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Liebe & Psychologie

Hallo, Bindungsangst! Warum es uns so schwer fällt, die Liebe zuzulassen

Fiona Rohde
von Fiona Rohde Veröffentlicht am 9. März 2017
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Wo ist er, der Mann zum Bleiben, jetzt wo wir bereit wären, uns zu binden? Über Bindungsangst und Halbbeziehungen.

Wenn wir Frauen jung sind, starten wir das große Abenteuer Beziehung. Wir haben Freiheiten und Facebook, Lebensgemeinschaften und Liebeskummer. Wir experimentieren und testen, wir sind stark und unabhängig, wir bekommen keine Kinder mit Anfang 20, aber dafür ein Problem mit Anfang 30. Plötzlich merken wir, dass das Ticken unserer biologischen Uhr und der Laufschritt unseres Lebens nicht synchron gehen.

Irgendwie sind wir trotz oder gerade wegen all unserer Freiheiten immer noch orientierungslos auf der Suche. Wir nennen es die Suche nach der großen Liebe, aber oft ist es die Suche nach der bequemen Halbbeziehung geworden. Das heißt, einer Beziehung, die sich uns und unserem individuellen Leben anpasst. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Da kommt Torschlusspanik auf: Wo ist er, der Mann fürs Leben ohne Bindungsangst, jetzt, wo wir endlich bereit sind, uns zu binden?

Bindungsangst im Singlehaushalt

Auf unserer Suche nach dem bleibenden Liebesglück sind wir nicht allein: Die Zahl der Singlehaushalte in Deutschland ist hoch. In 40 Prozent aller deutschen Haushalte lebt laut GfK Geomarketing nur eine Person. Entweder weil sie Single ist, oder weil sie eine Beziehung auf Distanz mit getrennten Wohnungen bevorzugt.

Auch wenn das Klischee besagt, dass Beziehungsangst vor allem die Herren der Schöpfung betrifft: das Phänomen Bindungsangst ist längst auch in der Frauenwelt angekommen. Dabei sind wir Frauen keinesfalls einsam, aber eine wirklich gute Beziehung will oft einfach nicht zustande kommen. Sind wir denn alle beziehungsunfähig geworden? Nein! Nicht jeder, der in zwei Jahren mehrere Partner hatte, hat Bindungsangst. Und nicht jeder, der ein Jahrzehnt mit seinem Partner zusammen lebt, ist ein Meister in der Kunst, eine Beziehung zu führen.

Bindungsangst & Ortungsgeräte

Beim Anblick des eigenen Freundeskreises fällt auf: Viele Freundinnen haben schlichtweg Angst, verletzt zu werden. Ihr Fazit: Sie lassen sich nicht mehr auf eine enge Beziehung ein, sondern führen lockere, zwanglose Beziehungen.

Dann gibt es die Fraktion der Frauen, die meint, immer an die falschen Männer zu geraten. Dabei suchen sich diese Frauen zielsicher gerade die Männer aus, die sie garantiert nicht glücklich machen. Es scheint, als hätten sie ein Ortungsgerät für Männer mit Bindungsangst.

Verpflichtungen & Egoismus

Andere Frauen leiden unter Bindungsangst, weil sie befürchten, sich nicht selbst verwirklichen zu können. Die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit geht vor. Dr. Frauke Höllering, Allgemeinärztin mit Schwerpunkt Psychosomatik und Sexualmedizin in Arnsberg, erklärt: "Unreife und Egoismus führen zu Bindungsangst, weil die Betroffenen sich nicht in der Lage sehen, Verantwortung für eine Beziehung zu übernehmen. 'Ich nehme mir, was ich will, gebe auch nur, wenn ich will und was ich will. Bloß keine Verpflichtungen.' Oft lautet die Forderung: 'Mach mich glücklich!'. Umgekehrt wäre es richtig: 'Ich bin glücklich, was kann ich tun, damit du es auch bist?'"

Der total perfekte Partner

Dann gibt es noch den Kreis der Idealistinnen, die den Mann fürs Leben suchen. Einen, bei dem alles stimmt. Gerade diese Romantikerinnen sind es, die oft an ihren eigenen Wunschvorstellungen scheitern. Da wird einem "normalen" Mann, der sich durchaus als Mr. Right entpuppen könnte, gar keine Chance gegeben. Dabei kann sich die große Liebe oft erst in längerem Miteinander entwickeln. Häufig wird auch versucht, den Partner in Richtung Traummann umzumodeln. "Gerade Frauen versuchen oft, den Partner nach ihren Vorstellungen zu formen", sagt Frauke Höllering. "Und das kann nur schief gehen."

Bindungsangst & Kindheitserinnerungen

Die Ursachen für die Bindungsangst liegen in unserer Kindheit. Denn die Bindung zu unserer Mutter ist meist die Grundlage für alle weiteren Beziehungen. Dr. Höllering: "Die Beziehung zur Mutter ist nicht unwichtig: Lässt sie einen nicht erwachsen werden, behütet sie über und räumt alle Hindernisse aus dem Weg, dann lernt man keine Verantwortung und keine Frustrationstoleranz. In der späteren Partnerschaft wird sich getrennt, sobald es schwierig wird. Wer alles nachgesehen bekommt, wird egoistisch und lernt nicht, sich für den anderen einzusetzen und auch mal aufzuopfern".

Liebe 2.0

Die moderne Art zu kommunizieren, sich virtuell statt real zu treffen, kommt Menschen mit Bindungsangst entgegen. Eine SMS statt ein Anruf, ein Foto via MMS statt ein Treffen, ein "anstupsen" auf Facebook statt einer Berührung. Das schafft eine Pseudo-Nähe. Dr. Höllering: "Wir sind heute beziehungsunfähiger als früher, weil wir zu egozentrisch sind, um die Individualität des Partners zu achten und zu lieben. Der Egoismus ist ungeheuer, das Angebot an potentiellen Partnern gleichzeitig sehr groß. Dank Internet tauscht man schnell mal den Partner aus, wenn nicht alles perfekt ist". Und die schier unendlich große Anzahl an Freunden und Kontaktmöglichkeiten gaukelt uns vor, nicht einsam zu sein - auch wenn wir es längst sind.

Perfekte Körper, perfekte Beziehung

Auch das Bild in den Medien gaukelt uns etwas vor: Perfekte Körper, wildes Liebesleben, große Liebe sind erstrebenswert. Ein Anspruch, dem wir in unserem realen Leben nachzueifern versuchen. Dr. Höllering: "Unsere Ansprüche sind durch die Medien verzerrt. Geld und Aussehen ist zu wichtig, und das Fehlen der Frustrationstoleranz bedingt einen regelmäßigen Austausch der Partner. Die Ansprüche auch an den Sex sind ungeheuerlich, man meint, es müssten auch nach Jahren regelmäßig Feuerwerke explodieren. Das kann nicht gut gehen."

Für viele Menschen ist es der Übergang von der großen Verliebtheit in den Alltag, der ihnen Probleme bereitet. Oft wird nicht erkannt, dass erst jetzt wahre Liebe entsteht. Im Alltag. Im Auseinandersetzen miteinander, mit allen Konflikten und Problemen.

Offene Bekenner der Bindungsangst

Es doch gibt es sie: Menschen, die zu ihrer Bindungsangst stehen. Die sich arrangiert haben. Sie stehen zu zweit auf einer Party und erzählen offen, dass sie eine eher lockere Beziehung führen. Man sei zusammen, aber die ganz große Liebe und so ganz fest sei es dann doch nicht. Diese Halbbeziehung ist ein offenes Konstrukt, das die Vorteile einer Beziehung und die Vorteile des Singledaseins miteinander verbindet. Man hat die Nähe und Zuneigung des anderen, Zärtlichkeiten und Sex, aber man behält auch seine Freiheit. Der Alltag bleibt außen vor, man trifft sich, wenn es gerade passt.

Manöverkritik & Analyse

Wenn so eine lockere Beziehung für beide Partner in Ordnung ist, kann es gut gehen. Aber es kann auch schnell aus dem Gleichgewicht geraten, wenn sich die Prioritäten des einen Partners ändern. Eine wirkliche Lösung für Menschen mit Bindungsangst ist dieses Modell deshalb nicht.

Der einzige Weg für Menschen mit Bindungsangst ist, sich ihrer Angst zu stellen! Das heißt: Die immer gleichen Beziehungsmuster zu durchbrechen, indem die eigenen Handlungsmuster erkannt und geändert werden. Dann wird aus dem utopisch perfekten Mr. Right der reale Mann neben uns auf dem Sofa, mit dem wir unser Glück langfristig finden können.

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