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Faszination Boulevardpresse

von der Redaktion Veröffentlicht am 13. November 2008
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Jeder hat diese Erfahrung schon einmal gemacht: Eine Geschichte über Prominente fesselt uns, wir verfolgen die Aufdeckung von privaten Abgründen eines Superstars oder wir lesen in der U-Bahn die Überschriften im Glanzmagazin unseres Gegenübers mit. Die unerreichte Welt der Schönen und Reichen ist es, die die Faszination Boulevardpresse ausmacht.

Was ist Boulevardpresse eigentlich?

Klatsch- oder Regenbogenpresse, wie die Boulevardpresse auch genannt wird, sind zum einen die täglich herausgegebenen illustrierten Zeitschriften, die meist über Straßenverkäufer oder Kioske vertrieben werden - wir kaufen sie also auf dem Boulevard, daher die Bezeichnung Boulevardpresse. Zum anderen handelt es sich um wöchentlich oder vierzehntägig erscheinende Zeitungen, die oft über Abonnements bestellt werden.

Immer gern gelesene Boulevardpresse-Themen betreffen Prominente und den Adel, Mode und Fitness, Unfälle, Katastrophen und Verbrechen, Konsum und Kochen. Es gibt für jeden etwas in der bunten Palette der bunten Blätter. Der Markt ist riesig und die Boulevardpresse nimmt einen beträchtlichen Teil der Presselandschaft ein.

Boulevardpresse lebt, im Unterschied zur puren Berichterstattung von reinen Nachrichtenblättern, von ihren Berichten und Geschichten, die unsere Gemüter erregen und Gefühle erzeugen. Oft werden die Tatsachen verkürzt dargestellt und verzerrt, bestimmte Teile werden dramatisiert, emotionalisiert und rufen bei den Lesern entsprechende Reaktionen hervor. Es geht nicht um pure Informationen. Das ist kein Geheimnis, die Leser wissen davon, erliegen aber trotzdem der Faszination Boulevardpresse. Redakteure mischen in die Berichterstattung eine gehörige Portion Unterhaltung. Was dabei entsteht, wird seit etwa zwanzig Jahren als „Infotainment“ gehandelt. Und hier beginnt der Klatsch, der uns so fasziniert.

Was macht die Faszination Boulevardpresse aus?

Wir werden als Leser berührt von Schicksalen, fiebern mit Liebeleien und Machtkämpfen von Prominenten mit, freuen uns über Nachwuchs im Adelshaus. Die Geschichten in den bunten Boulevardblättern erzählen von menschlichen Eigenheiten: Liebe und Hass, Freude und Trauer, Aufstieg und Fall.

Diese Storys geben uns Anlass zum Träumen, das eigene Leben zu betrachten und vor allem: Mit anderen zu Klatschen und zu Tratschen. Die Berichte zeigen uns das Leben außerhalb der konservativen Norm und sehen damit für die Leser schriller, schräg oder faszinierend aus. Die Konsumenten können ihr - vermutlich viel ruhiger verlaufendes - Leben mit den Storys dank der Boulevardpresse vergleichen und feststellen, was die gewohnten Verläufe, das „normale“ Leben an guten Dingen bereithält.

Die Redakteure der Boulevardpresse geben sich alle Mühe, ein Bild von bestimmten Personen aufzubauen und das Image über Wochen zu festigen. Es entstehen kleine Helden und große Versager, die dann von den Lesern als Vorbilder oder Lehrbeispiele aufgegriffen werden. Die Vermutung liegt nahe, dass es den Lesern der Boulevardpresse an persönlichen Vorbildern und Visionen im eigenen Leben mangelt.

Manchmal werden Artikelserien in der Boulevardpresse monatelang mit Vermutungen gefüllt, die vielleicht nie Bestätigungen finden. Hin und wieder wird die faszinierende Berichterstattung in der Boulevardpresse doch von der Realität eingeholt und Behauptungen können nicht weiter aufrecht erhalten werden. Dann platzt ein Image und eine Geschichte geht Zugrunde an ihren Tatsachen. Aber sie halten das Gespräch am Laufen und wir finden Aufhänger für „Smalltalk“.

Boulevardpresse ist Klatsch- und Tratsch-Journalismus

Der Anteil der Boulevardpresse am Journalismus wächst stetig. In gedruckter Form laufen die Bunten Blätter den "seriösen" Tageszeitungen den Rang ab. Um die 20 Millionen Deutsche lesen ihre tägliche Boulevardzeitung. Ihre Attraktivität und Faszination verdankt die Boulevardpresse den leicht lesbaren Texten und der Art, wie sie die Leser berühren und Gefühle hervorrufen.

Die Boulevardpresse ist zudem ein Pressesektor, in dem sich Menschen Gehör verschaffen können, die in der Nachrichtenwelt keine Stimme hätten. Allerdings unterliegt die herkömmliche Nachrichten-Berichterstattung in allen Medien einer Entwicklung hin zum Infotainment. Unfälle werden zu Sensationen und Geschichten von Prominenten landen in den einst so seriösen Abendnachrichten. Die Konsumenten sind Kunden und sprechen auf diese Storys mit Faszination an. Die Medien versuchen also, die Kundenwünsche zu befriedigen.

Klatsch ist nicht nur einfach Spaß und unterhält, er hat auch gesellschaftliche Aufgaben: Reden über neue Situationen oder andere Menschen kann entspannen und damit verhindern, dass sich ernsthafte Konflikte aufbauen. Über Dinge klatschen, die sich verändern, hilft uns Menschen, mit dieser Situation umzugehen und uns daran zu gewöhnen. Und wir fühlen, dass wir zusammengehören. Die Faszination an Boulevardpresse bewirkt also auch eine Erleiterung und Festigung sozialer Kontakte.


Hinweise zum Umgang mit Boulevardpresse

Klatschen und Tratschen in und über die Boulevardpresse hat gewisse Vorteile und manchmal werden sogar wichtige Informationen ausgetauscht. Dennoch sollten wir genau trennen können, was wir gehört oder gelesen haben und was unsere eigene Meinung oder Erfahrung ist. Genauso wichtig wie das Auseinanderhalten von Eigenem und Fremden ist, den Unterschied zwischen den Tatsachen und jemandes Beurteilung zu erkennen.

Im Gegensatz zu Klatsch über Freunde und Bekannte, bei dem wir behutsam sein müssen, stellt das Tratschen über persönlich unbekannte Personen, zum Beispiel Prominente, keine direkte Gefahr dar. Die werden kaum erfahren, was sie über ihre Liebestragödien oder angeprangerten Verhaltensweisen denken und weitererzählen. Würden sie solche verzerrten oder gar falschen Darstellungen von Geschichten über Freunde verbreiten, käme das einem Vertrauensbruch gleich.

Für die Faszination an der Boulevardpresse brauchen wir uns nicht zu schämen - allerdings sollten wir bei allem Spaß kritische Leser bleiben.

von der Redaktion

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