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Liebe & Psychologie

Häusliche Gewalt: Wenn der Partner der Täter ist

von Fiona Rohde Veröffentlicht am 4. Dezember 2019

Jede vierte in Deutschland lebende Frau hat bereits häusliche Gewalt erlebt. Denn gerade im eigenen Umfeld bzw. in der eigenen Partnerschaft sind Frauen am häufigsten von Gewalt betroffen. Was genau häusliche Gewalt bedeutet, warum die Opfer oft noch lange bei ihrem Peiniger bleiben und welche Hilfsangebote es gibt: ein Überblick.

Die Fakten rund um häusliche Gewalt sind ernüchternd. So haben laut einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) von 2014 bereits 20 Prozent der Frauen körperliche Gewalt durch eine/n Partner/in erlebt. Acht Prozent haben sexuelle Gewalt durch eine/n Partner/in erlebt. Jede zweite Frau hat eine Form der psychologischen Gewalt durch eine/n aktuelle/n oder frühere/n Partner/in erlebt und jede Vierte wurde seit ihrem 15. Lebensjahr Opfer von Stalking.

Was bezeichnet man als häusliche Gewalt?

Häusliche Gewalt bedeutet, dass es in einer häuslichen Gemeinschaft, also einer Ehe, Beziehung oder Lebensgemeinschaft zu Gewaltanwendung kommt. Dabei ist es egal, welche sexuelle Orientierung jemand hat, ob mehrere Generationen im Haus leben oder nur die Beziehungspartner, ob beide noch zusammen sind und leben oder die Wohn- und Lebensgemeinschaft gerade aufgelöst wird/wurde oder sich beide bereits getrennt haben.

Häusliche Gewalt bedeutet auch nicht zwangsläufig, dass sie innerhalb der gemeinschaftlichen Wohnräume stattfindet. Sie kann auch auf dem Weg zur Arbeit, in der Stadt, bei Freuden oder sonstwo passieren. Das vereinende Merkmal ist vielmehr, dass zwischen Opfer und Täter eine Beziehung besteht, bestand oder sich gerade in Auflösung befindet. Opfer sind meist Frauen. Leben in der Gemeinschaft auch Kinder, so sind auch sie oft von der Gewalt betroffen.

Wo fängt häusliche Gewalt an?

Meist denkt man an blaue Augen, gebrochene Nasen und Blutergüsse, wenn man an häusliche Gewalt denkt. Aber es geht deutlich weiter. Häusliche Gewalt kann auch bedeuten, dass der Partner sein Opfer demütigt, psychisch unter Druck setzt, indem er Gewalt androht, sein Opfer ignoriert, einschüchtert und beleidigt, dass es zu Vergewaltigungen, Misshandlungen, Freiheitsberaubung und Tötungsversuchen oder gar einer vollendeten Tötung kommt. All das umfasst der Begriff häusliche Gewalt.

Was sagt das Gesetz bei häuslicher Gewalt?

Häusliche Gewalt ist kein eigener Straftatbestand. Gleichwohl sind die Handlungen, die stattfinden, natürlich gesetzeswidrig und strafbar. Schließlich gilt Artikel 2 des Grundgesetzes: "Jeder Mensch hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich." Angezeigt werden in der Regel die einzelnen Strafbestände, wie Körperverletzung, Freiheitsberaubung etc.

Die Gewaltspirale

Gewalt in Beziehung folgt meist einem klassischen Muster. Anfangs scheint alles in Ordnung, bis der Partner zum ersten Mal gewalttätig wird. Danach folgt meist die große Reue, der Partner entschuldigt sich tränenreich, spielt die Gewalt herunter, verspricht Besserung. Doch die Gewaltausbrüche kommen wieder und werden mit der Zeit häufiger und brutaler.

Fakt ist: Es gibt keinen bestimmen Konflikt oder Streitpunkt, der zu dem Gewaltausbruch führt. Deshalb können die Opfer auch keiner gefährlichen Situation aus dem Weg gehen. Denn egal, was sie tun und wie (in den Augen des Täters) "richtig" sie sich verhalten, so wird sich die Gewalt dennoch immer wiederholen.

Letztlich geht es um Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen beiden Partnern. Und so werden die Übergriffe mit der Zeit immer massiver. Es ist daher ein Trugschluss vieler Opfer, die in gewalttätigen Beziehungen ausharren, dass es irgendwann besser wird und der Partner sich ändert.

Der Leidensdruck der Opfer

Das Fatale: Viele Opfer machen das Ganze mit sich allein aus und das erhöht den Leidensdruck natürlich ins Unermessliche. Allein schon wegen der Tatsache, dass man die äußerlichen Merkmale der Gewalt, wie blaue Augen, Blutergüsse oder Knochenbrüche nicht ewig lang als Folgen eines "Unfalls" erklären kann. Und so isolieren sich die Frauen zusehends – was natürlich im Sinne des Täters ist.

Nicht selten schützen die Opfer häuslicher Gewalt ihren Partner noch. Man versucht sich die Gewalt schön zu reden, glaubt dem Partner, wenn er verspricht, dass es nicht wieder passieren wird. Weil man es möchte – zumindest anfangs.

Oftmals schweigen Frauen aber auch aus Angst vor ihrem Partner. "Der findet mich doch eh und dann bringt er mich um oder tut meinen Kindern etwas an" ist nicht selten ein Grund, die Gewalt länger auszuhalten als erträglich.

20 Prozent der Frauen in Deutschland haben körperliche Gewalt durch einen Partner erlebt.

Wer Kinder hat, scheut sich oftmals auch davor, die Familie zu zerstören und ihrem Nachwuchs den Vater zu nehmen. Einige Frauen haben außerdem Angst davor, alleine ohne den Partner vor dem Nichts zu stehen und am Ende keine Wohnung, kein Geld und keinen Unterschlupf zu haben. Andere sprechen vielleicht die Landessprache nicht, fühlen sich ohne ihren Partner verloren oder werden als Ehefrau, die ihren Mann verlassen hat, gar sozial verstoßen.

Das Problem ist zudem: Durch die Gewalt (körperliche und psychische), die die Frauen erfahren, zerstören die Täter zunehmend das Selbstwertgefühl ihrer Opfer. Die Frauen schämen sich für das, was ihnen angetan wird und verlieren so die Achtung vor sich selbst. Sie sehen sich selbst als Schuldige. "Hätte ich schnell genug getan, was er wollte, dann wäre er nicht ausgerastet". Oder: "Wenn ich nur alles richtig mache, dann wird er sicherlich aufhören und alles wird wieder gut."

Die Flucht ins Frauenhaus ist da ein wichtiger Rettungsanker für Frauen in Not. Wichtig ist es in erster Linie, sie aus der Gefahrenzone herauszuholen und ihnen Schutz zu geben – anonym und abgeschirmt. Doch angesichts der zunnehmend hohen Gewalttaten gegenüber Frauen, sind die Plätze in den Frauenhäusern in Deutschland leider absolut nicht ausreichend.

Warum so viele Frauen trotz Gewalt bleiben

Natürlich ist es für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar, dass man bei einem gewalttätigen Partner bleibt, statt schleunigst davonzurennen. Aber es gibt verschiedenste Gründe für die Opfer, immer wieder bei ihrem gewalttätigen Mann zu bleiben.

Die Furcht vor der unkontrollierbaren Aggression des Partners kann dafür sorgen, dass die Frauen bei ihm bleiben, aus Angst, dass er bei einem Trennungsversuch durchdrehen und ihnen noch Schlimmeres antun könnte. Eine laut Experten nicht unbegründete Sorge: Denn oftmals sind Frauen in dem Moment der Trennung am gefährdetsten. Der Partner, der verlassen wird, wird öffentlich gedemütigt, indem die Frau ihn verlässt und die Misshandlungen womöglich öffentlich werden – was der Täter mit allen Mitteln verhindern will.

Auch sind viele Frauen versucht, ihrem Partner zu glauben, wenn er reumütigt und tränenreich Besserung gelobt. Der, der zuschlägt und misshandelt, ist dann plötzlich extrem liebevoll und fürsorglich. Durch die ständigen Gewaltausbrüche zermürbt und psychisch am Ende, haben viele Frauen auch gar nicht mehr die Kraft, endlich auszubrechen und sich auf der gefährlichen Beziehung zu befreien.

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass man als Außenstehender, als Freundin, Kollegin, Familienangehörige oder Verwandte wachsam ist, wenn man den Verdacht hat, dass jemand Opfer häuslicher Gewalt ist. Dass man nicht schweigt, sondern seinen Verdacht und seine Sorge ausspricht, das Gespräch anbietet und Hilfsmöglichkeiten aufzeigt. Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden, brauchen definitiv Hilfe von außen, um sich endlich befreien zu können.

Gerade die Tatsache, dass der, den man liebt oder geliebt hat, zum Täter wird, hinterlässt ein Gefühl tiefer Erschütterung und Lähmung. Das Zuhause, das Schutz und Geborgenheit bieten sollte, wird zum Ort des Martyriums. Der, dem man vertrauen können sollte, wird zum Täter. Es ist nachvollziehbar, wie verstörend diese Erfahrung für Betroffene sein muss.

Wenn Kinder mit Opfer der Gewalt werden

Das Schlimme: Kinder, die diese Gewalt mitbekommen oder am eigenen Leib erleben müssen, neigen in ihrem weiteren Leben oft selbst dazu, gewalttätig zu werden, weil sie Gewalt als Konfliktlösung vorgelebt bekommen haben und körperliche Gewalt für sie ständig erlebbar ist. Nicht selten suchen sich diese Kinder später selbst unbewusst einen gewalttätigen Partner.

Zudem können Kinder mit den Gewalterfahrungen, die sie machen müssen, kaum umgehen. Auch sie schämen sich für das, was ihnen bzw. ihrer Mutter angetan wird und isolieren sich von ihrem Umfeld. Oftmals versuchen sie auch, die bedrohte Mutter zu schützen oder zu entlasten, was ein Kind natürlich völlig überfordert.

Deshalb sollten Frauen auch nicht überlegen, dass sie ihrem Kind den Vater oder das Zuhause nehmen, wenn sie sich von einem gewalttätigen Partner trennen. Wenn sie bleiben und die Gewalt weiter auszuhalten versuchen, verlängern sie das Leiden für alle Beteiligten nur.

Um den Kindern zu helfen, die Gewalterfahrungen zu verarbeiten, gibt es die Möglichkeiten einer Fachberatung bei Jugendämtern, Unterstützung durch geschultes Personal in Frauenhäusern, Therapeuten oder auch spezielle Traumazentren für Kinder und Jugendliche.

Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen.

Was tun bei häuslicher Gewalt?

Wichtig ist es für Betroffene in erster Linie, nicht zu schweigen, sondern sich jemandem anzuvertrauen und sich Hilfe zu suchen. Und wenn es erstmal "nur" eine nahestehende Person ist, der man von seinem Leid erzählt oder indem man sich anonym an eine Hilfestelle wendet. Das ist ein erster wichtiger Schritt, um aus dem Teufelskreis der Gewalt herauszukommen. Denn dass der gewalttätige Partner sich ändert, sollte man nicht als brauchbaren Lösungsweg sehen. Es sei denn, beide Partner machen gemeinsam eine Paartherapie bzw. der Gewalttäter ein Anti-Aggressionstraining.

Wer sich schämt, mit jemand Bekannten darüber zu reden und sich lieber anonym Rat oder Hilfe holen möchte, der kann sich an verschiedene Hilfeangebote und Stellen wenden, persönlich oder telefonisch. Wir haben hier die wichtigsten Adressen unter dem Artikel für Betroffene zusammengestellt.

In akuten Fällen, kann man sich natürlich auch an die Polizei wenden. Hier kann auch Strafanzeige gegen den gewaltätigen Mann gestellt werden. Auch als Nachbar kann man die Polizei rufen, wenn man Zeuge häuslicher Gewalt wird. Die Polizei kann auch eine vorrübergehende Wohnungsverweisung oder Kontakt- und Näherungsverbot aussprechen. Das soll den Opfern Zeit geben, sich in Ruhe zu beraten und Hilfe zu organisieren.

-> Informationen über zivilrechtlichen Schutz, Rechte und Ansprüche von Opfern findet ihr auch hier auf der Seite der Polizei.

Unter der Nummer des Hilfetelefons 08000 116 016 können sich Frauen auch über eine Beratungs- oder Interventionsstelle für Häusliche Gewalt in ihrer Nähe informieren. Wer die gemeinschaftliche Wohnung sofort verlassen muss, kann sich an ein Frauenhaus in seiner Stadt wenden. Hier kann man sich auch unverbindlich Rat und Hilfsadressen holen.

Wichtig ist auch, dass man sich notiert, wann was genau passiert ist und die körperlichen Misshandlungen dokumentiert, also Blutergüsse, Würgemale, Knochenbrüche etc. fotografiert. Auch ein Arzt kann die Verletzungen attestieren. Das ist wichtig für eine mögliche Strafanzeige gegen den Täter.

Wichtige Adressen und Hilfsangebote

Falls ihr oder jemand Nahestehendes Opfer von Partnerschaftsgewalt ist, wendet euch an das Hilfetelefon für Gewalt gegen Frauen unter 08000 116 016 oder sucht euch Hilfe bei folgenden Beratungsstellen:

Bundesweite Initiative: Die Web-Seite stärker-als-gewalt.de

Frauenberatungsstellen: www.frauen-gegen-gewalt.de
Frauenhäuser / Frauenhauskoordinierung: www.frauenhauskoordinierung.de
Opferhilfeorganisationen: WEISSER RING e.V. (www.weisser-ring.de)

Telefonische Hilfe:
in akuten Fällen einfach die Polizei unter 110 rufen,
Telefonseelsorge unter 0800 111 0111 oder 0800 111 0222 (rund um die Uhr)
Opfertelefon des Weissen Ring e.V. unter Tel.: 116 006
Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen", Rufnummer 08000 116 016 (rund um die Uhr, kostenlos, anonym, verschiedene Sprachen dank Dolmetscher)

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