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6-Stunden-Tag & freie Gehaltswahl: Wie gut sind die neuen Jobmodelle wirklich?

Fiona Rohde
von Fiona Rohde Veröffentlicht am 21. September 2016
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Alle Welt redet von Work-Life-Balance. Aber dennoch hocken die meisten von uns tagtäglich von morgens bis abends im Büro. Dabei gibt es längst neue Modelle.

Seit 1918 haben wir in Deutschland den 8-Stunden Arbeitstag, im Schnitt malochen wir 41,5 Stunden die Woche. Kein Wunder, wenn wir dann abends einfach nur noch erschöpft auf die Couch sinken. Dabei hat die Suche nach moderneren Arbeitsmodellen längst begonnen. Wenn auch nur an ausgewählten Orten. Der gemeine Arbeitnehmer in Deutschland bekommt davon eher selten etwas zu spüren.

Die Rechnung ist so simpel wie einleuchtend: Wer seinen Mitarbeitern etwas gönnt und sie somit glücklicher und zufriedener macht, erhält auch etwas zurück. Nämlich motivierte und produktivere Arbeitskräfte. Dennoch scheuen sich viele Unternehmen, etwas an dem bewährten Nine-to-five zu ändern. Schade, denn der Versuch zeigt, dass es funktionieren kann.

Es reicht eben heutzutage nicht mehr, einem frustrierten Mitarbeiter einen Bonus anzubieten und schon funktioniert er wieder wie ein Duracell-Hase. Denn der Traum der meisten Arbeitnehmer ist schlichtweg der: Mehr Zeit für sich, für Privates, für die Familie. Und die lässt sich mit Geld nicht erkaufen!

Manche Unternehmen zeigen guten Willen, und stellen ihren Mitarbeitern all das auf der Arbeit zur Verfügung, was ihnen ein wenig Privatleben ins Büro holt: Sei es der Kickertisch, der Fitnessraum, das gemeinsame After-Work-Bier oder der mobile Massage-Service. Die Sehnsucht nach mehr Freizeit lindert das aber eher wenig.

Nine-to-five ist kontraproduktiv

​Aber es geht eben auch anders. So hat das "Executive Education Program" der Sloan School of Management am Massachusetts Institute of Technology vor kurzem eine recht simple Methode getestet, um Mitarbeiter zu motivieren. Und zwar, indem sie sich ihre Arbeitszeit frei einteilen konnten. Auch der Ort der Arbeit wurde flexibler gestaltet. So wurde den Mitarbeitern ans Herz gelegt, mindestens zwei bis drei Tage in der Woche woanders zu arbeiten als im Büro. Einen Tag pro Woche sollten alle wenn möglich im Büro sein. Statt Nine-to-five sollten sich alle lediglich grob an die gängigen Geschäftszeiten halten. Sechs Monate wurde das Modell ausprobiert und das Ergebnis war mehr als zufriedenstellend für alle Beteiligten - auch für die Chefetage.

Und das ist kein Einzelfall. Viele andere Testmodelle dieser Art haben gezeigt, dass Arbeitnehmer, die mehr Freiheiten haben, selbst mitzubestimmen (über Arbeitszeit, Arbeitsort, Urlaub etc.) das entgegen allen Erwartungen eben nicht schamlos ausnutzen, sondern zufriedener und deutlich produktiver arbeiten.

Wer morgens ins Büro geht und weiß: "Vor 18 Uhr komme ich hier eh nicht raus" wird, ohne dass er ein hinterhältiger Mensch ist, ganz unbewusst so arbeiten, dass er diese acht Stunden auch auslastet. Warum in den Morgenstunden drei Bäume ausreißen, um dann am frühen Nachmittag alle Aufgaben schon erledigt zu haben? Und bei einer Arbeitszeit von täglich mindestens acht Stunden, kommt es unweigerlich mal zu unkonzentrierten und unproduktiven Phasen. Auch das Gefühl: 'Mein Chef sieht nur, wie lange ich bleibe, aber gar nicht, WAS ich in den Stunden meiner Arbeit tue', motiviert wenig.

Echte Motivation

Ganz anders, wenn ein Arbeitnehmer nach fünf Stunden nach Hause gehen kann, sobald er seine Aufgaben gut erledigt hat. Oder wenn er weiß, dass er auch mal Homeoffice machen und somit ein paar Tage die Woche den Arbeitsweg mit Stau, Stress und Zeitaufwand vermeiden kann. Dass er sich entscheiden kann, ob er als Morgenmuffel erst um zehn statt um acht Uhr morgens anfängt.

Wer zudem weiß, dass der Chef einem vertraut und einem Freiheiten gewährt (weil er weiß, dass man sie nicht ausnutzt), fühlt sich nicht mehr wie ein kleines Rad im Getriebe, sondern als mitverantwortlicher "Mitunternehmer". Und so arbeitet er letztlich besser.

Leider trauen sich viele Firmen immer noch nicht an diese neuen Arbeitsmodelle heran. ​​Dabei wäre es doch viel klüger dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter sich wohl fühlen. Das senkt nachweislich Fehlstunden, Krankmeldungen und negative Stimmung im Team. Wie viel Zeit allein manch Arbeitnehmer tagtäglich mit Lästern und Schimpfen verbringt... Viel besser wäre es, einen Angestellten nach seiner Leistung, also seinem Output und der Qualität seiner Arbeit zu beurteilen, statt nur nach der Dauer seines täglichen Aufenthalts am Arbeitsplatz.

Home-Office, Gleitzeit und mehr

Glücklicherweise proben auch einige Firmen in Deutschland den Aufstand. So hat Microsoft Deutschland seit letztem Jahr die Anwesenheitspflicht für seine Angestellten abgeschafft. Seitdem sind pro Tag lediglich 20 bis 30 Prozent der Mitarbeiter im Büro. Und bei Siemens erlaubt man Beschäftigten mit Büro- und Verwaltungstätigkeiten, dass sie bis zu 20 Prozent ihrer Arbeitszeit auch von zuhause aus erledigen können.

Noch einen Schritt weiter ging der Gründer von Einhorn Condoms, Waldemar Zeiler. Bei ihm durften die Mitarbeiter Urlaub und Gehalt selbst bestimmen. Und auch das zahlte sich positiv aus. Ausgenutzt hat die Freiheiten zumindest noch keiner seiner Mitarbeiter.

Kleiner Haken

Aber nicht immer ist die Umstellung von Erfolg gekrönt: Einige schwedische Unternehmen haben getestet, ob nicht ein 6-Stunden-Arbeitstag die Regel sein sollte. Bei vollem Lohn wohlgemerkt. Hier allerdings funktionierte der Versuch nicht unbedingt. So arbeiteten die Arbeitnehmer in einem Pflegebereich letztendlich weiterhin acht Stunden pro Tag, dafür aber nur vier Tage die Woche. Das führte zwar zu entspannteren Mitarbeitern, aber auch zu deutlichen Mehrausgaben für die Unternehmen. Und das Ziel, dass die Mitarbeiter motivierter und frischer sind, weil sie jeden Tag nur sechs Stunden arbeiten, erfüllte sich auch nicht.

Letztlich sind es weit mehr Faktoren, die ausschlaggebend sind, damit ein Unternehmen funktioniert - von oben und von unten gesehen. Neben mehr Freiheiten und Selbstbestimmung gehört auch dazu, dass man sich als Mitarbeiter geschätzt fühlt, dass es eine offene Kommunikation, Vertrauen und Förderung gibt. Dennoch haben all diese Experimente und neuen Jobmodelle eines gemein: Die Unternehmen wollen motivierte Mitarbeiter haben, die gerne zur Arbeit kommen. Denn die sind viel produktiver und kreativer als jemand, der sich morgens zur Arbeit quält. Hoffen wir, dass sich das rumspricht. Denn Fakt ist: Wer sich nicht als kleines Rädchen im Getriebe sieht, der verhält sich auch nicht so. Eine simple Rechnung.

von Fiona Rohde

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