Selbstmord bei jungen Menschen: Warnsignale erkennen

Selbstmord ist die zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen. - Selbstmord bei jungen Menschen: Warnsignale erkennen
Selbstmord ist die zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen.
Mit Selbstmordgedanken hat sich fast jeder Jugendliche schon einmal beschäftigt. Meist bleibt es beim harmlosen Gedankenspiel. In (zu) vielen Fällen aber wird aus der Fantasie Realität: Selbstmord ist die zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen zwischen 10 und 24 Jahren (WHO World Health Organisation).

Über Selbstmord spricht niemand gern. Doch es ist ein Thema, über das gesprochen werden sollte. "In acht von zehn Fällen wird der Suizidversuch vorher angekündigt", so Diplom-Sozialpädagoge Gerd Storchmann. Was heißt, dass er sich in den meisten Fällen verhindern ließe. Denn: "Junge Menschen haben meist keine Todessehnsucht. Der Selbstmordgedanke ist eher ein Hilfeschrei, ein Ausweg aus einer für sie ausweglosen Situation."

Was führt zu den Selbstmordgedanken?
Es gibt viele Gründe, warum sich ein Mensch das Leben nehmen will. "Bei Jugendlichen ist es oft ein Zusammenspiel aus den typischen Veränderungen, die die Pubertät mit sich bringt, komplizierten Familiensituationen, Problemen im sozialen Umfeld und größeren Krisen. Auch psychische Erkrankungen wie Depression können eine Rolle spielen", sagt Gerd Storchmann. Er ist Leiter der Krisenwohnung Neuhland in Berlin und arbeitet täglich mit selbstmordgefährdeten Jugendlichen zusammen. Er weiß, dass die meisten Betroffenen verunsichert sind und sich hilflos fühlen. Oft keinen anderen Ausweg mehr wissen als den Selbstmord.

"In Deutschland werden pro Jahr etwa 100.000 bis 150.000 Selbstmordversuche unternommen. In der Altersgruppe der Mädchen und Frauen zwischen 14 bis 17 Jahre gibt es die höchste Suizidversuchsrate. Ingesamt sterben in Deutschland ca. 10.000 Menschen jährlich durch Suizid." Zwei Drittel davon sind Jungen und Männer, da sie oftmals die härteren Methoden wie Erschießen, Erhängen oder von einer Brücke springen wählen - und nicht mehr rechtzeitig gerettet werden können.

Warnsignale, die auf einen Selbstmord hindeuten können
Einen schlechten Tag kennt jeder. Auch mal zwei oder drei am Stück. "Für Eltern und Freunde ist es schwer zu erkennen, ob Stimmungsschwankungen nur ein normaler Teil der Pubertät sind oder einen ernstzunehmenden Hintergrund haben", so Gerd Storchmann. Der Experte nennt einige Anzeichen, die auf eine Selbstmordgefährdung hindeuten können:
  • keinen Spaß mehr an bisher gern gemachten Hobbys
  • Abkapselung von Freunden und Familie
  • Hoffnungslosigkeit
  • Rastlosigkeit
  • Veränderungen des äußeren Erscheinungsbilds
  • Depression
  • Verschenken von Kleidung und anderen Besitztümern

Sehr deutliche Warnsignale sind zudem:
  • Selbstmordäußerungen
  • Tabletten oder Waffen besorgen
  • Schmieden von Selbstmordplänen

Bei Verdacht: Hilfe anbieten
"Zuhören und Verständnis zeigen - das ist das Beste, wenn man den Verdacht hat, dass ein Mensch selbstmordgefährdet ist", sagt Gerd Storchmann. Man sollte aber auch ganz konkret nachfragen und deutlich werden: 'Kann es sein, dass es dir schlecht geht, du keinen Ausweg mehr siehst? Kann es sein, dass du über Selbstmord nachdenkst?' Der Begriff "Selbstmord" - eigentlich heißt der korrekte Begriff Selbsttötung oder Suizid - darf ruhig verwendet werden. Wird alles abgestritten, sollte man deutlich machen, dass man sich Sorgen macht und das Thema später noch einmal ansprechen wird. Manchmal hilft es, wenn man einen anderen Gesprächspartner vorschlägt. Wenn der Draht zu den Eltern nicht gut ist, gibt es vielleicht Verwandte oder einen Freund, dem sich der Jugendliche öffnen kann.

Da Eltern und Freunde in der Regel keinerlei Erfahrung mit Suizidgefährdung haben und schnell mit der Situation überfordert sind, ist es wichtig, sich Hilfe von außen zu holen. Außenstehende von der Telefonseelsorge oder einem Krisenzentrum sind speziell geschult und geübt darin, an den Selbstmordgefährdeten heranzukommen.

Besser nicht machen
"Öffnet sich der Jugendliche im Gespräch und sagt, was ihn bedrückt, dann sollte man die Probleme auf jeden Fall ernst nehmen", rät Gerd Storchmann. Das Ganze zu verharmlosen und gut gemeinte Floskeln anzubringen wie 'Ist doch alles nicht so schlimm' oder 'Dir geht es im Vergleich zu anderen doch gut', verstärken nur das Gefühl, nicht vestanden zu werden.

Mitleid, Verurteilung und Kritik sollte man sich ebenfalls sparen.

Hier gibt es Hilfe
Es gibt die verschiedensten Telefonseelsorgen und Krisenzentren, die weiterhelfen können. Hier kann man anonym anrufen und seine Probleme schildern. Die Seelsorger helfen auch bei den nächsten Schritten, etwa bei der Suche nach einem Therapeuten, und erklären, wie eine mögliche Therapie ablaufen könnte. Schnelle Hilfe gibt es übrigens über den Polizeinotruf 110 und den Rettungsdienst 112. In allen größeren Städten gibt es Sozialpsychiatrische Dienste, Kinder-, Jugend- und Familienberatungsstellen, die kostenlos weiterhelfen können und für Notfälle auch kurzfristig Termine anbieten.


Telefonseelsorge: 0800-110111 oder 0800-1110222 (Anrufe sind kostenfrei)
Kinder- und Jugendseelsorge: 0800-1110333 (Anrufe sind kostenfrei)
Krisennotdienst für Eltern und Kinder: 0800-1110444 (Anrufe sind kostenfrei)


Informationen im Netz gibt es z.B. hier:
  • Neuhland - Hilfe bei Krisen, www.neuhland.net
  • Nationales Suizid Präventionsprogramm, www.suizidpraevention-deutschland.de
  • Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention, www.suizidprophylaxe.de
  • Freunde fürs Leben e.V., www.frnd.de
  • Projekt U-25, Arbeitskreis Leben Freiburg (AKL), www.u25-freiburg.de




db

  

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