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Bin ich schön? Darum orientieren wir uns an einem Schönheitsideal

Heike Schmidt
von Heike Schmidt Veröffentlicht am 22. Juni 2014

Schönheit funktioniert. Soll heißen: Menschen, die schön sind, haben durch ihr Aussehen Vorteile – nicht nur beim Flirten, auch im Job oder in der Supermarkt-Schlange. Kein Wunder, dass es nur wenigen Menschen egal ist, ob sie schön sind oder nicht. Die meisten von uns orientieren sich bewusst oder unbewusst an einem Schönheitsideal. Doch warum eigentlich?

Schönheit ist relativ

Lässt sich Schönheit definieren? Die Antwort lautet 'Nein'. Auch wenn Wissenschaftler das perfekte Gesicht analysiert und in Zahlen ausgedrückt haben wollen, ist Schönheit keine feste Größe, die sich auf alle Personen in allen Gesellschaften festlegen ließe. Unser Konzept von Schönheit ist immer auch abhängig von der Kultur, in der wir leben. Während aktuell Frauen in Brasilien ihre Oberschenkel mit Krafttraining auf Maximalvolumen bringen, wünschen sich Frauen in Deutschland zum Beispiel eher schlanke Beine ohne deutlich sichtbare Muskeln.

Als besonders schön gilt auch oft das, was in der jeweiligen Kultur selten oder nicht so einfach zu erlangen ist. Für eine Frau im sonnenreichen Asien gibt es nichts Schlimmeres als ihren hellen Teint zu verlieren. Viele Europäerinnen dagegen legen sich für eine tiefe Bräune stundenlang in die Sonne. Während spanische Männer einer blonden Frau besonders lange hinterhergucken, färben sich Schwedinnen die Haare dunkel, um aufzufallen. Tja, so ist das mit dem Schönheitsideal: Die Messlatte muss hoch hängen, sonst ist das Erreichte nicht attraktiv, sondern einfach nur Standard.

Bikini-Model Kate Upton © Getty Images

Stars als Schönheitsideal

Hollywood-Stars oder Sängerinnen sind für viele die Verkörperung ihres Schönheitsideals. Das war auch schon früher so. Damals färbten sich auch Frauen in Berlin-Wedding das Haar weißblond oder zupften sich die Augenbrauen streichholzdünn, um ihrem Ideal von weiblicher Schönheit, Marlene Dietrich, näherzukommen. Heute geht man noch einen Schritt weiter und wünscht sich vom Schönheitschirurgen die Nase von Jennifer Lopez oder die Brüste von Bikini-Model Kate Upton.

Dr. Friedrich Pullmann ist Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie und weiß, dass sich viele Frauen an prominenten Vorbildern orientieren: "Wunschbilder werden bei Brustvergrößerungen gerne mitgebracht, anhand einer Computersimulation wird dann zusammen das mögliche Ergebnis besprochen." Dennoch seien seine Patienten nicht daran interessiert, in erster Linie einem Schönheitsideal nahe zu kommen: "Sie wollen sich vor allem wieder frischer fühlen, wollen wieder eins sein mit ihrem Körper."

Gemein, aber wahr: Wer schön ist, lebt leichter

Eins sein mit ihrem Körper kann aber nicht jeder. Jenny Latz konnte es lange nicht. Die heute 59-Jährige lebt seit 40 Jahren mit einer Glatze. Ausgelöst durch eine aggressive Variante des kreisrunden Haarausfalls verlor sie innerhalb eines Jahres alle Kopfhaare. Damals war sie 19 Jahre alt. "Ich stand an der Schwelle zum Erwachsenenleben, wo man normalerweise spannende Dinge vor sich hat. Da sollte ich auf einmal zu den erwachsenen Frauen nicht mehr dazugehören. So war das Gefühl für mich."

Einem Schönheitsideal zu entsprechen oder ihm zumindest nahe zu kommen, bedeutet auch, einer Gruppe anzugehören, z.B. zu der Gruppe möglicher Partnerinnen bzw. attraktiver Frauen. Für einen Mensch auf einer einsamen Insel ist ein Schönheitsideal schlichtweg überflüssig. Für alle anderen nicht.

Wer schön ist, so behaupten Soziologen wie Marc Scheloske, der besitzt ein gewisses Kapital, das er gegen Freundschaften, Partnerschaften oder beruflichen Erfolg eintauschen kann. Warum? Weil schöne Menschen unbewusst als vertrauenswürdiger, kompetenter oder großzügiger eingeschätzt werden als solche, deren Optik eher unter der Norm liegt. Wie gemein – und gleichzeitig so menschlich. Denn wir Menschen haben’s gerne einfach.

Die Persönlichkeit eines anderen einzuschätzen, ihn mit allen Facetten kennenzulernen, das dauert seine Zeit. Wir kürzen bei einer ersten Begegnung einfach ab, indem wir über die Optik Schlüsse auf die inneren Werte des Gegenübers ziehen. Wer einmal in der richtigen Schublade – sprich in der Kategorie 'schön' – gelandet ist, hat einen großen Stein in unserem Brett. Wer dagegen in Sachen Optik nicht punkten kann, der muss sich ganz schön abstrampeln, um doch noch positiv aufzufallen - auch wenn bei Frauen (und Männern) gleichzeitig oft Neid aufkommt, wenn der oder die andere vermeintlich schöner ist.

Das Schönheitsideal: Wunschtraum trifft auf Realität

Ein Schönheitsideal ist also ein Bündel von körperlichen Eigenschaften, die wir als besonders erstrebenswert ansehen. Einer Person, die diesen Standard erfüllt, geben wir automatisch maximalen Vertrauensvorschuss und die größtmögliche Anzahl von Sympathiepunkten. Und weil wir selbst gerne so viel soziales Kapital hätten, mühen wir uns ab, diesem Ideal selbst möglichst nahe zu kommen. Für viele wird dieses Streben zum lebenslangen K(r)ampf.

Klug ist, wer sich ein Schönheitsideal wählt, das seiner natürlichen körperlichen Ausrichtung nahe kommt. Dann gelingt es uns am Ende sogar, uns wirklich schön zu fühlen. Wer sich jedoch ein Ideal sucht, das so etwas wie das optische Gegenteil seiner selbst ist, für den ist das eigene Unglücklichsein vorprogrammiert. Im Fall von Jenny Latz kam noch hinzu, dass sowohl ihr persönliches Schönheitsideal als auch das gesellschaftliche Konzept von 'Frau sein' eine Glatze nicht vorsieht. Umso schlimmer empfand die damals 19-Jährige ihren Verlust. "Ich fühlte mich wie außen vor, weil ich das wichtigste Attribut einer Frau – Haare - nicht mehr vorweisen konnte."

Im Laufe der Jahre schaffte sie es schließlich, ihr eigenes Schönheitsideal ihrer neuen Optik anzupassen. Sie erkannte irgendwann, dass "eine Frau aus mehr Komponenten besteht als nur aus Haaren, z.B. einer schönen Nase, einem schönen Mund. Ich begriff, dass es das Gesamtkonzept ist, was die Ausstrahlung und den Charme einer Person ausmacht." Und sie fand einen Partner, der diese Ansicht mit ihr teilt.

Auch für Dr. Friedrich Pullmann ist Schönheit nicht identisch mit körperlicher Perfektion: "Schönheit ist für mich vor allem Ausstrahlung und Charakter." Dennoch fällt es uns nicht leicht, uns von unserem persönlichen oder von einem gesellschaftlichen Schönheitsideal zu lösen. Die Bedeutung von Schönheit für uns Menschen zu leugnen wäre naiv. Zu stark ist die Strahlkraft, die von ihr ausgeht.

Schönheit: Vergänglicher Glanz

Eine tolle Optik ist viel wert, sollte aber nie die Quelle Nummer eins für Selbstliebe und Selbstwert sein. Wer sich allein auf seine Schönheit verlässt, ist irgendwann verlassen – denn: Schönheit ist vergänglich. Besser: sich darauf verlassen, dass Ausstrahlung und Wesen optische Makel mehr als wettmachen. Mit dieser Strategie hat jeder auf lange Sicht Erfolg bei anderen und gewinnt damit am Ende auch an Attraktivität. "Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet" - das wusste schon Dichter und Autor Christian Morgenstern.

von Heike Schmidt

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