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Beschneidung: Körperverletzung oder religiöse Tradition?

von Diane Buckstegge Veröffentlicht am 16. Juli 2012

Alles fing mit einem Gerichtsurteil an. Das Landgericht Köln hatte im Juni die religiöse Beschneidung von Jungen ohne gesundheitliche Indikation als strafbare Körperverletzung gewertet. Das Urteil löste eine ganze Reihe von Diskussionen in Deutschland aus. Denn im Islam sowie im Judentum gehört die rituelle Beschneidung fest zum religiösen Brauchtum. Ein generelles Beschneidungsverbot in Deutschland wirft nicht nur bei Anhängern dieser Religionen die Frage auf: Wo bleibt da die Religionsfreiheit?

Die Beschneidung aus gesundheitlicher Sicht
Die Beschneidung an sich ist ein kleiner Eingriff, der kaum gesundheitliche Risiken birgt. Die WHO (World Health Organisation) empfiehlt ihn sogar in Schwellenländern, in denen die persönliche Hygiene nicht bestimmten Standards entspricht. Eine gesundheitlich notwendige Beschneidung wird im Krankenhaus unter Vollnarkose sowie einer zusätzlichen lokalen Betäubung in der Peniswurzel von Urologen oder Chirurgen durchgeführt. Der Arzt entfernt dabei die Vorhaut, vernäht den Schnitt und legt danach einen Verband an, der wenige Tage nach der Operation entfernt werden kann.

Aus gesundheitlichen Gründen wird ein Junge beschnitten, wenn es zu einer Verengung der Vorhaut kommt. Eine Vorhautenge ist bis zum dritten Lebensjahr normal. Löst sich die Enge bis zum fünften Lebensjahr jedoch nicht, raten Urologen zu einer Beschneidung. Durch die Verengung können sich Entzündungen und Einrisse bilden.

Ein religiöses Ritual in der Kritik
Im Islam sowie im Judentum hat die Beschneidung eine große religiöse Bedeutung, denn sie symbolisiert rituelle Reinheit (im Islam) oder den Bund mit Gott (im Judentum). An jüdischen Jungen wird sie traditionell acht Tage nach der Geburt durchgeführt, im Islam bei älteren Jungen bis zum 13. Lebensjahr. Der Kritikpunkt des Landesgerichts Köln, der zum heiß diskutierten Urteil führte: Religiöse Beschneidungen werden in einigen Fällen ohne Betäubung und ohne einen ausgebildeten Mediziner durchgeführt. Unter anderem die starken Schmerzen während des Eingriffs könnten bei den Jungen zu einem seelischen Trauma führen.

Regierung will Straffreiheit für Beschneidungen
Muslimische Verbände sowie der Zentralrat der Juden in Deutschland haben das Urteil des Kölner Landgerichts aufs heftigste kritisiert. Sie fühlen sich in ihrer Religionsfreiheit eingeschränkt. Unterstützung bekommen sie dabei auch aus der deutschen Politik. So äußerte sich Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag in Berlin: „Es muss eine zügige Lösung für dieses Problem gefunden werden. Verantwortungsvoll durchgeführte Beschneidungen müssen in Deutschland straffrei möglich sein.“ Außerdem, so Seibert, sei sich die Bundesregierung der Tatsache bewusst, "dass gerade in der jüdischen Religion die frühe Beschneidung von großer Bedeutung ist". SPD und Grüne fordern ein klarstellendes Gesetz. Und auch die CDU-Politikerin Maria Böhmer sagte der Passauer Neuen Presse: „Die Religionsfreiheit in Deutschland ist ein hohes Gut. Die jüdischen und muslimischen Menschen müssen ihren Glauben leben können.“

Wir finden: Religionsfreiheit ist ein wichtiges Gut und sollte ohne Frage jedem zustehen. Ohne das Ritual der Beschneidung können Juden oder Muslime in Deutschland ihre Religion nicht leben. Dass das ein unhaltbarer Zustand ist, versteht sich unserer Meinung nach von selbst. Auch Ärzte brauchen Rechtssichterheit, um die Eingriffe durchführen zu können. Aus Angst vor Strafverfolgung würden sie sonst das Feld medizinischen Laien überlassen und die Gefahr für die betroffenen Jungen wächst.

Allerdings muss auch an das Wohl der Kinder gedacht werden, sodass Beschneidungen in Zukunft nur unter ärztlicher Aufsicht und unter Vollnarkose erlaubt sein sollten. Letztlich geht es hier um drei wichtige Grundrechte: die körperliche Unversehrtheit, das Erziehungsrecht der Eltern und die Religionsfreiheit. Eine rechtliche Grundlage zu finden, die allen entspricht, ist nun die Aufgabe der Politik.


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