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Liebe & Psychologie

Scham, Ekel, Selbstlosigkeit: Warum Mädchen ihre Sexualität nicht positiv erleben

Fiona Rohde
von Fiona Rohde Veröffentlicht am 13. Mai 2017

Bei aller Gleichberechtigung: Beim Sex halten sich immer noch viele veraltete Erwartungen und Klischees.

Die amerikanische Autorin Peggy Orenstein hat drei Jahre damit verbracht, mit Mädchen und jungen Frauen zwischen 15 und 20 Jahren über Sex zu reden, über ihre Einstellung und ihre Erfahrungen. Was ihr vor allem auffiel: Frauen haben Sex, aber das heißt nicht automatisch, dass sie ihn genießen. Frauen lassen Sex eher geschehen, als dass sie ihre Wünsche und Bedürfnisse äußern.

Das beginnt damit, dass Jugendliche Oralsex als weniger intim als normalen Sex ansehen. So sagte ein Collegeschüler zu Orenstein: "Wenn ein Mädchen am Ende eines Dates keinen Sex mit ihrem Datingpartner haben möchte, aber ihn auch nicht vor den Kopf stoßen will, gibt sie ihm einen Blowjob."

Und sowieso ging es beim Oralsex fast immer nur um das Vergnügen der Männer, so Orenstein. Viele Frauen verzichteten auf ihren Spaß zu Gunsten des Mannes, weil sie sich selbst nicht wohl dabei fühlten, sich so offen ihrem Partner zu zeigen und Angst hatten, der Partner könne sich ekeln.

Schön nur für den Partner?

Auch die Tatsache, dass sich 3/4 aller Frauen einer Intimrasur unterziehen und dabei sagen, dass es ihre freie Entscheidung sei, hinterfragt Orenstein. Oftmals geht es nämlich eher darum, dass Männer es unangenehm finden, wenn die Intimbehaarung beim Oralsex stört.

So sieht es auch mit der immer weiter verbreiteten Schamlippenkorrektur aus. Frauen riskieren hier Schmerz, weniger Sensibilität und Entzündungen, nur um einem vermeintlichen Schönheitsideal näher zu kommen. Auch das zeigt, wie Frauen über ihren Körper denken.

Guter Sex & schlechter Sex aus Männer- und Frauensicht

Orenstein ruft deshalb dazu auf endlich den "Orgasm Gap" zu schließen, also die Diskrepanz zwischen dem Spaß, den Männer beim Sex erfahren und dem, was Frauen in der Regel an Genuss haben. Denn es ist kein Geheimnis, dass die Orgasmusquote bei Frauen deutlich niedriger ist als bei Männern.

​Und das hat durchaus etwas mit der Einstellung zum Sex an sich zu tun. Erwarte ich von meinem Partner, dass er mich glücklich macht und ich auf meine Kosten komme? Und genau hier liegt das Problem. Bei ihren Umfragen fand Orenstein heraus, dass viele junge Frauen Sex schon als gut erachten, wenn sie dabei keine Schmerzen haben. Und für viele junge Frauen ist Sex schon gut und erfüllend, wenn sie sich ihrem Partner nah fühlen und er einen Orgasmus hat. Ganz anders die Männer: Sie beurteilen guten Sex eher danach, ob sie einen Orgasmus hatten oder nicht.

Und danach befragt, was denn schlechter Sex sei, benutzten die meisten junge Frauen Worte wie Schmerz, beschämend, deprimierend, erniedrigend. Junge Männer benutzten diese Art Wörter nie in ihren Antworten darauf.

Kleine Kinder und ihr Körper

Vieles davon hat seinen Ursprung in unserer Erziehung. Mädchen sind oftmals mit Scham behaftet, wenn es um ihre Genitalien geht. Während kleine Jungs stolz ihren Penis zeigen und vergleichen, lernen Mädchen, dass "das da unten" schamhaft verhüllt sein muss und man sich nicht "da" anfasst. Und wenn man keinen Namen für etwas hat, dann hat man auch kein natürliches Verhältnis dazu. Kein Wunder also, dass viele junge Frauen ihre eigenen Geschlechtsorgane mit einer Mischung aus heilig und eklig betrachten. Und natürlich hat das auch eine Auswirkung auf das eigene Sexleben und Empfinden.

Dann kommen die Mädchen in die Schule und lernen, dass Jungs Erektionen und Ejakulationen haben und sie selbst die Periode und ungewollte Schwangerschaften. Die Hälfte der Mädchen zwischen 14 und 17 hat nie masturbiert und so kommen sie dann in ihre erste Beziehung. Wie sollen sie da ihre Wünsche, ihre Grenzen und Bedürfnisse äußern können?

Anders aufklären

Die Lösung, so Orenstein: Wir müssen mit unseren Kindern insbesondere den Mädchen früh über ihren Körper, Sex, gegenseitiges Vertrauen und Intimität reden. Das Thema muss viel normaler und natürlicher verlaufen. Allein, dass junge Frauen darauf aus sind, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren, egal wie, nur damit sie keine alte Jungfrau sondern eine "echte" Frau sind, ist doch schon traurig.

​Und noch einen interessanten Punkt spricht Orenstein an: In gleichgeschlechtlichen Beziehungen gibt es keinen Orgasm Gap. Hier läuft alles viel gleichberechtigter ab. Während eine heterosexuelle Frau sagt, dass sie nach dem ersten Sex keine Jungfrau mehr sei (etwas, das oftmals mit Schmerz und Blut und ohne Orgasmus einhergeht), so sagte eine lesbische junge Frau auf die Frage, ab wann sie keine Jungfrau mehr gewesen sei: "Ich weiß es nicht. Ich habe es gegoogelt. Und Google wusste keine Antwort. Deshalb stand für mich fest: Mit meinem ersten Orgasmus war ich keine Jungfrau mehr." Und das ist doch wahrlich eine viel schönere Definition für Erwachsen werden und nicht mehr jungfräulich sein, oder?

Sexualität ist etwas Schönes. Und das muss man den jungen Menschen auch sagen. Es ist kein Wettbewerb, nichts Beschämendes, Ekliges oder Erniedrigendes. Es sollte geprägt sein von Vertrauen zueinander, von Intimität und Wohlfühlen. Stattdessen reden viele Eltern mit ihren Töchtern eher über ungewollte Schwangerschaften, Verhütung, Aids und falsche Partner, an die man geraten kann. Zeit, etwas zu ändern.

Hier das Originalvideo: Peggy Orenstein - What young women believe about their own sexual pleasure.

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von Fiona Rohde

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