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Sex, Drugs & Feminismus: So ticken die neuen Serienfrauen

von Nicole Molitor Erstellt am 4. März 2020
Sex, Drugs & Feminismus: So ticken die neuen Serienfrauen© Netflix

Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen schreiben Seriengeschichte. Von diesen fünf starken Serienfrauen können wir noch jede Menge lernen.

Vorbei die Zeiten, in denen Männer die Serienhelden waren. Seit geraumer Zeit boomen bei Netflix und Amazon Serien mit starken Frauencharakteren. Sie zeigen uns nicht nur, wie viel Spaß Emanzipation machen kann, sondern auch wie schwer es Frauen immer noch haben.

Während die berühmten Vorreiterinnen aus Comedys wie 'Die Nanny', 'Sex and the City' oder 'Gilmore Girls' noch recht flach gezeichnet waren, sind die neuen Wilden mit einem komplexen Charakter gesegnet. Die Ecken sind rauer, die Macken größer – und das Frauenbild authentischer.

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Statt belehrend den Zeigefinger zu heben, strecken die neuen Emanzen lieber laut den Mittelfinger aus. Trotz oder gerade wegen ihrer schlechten Gewohnheiten sind sie für uns die neuen Gesichter des Feminismus. Und der ist mutiger, frecher, aber auch verletzlicher als je zuvor.

Nicht selten rollen die neuen Powerfrauen das Feld von hinten auf und stellen ihre männlichen Serienpartner sogar als Nebenfiguren in den Schatten. Andere sind echte Wiederholungstäter. Ihre Darsteller sind längst eine Art Gütesiegel für starke Frauenrollen.

Bei der Fülle an weiblichen Serienfiguren war es gar nicht so leicht, eine Auswahl an besonders leuchtenden "Vorbildern" zu treffen. Die Crème de la Crème könnt ihr hier bewundern: Von diesen fünf Serienfrauen können wir uns in in Sachen Selbstbestimmung und Lebensfreude noch ein paar Scheiben abschneiden.

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1. Fleabag in 'Fleabag' (2016, 2019)

Sie joggt auf dem Friedhof, furzt im Aufzug, nutzt Sex als Ablenkung und schmarotzt sich wie ein Sack voll Flöhe (daher ihr Name und der Serientitel) durch London – Fleabag ist alles, außer gewöhnlich.

Während sie dabei so gut wie kein Fettnäpfen auslässt, kommentiert sie ihr Leben in irrwitzigen Monologen, die mindestens so zynisch sind wie die berühmten Einschübe von Francis Underwood in 'House of Cards' (2013–2018).

Neben dem reichen Innenleben und einer sehr bildhaften Fantasie schätzen wir an Fleabag vor allem, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt und genau das tut, was ihr gerade in den Sinn kommt. Sei es noch so abwegig.

Als verpeilte Emanze ("Ich glaube, ich wäre nicht so eine Feministin, wenn ich größere Brüste hätte") zeigt Fleabag uns, dass auch Frauen Arschlöcher sein können. Und dass man sich für nichts schämen muss. Höchstens vielleicht, wenn man erwischt wird, wie man zu einer Obama-Rede masturbiert.

Funfact: Phoebe Waller-Bridge hat 'Fleabag' in Personalunion auf die Bühne gebracht. Sogar wortwörtlich. Denn bevor die Dramedy-Serie bei Amazon lief, war sie als Theaterstück zu sehen. Phoebe schrieb nicht nur das Drehbuch, sondern spielt auch selbst die Rolle der Fleabag. Kein Wunder, dass die Rolle ihr so auf den Leib geschnitten ist.

Im Video: Powerfrauen aus unseren Lieblingsserien

Video von Jutta Eliks

2. Nadia Vulvokov in 'Matrjoschka' (2019)

In 'Matrjoschka' (Original 'Russian Doll') kämpft Protagonistin Nadia nicht nur gegen die nervige Zeitschleife, in der sie an ihrem 36. Geburtstag festhängt. Schon bevor sich der Tag für sie ständig wiederholt, wird deutlich, dass sie in einer fetten Midlife Crisis steckt.

Auf ihrer Art der Sinnsuche flucht, raucht, säuft und schläft sich Nadia durch die russische Hipsterszene. Wie sie selbst sagt, gibt es keine Droge, die sie noch nicht ausprobiert hat. Sie kommt gut in der oberflächlichen Welt zurecht, ist aber eigentlich ein Filme zitierender Nerd und hat ganz schön an einem Kindheitstrauma zu knabbern.

Nadia Vulvokov hat nicht nur eine super starke Persönlichkeit, sie hat sich auch eine kindliche Neugierde bewahrt, die sie hinter feministischem Kampfgebahren und einer getönten Sonnenbrille versteckt.

Am meisten lieben wir an ihr, wie unvoreingenommen sie auf wildfremde Menschen zugeht. Sie kommt mit jedem ins Gespräch und erlebt dadurch die kuriosesten Dinge.

Angesichts der Zeitschleife hat sie gut lachen, könnte man sagen. Schließlich kann sie sich nachts im Park auch von einem Obdachlosen die Haare schneiden lassen, ohne Angst haben zu müssen, abgemurkst zu werden und wirklich zu sterben. Trotzdem: Von Nadias Weltoffenheit können wir noch viel lernen.

Funfact: 'Matrjoschka' ist eine der wenigen Serien unserer Zeit, die nur von Frauen geschrieben wurde. Neben Hauptdarstellerin Natasha Lyonne gehören hier auch Amy Poehler und Leslye Headland zu den kreativen Masterminds.

Natasha Lyonne hat uns übrigens schon als Nicky in 'Orange is the New Black' (2013–2019) gezeigt, was eine feministische Harke ist. 'Matrojschka' ist ihr ganz persönliches Baby und hat teilweise sogar autobiografische Züge.

3. Jessica Jones in 'Marvel’s Jessica Jones' (2015–2019)

Weibliche Superhelden gibt es nicht allzu viele. Und wenn, tragen sie meist sexy Spandexanzüge oder einen wehenden Umhang. Jessica Jones ist da das genaue Gegenteil. Sie kommt in Lederjacke, T-Shirt und zerschlissenen Jeans daher und macht gerne einen Witz aus ihren Superkräften.

Jessica Jones ist Alkoholikerin und Kettenraucherin, steht auf harten Sex und hat ein sehr loses Mundwerk. Seit ein Mann (Superheldenbösewicht Kilgrave) sie vergewaltigt und manipuliert hat, ist sie gebrochen und auf Selbstzerstörungskurs. Männer und andere Mitmenschen hält sie auf Abstand und schützt ihre innere Verletzlichkeit durch eine extrem harte Schale.

Ihr ambivalenter Charakter macht Jessica Jones zu einer der stärksten Serienheldinnen seit Langem. Ein Vorbild ist sie nicht gerade in ihren Lastern, aber in ihrer Emanzipation.

Sie lacht kaum – schon gar nicht, um einem Mann zu gefallen. Überhaupt versucht sie nie, sich anzubiedern. Jessica Jones zeigt uns, dass es in Ordnung ist, nicht Everybody's Darling zu sein. Und dass wir uns als Frau niemandem unterordnen müssen.

Funfact: Die Schauspielerin Krysten Ritter gibt Jessica Jones den Look eines echten Underdogs. Was immer mitschwingt, ist die Erinnerung an ihre frühere Rolle als Jane Margolis in 'Breaking Bad' (2008–2013). Als Partnerin von Jesse Pinkman mimt sie darin eine rebellische Tätowiererin, die an einer Überdosis Heroin stirbt.

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4. Jean Milburn in 'Sex Education' (2019)

Zugegeben, für einen Teenager kann es ziemlich peinlich sein, eine feministische Mutter zu haben. So hat es Otis in 'Sex Education' nicht immer leicht mit seiner emanzipierten Mama, der Sextherapeutin Dr. Jean Milburn.

Wir finden allerdings, dass Jean eine mega Mutter ist. Sie lässt Otis viel Freiraum, respektiert seine Privatsphäre (weitestgehend) und steht ihm immer mit Rat und Tat zur Seite – egal, ob gewünscht oder nicht.

Darüber hinaus ist Jean aber in erster Linie eine klasse Frau: Selbstbestimmt und selbstbewusst. Sie steht ihren Mann bzw. Frau vor der gesamten Schul- und Elterngemeinde und kann sogar dem Lehrerpatriarchat noch einiges in Sachen Lebenserfahrung und Sexualität beibringen.

Auch wir haben viel von Jean gelernt: Dass man nur wasserbasierte Gleitgele zusammen mit Kondomen benutzen sollte, zum Beispiel. Aber auch, dass es leicht ist, mit Menschen intim zu werden, es aber Stärke verlangt, um jemanden wirklich an sich heranzulassen. Und dass es keine Schande ist, sich seinen Ängsten zu stellen.

Funfact: Dass Dr. Jean Milburn so eine kultivierte und inspirierende Serienfrau abgibt, ist auch Gillian Anderson zu verdanken. Wir haben die Schauspielerin wahrscheinlich für immer als pragmatische FBI-Agentin Dana Scully aus 'Akte X' (1993–2002, 2016–2018) im Gedächtnis.

Für den feministischen Rahmen sorgt ebenfalls die Assoziation mit Gillian Anderson als kühle Blondine in neueren Serien wie 'Hannibal' (2013–2015) oder 'The Fall' (2013–2016).

5. Fiona Gallagher in 'Shameless' (2011–2019)

Fiona Gallagher (Emmy Rossum) lehrt uns, dass auch etwas aus jemandem werden kann, der nicht aus bestem Hause stammt. Mit 16 Jahren übernimmt Fiona die Mutterrolle in der Familie, da sich die leibliche Mutter aus dem Staub gemacht hat. Papa Frank ist ebenso keine Hilfe, da er ständig blau ist und sich sowieso nur für sich selbst interessiert.

Sie nimmt die miesesten Gelegenheitsjobs an, um ihre fünf jüngeren Geschwister durchzufüttern und kämpft für sie, als wären sie ihre eigenen Kinder. Lob und Dank gibt es für Fiona kaum. Doch davon lässt sie sich nicht entmutigen, denn sie ist eine der größten weiblichen Kämpferinnen der Seriengeschichte.

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Sie rebelliert, prügelt sich und ist der Inbegriff der Serie: absolut schamlos. Trotz der widrigen Umstände ist Fiona eine stolze Frau, die nichts auf ihre Familie kommen lässt. Egal, für wie "asozial" andere sie halten, sie beweist immer wieder ihre soziale Ader.

Uns imponiert vor allem Fionas Durchhaltevermögen. Sie steckt immer wieder ein, ohne sich dadurch kleinkriegen zu lassen. Bis zuletzt bleibt Fiona sich selbst treu und schafft schlussendlich sogar den Absprung. Damit gelingt ihr, was sich letztlich jede feministische Serienfigur wünscht: Ein freies, selbstbestimmtes Leben.