Home / Buzz / Beliebt im Netz / Aktivismus in Zeiten der Angst: Diese 70-jährige Berlinerin geht auf eigene Faust gegen Nazis vor

Buzz

Aktivismus in Zeiten der Angst: Diese 70-jährige Berlinerin geht auf eigene Faust gegen Nazis vor

von Maike Schwinum Veröffentlicht am 22. Dezember 2016

"Ich will Stellung beziehen. Und das nicht nur mit leeren Worten, sondern aktiv."

Auf den ersten Blick ist Irmela Mensah-Schramm keine auffällige Persönlichkeit. Die 70-Jährige trägt eine dunkelblaue Steppjacke und eine Brille und wirkt wie eine ganz normale deutsche Rentnerin. Doch tatsächlich ist Irmela stets auf einer Mission, einer Mission gegen Hass, Rassismus und rechte Propaganda. Denn wo auch immer ihr Sticker, Graffiti oder andere Nazi-Botschaften begegnen, greift sie ein.

Irmela bezeichnet sich selbst als "Poli-Putze" und ist hauptsächlich in ihrer Wahlheimat Berlin, aber auch in vielen anderen europäischen Städten unterwegs. Bewaffnet mit Sprühdose, Nagellackentferner und Schaber zieht die Rentnerin durch die Straßen und greift ein, wenn es nötig ist. Hakenkreuze werden mit einem roten Herz übersprüht, Sticker mit Hassbotschaften werden von Laternen gekratzt und Hetze auf Hauswänden wird beseitigt.

Ihr "Werkzeug" trägt die Aktivistin in einem Jutebeutel, auf dem in großen Buchstaben handgeschrieben steht: "Gegen Nazis" - eine klare Botschaft. "Mich macht diese Hass-Propaganda wirklich betroffen", erklärt Irmela im Gespräch mit dem amerikanischen Nachrichtensender 'CNN'. "Ich will Stellung beziehen. Und das nicht nur mit leeren Worten, sondern aktiv."

Bereits Anfang der 80er-Jahre begann Irmela mit ihrem Putzen gegen Hassbotschaften: Sie entdeckte einen Aufkleber an der Bushaltestelle nahe ihrer Wohnung, der den Nazi-Kriegsverbrecher Rudolf Hess glorifizierte. Kurzerhand kratzte die gebürtige Stuttgarterin ihn mit ihrem Haustürschlüssel ab. Und so war die Leidenschaft, den "geistigen Schmutz" zu bekämpfen, geboren.

Fast ihre gesamte Freizeit verbringt die 70-Jährige inzwischen damit, Hass-Vandalismus zu beseitigen - manchmal bis zu 17 Stunden am Tag. Vor allem Sticker sind laut Irmela ein Problem und seit der Flüchtlingskrise 2015 haben diese sich umso stärker vermehrt. Jeden Sticker und jede braune Hetze, die die Rentnerin beseitigt, sammelt sie in einem Ordner - es sind seitenweise Hassbotschaften.

Für ihr Engagement wurde Irmela bereits mehrfach ausgezeichnet und erhielt unter anderem den Preis Aktiv für Demokratie und Toleranz der deutschen Bundesregierung. Doch ihr Aktivismus stößt nicht nur auf Begeisterung, und so musste sie auch schon mit Morddrohungen, gewalttätigen Übergriffen und Anzeigen wegen Sachbeschädigung kämpfen. Aber an Aufgeben ist für Irmela nicht zu denken.

"Die Hemmschwelle für den Missbrauch von Meinungsfreiheit hat sich in den letzten Jahren verringert", so die Renterin im Interview. "Ich glaube, es hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Die Menschen sagen mir, ich sei intolerant und hätte keinen Respekt für die Meinungsfreiheit der Rechten. Aber ich sage: Meinungsfreiheit hat ihre Grenzen. Sie hört da auf, wo Hass und Menschenverachtung beginnt."

von Maike Schwinum