Meist sehen sie schon etwas zerpflückt aus. Schließlich hatten wir sie schon hundert Mal in der Hand - die Bücher unserer Kindheit. Ob Pippi Langstrumpf, der Räuber Hotzenplotz oder Jim Knopf: Sie waren unsere Helden. Mit ihnen erlebten wir Abenteuer, für die wir selbst nie den Mut gehabt hätten. Entdeckten unbekannte Welten, von denen wir noch nie gehört hatten. Sie trösteten uns wenn wir traurig oder krank waren. Und stachelten uns zu so mancher Schandtat an.
Meine persönliche Heldin war "Ronja Räubertochter" von Astrid Lindgren: "Schert euch zum Donnerdrummel!“ So verscheuchte ich jahrelang aufmüpfige Jungs aus der Nachbarschaft. Diese Verwünschung funktionierte schließlich auch bei Ronja, der Räubertochter, die sich damit all das gruselige Ungetier im Mattiswald vom Leib hielt. Denn sie wusste: Man darf sich nicht fürchten, dann passiert einem nichts Böses. Also übte auch ich, keine Angst zu haben.
Am besten ging das im Wäldchen hinter unserem Haus. Diese Licht durchflutete Anpflanzung mit etwa 100 Bäumen hatte zwar nicht allzu viel gemeinsam mit dem unendlichen, dunklen, dichten Wald in Astrid Lindgrens Roman, aber man konnte sich auch dort wunderbar vor den gefährlichen, scharfkralligen Wilddruden verstecken oder sich vor dem tödlichen Höllenschlund und dem reißenden Fluss in Acht nehmen.
Dass es sich in meinem Fall um harmlose Krähen, ein kleines Hügelchen und ein munter plätscherndes Bächlein handelte, machte mich nicht weniger mutig, fand ich. Deshalb fühlte ich mich befähigt, für einen ganzen Sommer in den Wald zu ziehen - genau wie Ronja. Das Lager aus Ästen und Reisig war gebaut, diverses Sandspielzeug als Essgeschirr und eine Notration Neapolitaner Waffeln und Brausestäbchen heimlich dorthin geschafft. Dann machten mir meine Eltern einen Strich durch die Rechnung: Sie fanden es angemessener für eine Neunjährige, in ihrem mit bunten Luftballons bemalten Bett zu schlafen, als unter dem Sternenhimmel. „Ronja Räubertochter“ könne ich gern ein fünfzehntes Mal lesen - aber im Wald wohnen wie sie, das erlaubten sie nicht.
Ich war empört und kämmte mir aus Trotz mehrere Wochen lang nicht die Haare, um wenigstens genauso wild auszusehen wie Ronja. Heute ist meine Frisur wieder ordentlich und ich weiß jetzt, dass schlimme Dinge auch dann passieren, wenn ich sie nicht fürchte. Trotzdem kommt sie manchmal, ganz selten, noch immer durch, die kleine, wilde Ronja in mir. Am ersten richtig schönen, warmen Tag des Jahres zum Beispiel. Dann begrüße ich den Frühling mit einem richtig lauten Ronja-Jubelschrei und vollführe ein paar wilde Räubersprünge - aber nur, wenn mich niemand sieht.
Entdecken Sie hier die Helden Ihrer Kindheit wieder!
Und diskutieren Sie mit: Welches Buch hat Sie am meisten geprägt?
az/ jw
|