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Eurovision Song Contest 2011: Schmalz schlägt Schabernack

von Julia Windhövel Veröffentlicht am 15. Mai 2011

Diesen Startschuss hat sich Stefan Raab natürlich nicht nehmen lassen: Nach einer charmanten und souveränen Begrüßung durch Anke Engelke und Judith Rakers auf Deutsch, Englisch und Französisch stürmte er auf die Hauptbühne und ließ es krachen. Natürlich nicht mit irgendeinem Song. Der erste Song des Eurovision Song Contest 2011 war der Gewinner aus dem letzten Jahr: 'Satellite'. In David Hasselhoff-Pose stand er mit Gitarre vor dem Mikro, am Ende wechselte er sogar ans Schlagzeug. Und natürlich ließ es sich auch Lena nicht nehmen, zu ihrem Gewinner-Hit auf der Bühne zu erscheinen und den Eurovision Song Contest zu eröffnen.

Einen nicht ganz so lautstarken Start legte Oskar Paradise aus Finnland hin: Der angebliche Traum aller Schwiegermütter trällerte sein Liedchen ins Mikro und wirkte dabei genauso langweilig wie seine Frisur. Oskar? Ab in die Mülltonne! Trotz ruhigem Start war die Stimmung in Düsseldorf bombastisch. Tausende jubelten von den Rängen, schwenkten Fähnchen und klatschten begeistert mit.


Schweden: Mehr fürs Auge als fürs Ohr
So richtig krachen ließen es erst die zwei verrückten Zwillinge aus Irland wieder, die mit schrillem Outfit und Frisuren die Menge mit ihrem Ohrwurm 'Lipstick' zum Toben brachte. Ihren fulminanten Auftritt verdankten die zwei allerdings weniger ihren Stimmen als der beeindruckenden Video-Installation im Hintergrund. Irgendwie enttäuschend: Eric aus Schweden. Der performte zwar souverän, wirkte ansonsten aber recht fad. Warum er trotzdem so weit vorn landete? Er war eben eindeutig etwas fürs Auge!

Estland setzte auf eine geballte Portion Mädchenpower - die aber leider wie ein Katy Perry-Verschnitt für Anfänger rüberkam. Kein Wunder, dass sie so weit hinten landeten. Ums Imitieren schien es auch beim nächsten Act zu gehen. Loucas Yiorkas feat. Stereo Mike betraten die Bühne. Als Stereo Mike zu singen begann, hatte man kurzzeitig den Eindruck, er wolle einen älteren Bruder imitieren. An dem missglückten Coolnessfaktor konnte auch Loucas nichts retten. Seine Fans in Europa sahen das anders: Sie wählten Griechenland unter die Top Ten. Nach einer Tanzeinlage à la Backstreet Boys in ihren besten Zeiten aus Russland betrat Napoleon die Bühne. Natürlich nicht wirklich Napoleon, aber Frankreich schickte mit dem jungen Tenor Amaury Vassili einen wirklich starken Kandidaten ins Rennen, der auf korsisch die Herzen höherschlagen ließ. Belohnt wurde der klassische Auftritt allerdings nicht: Frankreich landete im hinteren Feld.

Der Auftakt zu guter und gleichzeitig unterhaltsamer Musik war gemacht: Italien und die Schweiz verzauberten mit gelungenem Jazz, ein bisschen Pop und ein bisschen Swing. Italien heimst hochverdient den zweiten Platz ein, die Schweiz muss sich trotz guten Gesangs mit dem letzten Platz begnügen. Von England, die wie ein altersschwacher Abklatsch von 'East 17' wirkten, und Moldawien (was waren das denn für Termitenhügel-Hüte?) abgesehen ging es super weiter, denn dann kam endlich Lena. Und trotzte allen Kritikern.

Lena kommt souverän unter die Top Ten
Ihr Auftritt war absolut cool und sehr souverän. In einem eleganten schwarzen Overall stand sie auf der Bühne, ihre Nervosität, von der sie zuvor in Interviews gesprochen hatte, war ihr nicht anzusehen. Lena wirkte viel erwachsener als im letzten Jahr und verzauberte durch ihre ganz eigene Art, mit dem sie 'Taken By A Stranger' zum Besten gab. Ihre Hoffnung, im Mittelfeld zu landen, wurden zu Recht übertroffen: Der 10. Platz ist hoch verdient und ein tolles Ergebnis für die 19-Jährige, die jetzt erstmal ordentlich Urlaub machen will.

Einen wirklich durch und durch gelungenen Auftritt legte Nadine Beiler aus Österreich hin, deren Stimme an Whitney Houston erinnerte und die zum Glück von keinem muskelbepackten Bodyguard mit Namen Kevin von der Bühne gestoßen wurde. Belohnt wurde ihre gute Stimme allerdings nicht, Österreich landete auf den hinteren Plätzen.

Am Ende siegte Schmalz über schönen Gesang: Aserbaidschan gewinnt den Eurovision Song Contest 2011. Das Liebesduett entwickelte sich - entgegen der Meinung der Jury - zum absoluten Publikumsliebling und siegte mit deutlichem Abstand vor dem zweitplatzierten Italien.

Genauso fraglich wie der Sieg Aserbaidschans war der Überraschungsauftritt von Jan Delay - warum Stefan Raab und die Organisatoren ausgerechnet ihn vor der Abstimmung der Länder singen ließen, es wird ihr Geheimnis bleiben. Stefan Raab hatte auf jeden Fall seine Show und ließ es sich auch nicht nehmen, höchst persönlich die Eurovisions Hymne auf der Gitarre zu spielen. Eine insgesamt gelungene Show mit nicht immer nachvollziehbaren Ergebnissen ist in Düsseldorf über die Bühne gegangen. Wir sind gespannt, was Aserbaidschan im nächsten Jahr auf die Beine stellen wird.

von Julia Windhövel