frau, bei der die Krankheit AIDS bereits fortgeschritten ist. Das Bild brennt sich in Alexandras Kopf.

"Ich dachte, mein Leben ist vorbei. Es war alles nur noch schwarz um mich herum. Meine Rettung war damals der Nachtpfleger. Er war der erste, der mir wirklich zugehört und meine Fragen beantwortet hat. Der von der AIDS-Hilfe gesprochen hat und mir gesagt hat, dass HIV heut kein Todesurteil mehr ist."

"Das einzige, was hilft, ist reden"
Ganz langsam wagt sich Alexandra zurück in ihr Leben. Sie erzählt ihren Eltern von der Diagnose und einigen engen Freunden. Die Reaktionen reichen von Erschütterung bis Sprachlosigkeit, doch gleichzeitig spürt Alexandra große Erleichterung, mit der neuen Situation nicht mehr allein zu sein.

"Meine Mutter hat nächtelang durchgeweint. Die ganze Familie war im Ausnahmezustand. Da haben plötzlich ganz diffuse Ängste mitgespielt. Zum Beispiel wurde meine Kaffeetasse immer als erste weggeräumt und abgespült. Und wenn ich meine Nichte zur Begrüßung umarmte, haben die anderen panische Blicke gewechselt. Sowas tut natürlich weh."

Was Alexandra und ihrer Familie geholfen hat, war möglichst viel miteinander zu sprechen. Nur so konnten Ängste und Vorurteile überwunden und der Krankheit nach und nach der Schrecken genommen werden. Wahr ist: eine HIV-Diagnose ist heute kein Todesurteil mehr. Mit der richtigen Medikation kann oft sogar ein recht hohes Lebensalter erreicht werden. Dennoch haftet HIV bis heute ein hochstigmatisiertes Image an. Alexandra: "HIV hat immer noch etwas Schmuddeliges. Das macht es den Betroffenen so schwer, damit umzugehen. Die Gesundheitsfrage ist die eine Sache. Die Vorurteile in den Köpfen der Leute eine ganz andere."

Mittlerweile hat Alexandra gelernt, so offen wie möglich mit ihrer Krankheit umzugehen. "Die meisten Menschen in meinem Umfeld wissen Bescheid. Es gibt nur wenige, denen ich nichts sage. Von denen weiß ich, dass es sie überfordern würde. Trotzdem sind die meisten Freundschaften heute enger als früher. Ich weiß, auf wen ich mich verlassen kann."


Weiterlesen: Mit Sport zurück ins Leben




Eva Spundflasche

 
  

Veröffentlicht von
am 29/07/2011
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