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Schluss mit #NotAllMen: Was uns der Tod von Sarah Everard lehrt

von Maike Schwinum Erstellt am 23. März 2021
Schluss mit #NotAllMen: Was uns der Tod von Sarah Everard lehrt© Getty Images

Der Mord an Sarah Everard hat die ganze Welt aufgewühlt und eine Diskussion um Gewalt gegen Frauen losgetreten. Warum es höchste Zeit ist umzudenken und warum #NotAllMen alles nur noch verschlimmert.

Sarah Everard tat all das, was uns Frauen geraten wird, wenn wir nachts alleine unterwegs sind: Sie trug helle, auffällige Kleidung und Schuhe, in denen sie gut laufen konnte. Sie sagte ihrem Freund Bescheid, dass sie unterwegs sei. Sie ging einen Umweg über gut beleuchtete Straßen, auf denen viele Menschen unterwegs waren.

Doch all das war nicht genug. Trotzdem musste Sarah sterben. Wayne Couzen, ein 48-jähriger Londoner Polizeibeamter, entführte Sarah und brachte sie um. Sarahs Überreste wurden später in einem Wald rund 80 Kilometer von ihrem letzten Aufenthaltsort entfernt gefunden. Sarah war erst 33 Jahre alt.

Einen Tag nachdem die Anklage gegen Sarahs Mörder bekannt wurde, gab es in London eine Mahnwache für Sarah. Tausende Menschen erschienen und nutzten sie als stillen Protest gegen Polizeigewalt und Gewalt gegen Frauen. Der Protest wurde von Polizeibeamten aufgelöst, mehrere Menschen sogar verhaftet. In den Tagen darauf folgten weitere Proteste in Großbritannien und der ganzen Welt.

Im Video: Sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Deutschland

Video von Justin Amaral

Ein Umdenken ist längst überfällig

"Warum hat der Fall Sarah Everard die Menschen derart aufgerüttelt?", mag sich manch einer fragen. Schließlich sterben tagtäglich auf der ganzen Welt Frauen durch Gewalt – meist der Gewalt von Männern. Der springende Punkt ist nicht nur der, dass der Täter ein Polizeibeamter war. Die meisten von uns haben den Irrglauben, jede*r Polizist*in sei "Freund und Helfer", ohnehin längst abgelegt.

Was uns aufwühlt, ist vor allem die Tatsache, dass Sarah alles "richtig" machte. Sie verhielt sich genau so, wie es uns Frauen schon von klein auf beigebracht wird. Und dennoch verlor sie gewaltsam und viel zu jung ihr Leben. Das ist es, was uns zeigt: Es ist Zeit, die Art und Weise, wie wir mit Gewalt gegen Frauen umgehen, zu ändern. Denn es liegt nicht an uns Frauen etwas zu ändern.

Journalistin Ash Sarkar schreibt auf Twitter: "Pfefferspray zu legalisieren wird Frauen nicht schützen. Es gibt Länder, in denen Frauen legal eine Schusswaffe bei sich tragen können, und das hat die geschlechtsmotivierte Gewalt nicht beendet. Die Antwort liegt in einer Veränderung unserer Kultur."

Fragt euch nicht, warum Frauen angreifbar sind. Fragt euch, warum Männer gewalttätig sind.

Statt junge Mädchen für Selbstverteidigungskurse anzumelden und ihnen schon in Kinderjahren beizubringen, wie sie sich schützen können, sollten wir den Fokus auf die Jungs und Männer legen. Zum einen ist damit die Erziehung unserer Söhne gemeint, aber auch die Folgen und Strafen für männliche Gewalttäter.

Denn diese Strafen fallen – vor allem bei weißen Männern – noch immer erschreckend mild aus. Um nur ein prominentes Beispiel zu nennen: Brock Turner missbrauchte 2015 eine bewusstlose Studentin nach einer Party und verbrachte gerade einmal drei Monate hinter Gittern.

Die Gegenbewegung #NotAllMen

Mit der Aufregung um Sarah Everards Mord und der weltweiten Protestbewegung geht auch eine Gegenbewegung einher. "Not All Men" (dt. "Nicht alle Männer") lautet der Leitspruch und gleichzeitig auch das Argument derer, denen die Diskussion um die männliche Gewalt gegen Frauen so gar nicht in den Kram passt.

Erstmals tauchte die Botschaft #NotAllMen im Zuge der #MeToo-Bewegung 2016 auf. Damals wie heute wird der Hashtag von seinen vorwiegend männlichen Verfechtern genutzt, um die Stimmen von Opfern geschlechtsmotivierter Gewalttaten mit dem Argument, dass eben nicht alle Männer zu Tätern werden, zum Verstummen zu bringen.

Die vielen Männer, die zum Argument "Not All Men" greifen, weil sie sich von Vorwürfen männlicher Gewalt gegen Frauen persönlich angegriffen fühlen, machen sich somit zum Teil des Problems. Sie wollen die Diskussion auf das Leiden der Männer lenken, anstatt den Opfern Gehör und Unterstützung zu schenken.

Schauspielerin und Aktivistin Jameela Jamil bringt in einem Twitter-Post gut auf den Punkt, warum diese Debatte nicht nur fehl am Platz, sondern völliger Schwachsinn ist:

"Es ist wahr, dass #NichtAlleMänner Frauen verletzen. Aber bemühen sich alle Männer darum, dass ihre männlichen Mitmenschen Frauen nicht verletzen? Unterbrechen sie belästigendes Verhalten von anderen? Sprechen sie mit ihren Söhnen über die Sicherheit von Frauen? Sind #AlleMänner an unserer Sicherheit interessiert? Ihr könnt euch nicht von der falschen Seite ausschließen, wenn ihr nicht aktiv für die richtige Seite kämpft."

"Not all men – but all women"

Als #NotAllMen nach Sarah Everards Tod auf Twitter die Runde machte, wurde wieder ein anderer Hashtag populär: #NotAllMenButAllWomen heißt übersetzt so viel wie "Nicht alle Männer, aber alle Frauen". Mit dieser Phrase soll anerkannt werden, dass sich zwar nicht alle Männer gewaltsam an Frauen vergehen – aber dass so gut wie jede Frau schon einmal Misogynie, sexuelle Übergriffe oder sogar Missbrauch erlebt hat.

Denn darin liegt die wirklich erschreckende Wahrheit. Ich kenne keine Frau in meinem Umfeld, die nicht schon ein solches Erlebnis gemacht hat, das sie nachhaltig geprägt hat. Viel zu oft habe ich mich mit Frauen schon über die Verhaltensweisen unterhalten, die man sich zum eigenen Schutz angeeignet hat. Man klemmt sich den Schlüssel zwischen die Finger, telefoniert mit der besten Freundin oder wechselt mit einem unguten Gefühl zügig die Straßenseite.

Und diese Wahrheit wird auch unter dem Hashtag #NotAllMenButAllWomen belegt. Denn dort teilen Frauen zu Tausenden ihre Erfahrungen mit Übergriffen, Gewalt und Sexismus. Es sind Geschichten, die nicht einfach zu erzählen sind. Aber sie sind eben wichtig, um zu zeigen: #NotAllMen ist hinfällig.

Denn es müssen auch gar nicht "alle Männer" sein. Es sind bereits genug, damit wir Frauen uns alleine, nachts oder an einem unbekannten Ort nicht sicher fühlen. Deshalb, liebe Männer: Erzählt uns nicht, dass wir keine Angst vor euch haben müssen. Schließlich können wir auf den ersten Blick nicht erkennen, wer diejenigen sind, die uns Schaden zufügen wollen.

Was Männer tun können

Wir Frauen haben also lange genug alles dafür getan, um uns und unsere weiblichen Mitmenschen zu schützen. Es ist an der Zeit, dass Männer aktiv werden. Aber was genau können Männer tun, um die Gesellschaft für Frauen zu einem sichereren Ort zu machen? Es ist ganz einfach, liebe Männerwelt:

  • Wenn ihr mitbekommt, wie ein Freund oder Bekannter abwertend über eine Frau spricht, setzt euch für sie ein und macht deutlich, dass das nicht in Ordnung ist.
  • Wenn ihr seht, wie eine Frau belästigt wird, greift ein und unterstützt sie.
  • Wenn eine Frau alleine unterwegs ist, haltet Abstand oder wechselt sogar die Straßenseite, damit sie weiß, dass ihr sie nicht verfolgt.
  • Wenn eine Frau euch von einem Vorfall erzählt, bei dem sie belästigt oder angegriffen wurde, zweifelt ihre Erzählung nicht an. Hört ihr zu und macht deutlich, dass ihr hinter ihr steht.
  • Geht mit gutem Beispiel voran. Zeigt vor allem Jungs und jüngen Männern, wie man sich Frauen gegenüber richtig und respektvoll verhält.

Diese Dinge sind für Männer gar nicht schwer umzusetzen. Und doch nehmen sie uns Frauen eine enorme Last ab. Vielleicht werden diese Dinge unsere Angst, alleine im Dunkeln den Heimweg anzutreten, nicht von heute auf morgen auslöschen – aber sie sind ein erster, wichtiger Schritt in die richtige Richtung.