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Kampf gegen den Brustkrebs: Letzter Ausweg Mastektomie?

von der Redaktion Veröffentlicht am 9. Mai 2018
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Frauen wie Angelina Jolie, Christina Applegate und Anastacia haben im Zusammenhang mit Brustkrebs eine endgültige Entscheidung getroffen: Sie entschieden sich für eine Mastektomie - sie ließen sich ihre Brüste abnehmen.

Allein in Deutschland erkranken jährlich über 70.000 Frauen an Brustkrebs. Rund 17.000 davon sterben an den Folgen. Was genau ist eine Mastektomie und kann sie helfen im Kampf gegen den Brustkrebs?

Was ist eine Mastektomie?

Wird das Brustgewebe vollständig oder teilweise chirurgisch entfernt, spricht man von einer Mastektomie. Dabei wird nicht unterschieden, ob es sich dabei um die Brust einer Frau oder eines Mannes handelt. Auch die Entfernung des Milchdrüsengewebes von Säugetieren wird als Mastektomie bezeichnet. Es gibt unterschiedliche Formen der Mastektomie, so wird teilweise die Brustwarze mit Warzenhof erhalten, es gibt jedoch auch Fälle, bei denen auch dieser Bereich entfernt wird.

Es gibt weitere Bezeichnungen für die Abtragung des Brustgewebes, die als Synonym für Mastektomie verwendet werden: Brustamputation, Mamma-Amputation oder Ablatio mammae. Die beiden ersten Begriffe stehen für eine vollständige Entfernung der Brust inklusive Brustwarze. Kann die Brust erhalten werden und es wird nur ein kleinerer Tumor entfernt, sprechen Mediziner von einer partiellen Mastektomie bzw. Lumpektomie oder von Quadrantektomie.

Experteninterview mit Prof. Dr. Tanja Fehm zum Thema Mastektomie

Prof. Dr. Tanja Fehm, Professorin für Frauenheilkunde an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf und Klinikdirektorin sowie Leiterin des Brustkrebszentrums, beantwortet im Interview mit gofeminin.de die wichtigsten Fragen zur Mastektomie.

Wann ist eine Mastektomie medizinisch erforderlich?

Prof. Dr. Tanja Fehm: Sie ist erforderlich im Rahmen einer ausgedehnten Brustkrebserkrankung. Außerdem kann sie erforderlich sein und dem Wunsch der Patientin entsprechen, wenn eine BRCA1- oder BRCA2-Mutation, sprich eine erbliche Disposition, vorliegt. Auch bei Vorstufen von Brustkrebs kann eine Mastektomie erforderlich sein, wenn diese sehr ausgedehnt ist.

Was wird dabei alles entfernt?

Prof. Dr. Tanja Fehm: In der Regel wird das entsprechende Brustdrüsengewebe entfernt. Es gibt drei unterschiedliche Formen der Mastektomie. Die klassische Form bei Brustkrebserkrankungen ist die radikale Mastektomie, bei der ein großer Teil des Hautmantels entfernt wird.

Dann gibt es die hautsparende Mastektomie, bei der ein großer Teil der Haut stehen gelassen wird, sodass man ein Implantat einlegen kann und die Haut nicht künstlich dehnen muss. Bei der brustwarzensparenden Mastektomie wird so operiert, dass die Brustwarze erhalten werden kann, sodass man von außen nicht zwangsläufig sieht, dass das Drüsengewebe entfernt wurde.

Wann kann eine Rekonstruktion der Brust vorgenommen werden?

Prof. Dr. Tanja Fehm: Bei der radikalen Mastektomie muss die Haut erst mit einem Expander vorgedehnt werden, bevor man ein Implantat einsetzen kann. Oder es findet ein Aufbau mit Eigengewebe statt, zum Beispiel aus Bauchdecke oder Rückenmuskel. Bei der brustwarzensparenden und hautsparenden Variante wird ein Implantat in der Regel sofort eingesetzt. So wird auch bei der prophylaktischen Mastektomie regelmäßig vorgegangen.

Stichwort prophylaktische Mastektomie: Angelina Jolie ließ sich vorsorglich ihre Brüste abnehmen, ohne an Krebs erkrankt zu sein, weil bei ihr das sogenannte Brustkrebs-Gen vorlag. Was ist das für ein Gen?

Prof. Dr. Tanja Fehm: BRCA1 und BRCA2 sind die sogenannten Brustkrebsgene. Mittlerweile hat man aber die Palette der Gene erweitert, die mit Brustkrebs einhergehen. Auch RAD51-B ist ein solches Gen, das für Brustkrebs verantwortlich gemacht wird.

Ist eine Amputation bei Trägerinnen des sogenannten Brustkrebs-Gens ratsam?

Prof. Dr. Tanja Fehm: Nein. Es gibt neben der Möglichkeit der prophylaktischen Brustabnahme die Alternative der intensivierten Früherkennung. Dabei werden die Patientinnen regelmäßig in Mammographie, Brustultraschall und Tastuntersuchung voruntersucht. Die Idee dahinter ist, dass man Brustkrebs so früh erkennt, dass die Patientin bei einer Behandlung komplett geheilt werden kann.

Bei der prophylaktischen Mastektomie kann man das Brustkrebsrisiko um 95 Prozent senken, jedoch bleibt auch hier ein Restrisiko für Brustkrebs bestehen. Die Frauen entscheiden sich derzeit tendenziell für die intensivierte Früherkennung, da die Mastektomie doch ein schwerer Eingriff ist.

In wie viel Prozent der jährlichen Erkrankungen sind diese auf erbliche Faktoren zurückzuführen?

Prof. Dr. Tanja Fehm: Etwa 5 bis maximal 10 Prozent der jährlichen Brustkrebserkrankungen sind auf erbliche Vorbelastungen zurückzuführen. Bei diesen Patientinnen mit genetischer Vorbelastung sind es schätzungsweise 10 bis 20 Prozent, die sich operieren lassen. In unserem Zentrum lassen sich sogar 40 bis 50 Prozent der erblich Vorbelasteten vorsorglich die Brüste abnehmen.

Sind die Überlebenschancen bei einer Mastektomie größer als bei einem Brusterhalt?

Prof. Dr. Tanja Fehm: Nein. Eine brusterhaltende Therapie wird nur bei bestimmten Grundvoraussetzungen gewählt und in der Regel mit einer Strahlentherapie kombiniert. Es gibt durchaus Frauen, die eine Bestrahlung ablehnen und in diesem Fall ist natürlich das Risiko für Krebs deutlich erhöht. Im Falle einer Bestrahlung aber ist man genauso sicher wie bei einer Mastektomie. Die meisten Frauen entscheiden sich für den Brusterhalt, wenn es möglich ist. Das ist mit den heutigen Verfahren sehr gut möglich und die Strahlentherapie ist relativ nebenwirkungsarm.

Welche Risiken birgt die vollständige Entfernung der Brust?

Prof. Dr. Tanja Fehm: Das Körperbild wird verändert. Die Patientin muss bei der radikalen Operation zunächst eine Prothese tragen, was ein emotionales Problem darstellen kann. Hinzukommen die gewöhnlichen Operationsrisiken, wie Wundinfektionen, Thrombose, Embolie und Wundheilungsstörungen. Das kann allerdings bei einer brusterhaltenden Therapie ebenfalls auftreten.

Es ist für viele Frauen außerdem eine große emotionale Belastung. Viele können ihre operierte Seite gar nicht anschauen, weil sie nicht damit klarkommen, dass da etwas fehlt. Außerdem kann es auch ein orthopädisches und symmetrisches Problem sein, wenn die Patientin eine große Brust hat und nun eine Seite fehlt. Deshalb muss in diesen Fällen oft die andere Brust auch verkleinert werden.

Erhalten die Frauen psychologische Betreuung?

Prof. Dr. Tanja Fehm: Ja, das ist Standard. Jeder Brustkrebspatientin muss eine psycho-onkologische Betreuung angeboten werden. Dazu sollte jede Patientin befragt werden. Es gibt mittlerweile auch gute Screening-Tools wie Fragebögen, die herausfinden, ob die Patientin Betreuung braucht. Viele Frauen denken, sie hätten die Situation gut im Griff, obwohl sie am Limit sind.

Sind das besonders geschulte Kräfte?

Prof. Dr. Tanja Fehm: Ja, das erfordert eine Spezialisierung und es gibt Psychosomatiker, die dann in der Regel eine psycho-onkologische Zusatzausbildung haben. Krebspatienten haben ganz andere Bedürfnisse und Probleme als Menschen, die beispielsweise einen Todesfall verarbeiten.

Das Interview mit Prof. Dr. Tanja Fehm wurde im Jahr 2013 veröffentlicht.

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Anastacia 2003 © Getty Images
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