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Resilienz und Verarbeitung traumatischer Erlebnisse

von der Redaktion Veröffentlicht am 21. Februar 2008
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Trauer, Krankheit, Gewalt…Wie gehen Menschen mit traumatischen Erlebnissen um? Wie schaffen sie es, trotz dieser erschütternden Erfahrungen zu einem "normalen" Lebensablauf zurückzukehren ohne in eine Depression zu verfallen? Psychologen sprechen in diesen Fällen von Resilienz.


Die Fähigkeit, traumatische Situationen zu verarbeiten

Das Wort "Resilienz" kommt vom lateinischen Verb "resilire", das soviel bedeutet
wie "zurückspringen, abprallen. Im übertragenen Sinn bedeutet Resilienz Widerstandsfähigkeit. In der Physik versteht man unter Widerstand die Fähigkeit eines Körpers, Stößen standzuhalten und nach einer durch äußere Einflüsse herbeigeführten Verformung seine ursprüngliche Struktur wieder einzunehmen. In der Psychologie bezeichnet Resilienz die Fähigkeit eines Menschen, schmerzhafte Erfahrungen und Lebenskrisen zu überstehen und sich trotz dieser Schwierigkeiten weiter zu entwickeln.
Anders ausgedrückt: Resilienz besteht darin, traumatische Erlebnisse (Trauer, Verlassenwerden, Inzest, sexuelle Gewalt, Krankheit, Krieg,...) als Geschehenes zu akzeptieren und damit weiter zu leben: Das resiliente Individuum nutzt die Erfahrung um seinen Standpunkt zu wechseln und eventuell sogar mit einer belastenden Vergangenheit zu brechen um an der Krise zu wachsen. Umgangssprachlich spricht man in diesem Zusammenhang oft von "Stehaufmännchen".

Die Entwicklung des Resilienz-Konzeptes
Der Beginn der Resilienzforschung wird heute mit der "Kauai-Längsschnittstudie" von der Entwicklungspsychologin Emmy E. Werner gleich gesetzt. Die 1971 vorgelegte Studie über die Kinder der Insel Kauai gilt als eine der Pionierstudien zum Thema Resilienz. Werner untersuchte über 40 Jahre hinweg die Entwicklung von annähernd 700 Kindern, wobei sie vor allem die Individuen studierte, die unter besonders belastenden Verhältnissen (Armut, schwierige Familienverhältnisse,...) litten. Die Ergebnisse der Studie präsentierte Werner in ihrem Buch "The children of Kauai" (1971).
Auch der französische Ethnologe, Neuropsychiater und Psychoanalytiker Boris Cyrulnik beschäftigte sich mit der Resilienzforschung. "Die Kraft, die im Unglück liegt" (Originaltitel: "Un merveilleux malheur") heißt der Bestseller, in dem Cyrulnik Resilienz mit dem Begriff der Hoffnung verbindet. Dabei stützt sich der Verhaltens-forscher auf seine eigene Erfahrung sowie auf die Beobachtung verschiedener Menschengruppen (Konzentrationslager, Bolivianische Straßenkinder) und zeigt, dass man Psychologie und Psychoanalyse optimistischer und weniger anklagend angehen kann als üblich. Das Unglück ist Cyrulnik zufolge als eine überwindbare Etappe zu betrachten.

Der Mechanismus
Den Spezialisten zufolge lässt sich die Resilienz-Haltung in mehrere Phasen einteilen, in denen sich das Individuum gegen die negativen Faktoren verteidigt.
- Resiliente Individuen durchlaufen eine Phase der Revolte: Sie weigern sich, sich als zum Unglück Verurteilte anzusehen.
- Anschließend kommt die Phase des Traumes und der Herausforderung: Es wächst der Wunsch, einem schwerer wiegenden Trauma durch das Erreichen eines Zieles zu entkommen.
- Auch eine Verweigerungshaltung ist typisch: Das resiliente Individuum baut das Selbstbild einer starken Person auf um sich vor dem Mitleid seines Umfeldes zu schützen - selbst wenn die innere Zerbrechlichkeit fortbesteht.
- Schließlich spielt auch der Humor eine wichtige Rolle: Ein resilientes Individuum tendiert dazu eine Form des Humors zu entwickeln um bezüglich seines traumatischen Erlebnisses über sich selbst zu lachen. Das ist eine Möglichkeit, sich nicht in Selbstmitleid zu ergehen und seinen Mitmenschen gegenüber nicht mehr als Opfer zu gelten.
Zahlreiche resiliente Personen durchlaufen auch eine äußerst kreative Phase (Schreiben, Zeichnen) um ihr Unglück zu verarbeiten, aus vorgegebenen Wegen auszubrechen und indirekt ihre Andersartigkeit zu unterstreichen.

Angeborene und erlernte Faktoren
Gewisse genetische Faktoren sind bei der Resilienzforschung zu berücksichtigen. Denn die Tatsache, ob ein Individuum ein Trauma verarbeiten kann, hängt nicht nur vom Trauma selbst sondern auch von der Veranlagung des Individuums selbst ab.
Je nach Person produziert das Gehirn nicht dieselbe Dosis Dopamin und Serotonin, also euphorisierend wirkende Substanzen. Manche Kinder sind also schon bei der Geburt "aktiver" und psychisch solider als andere.
Aber es sind noch weitere Faktoren zu berücksichtigen: Der Charakter des Kindes (formbar, vertrauensvoll), das familiäre Klima, in dem es sich in seinen ersten Lebensjahren entwickelt (harmonisch, Sicherheit bietend, geeinte Eltern, mütterliche Liebe) sowie das soziale Netz, das es sich außerhalb der Familie aufbaut (unter-stützend oder nicht, absichernd oder nicht) spielen eine Rolle für die "psychische Widerstandsfähigkeit" des Individuums.
Statistisch gesehen ist ein Kind, das diese 3 positiven Komponenten bereits in jungem Alter erlebt, besser gerüstet um die Schwierigkeiten der Existenz ohne größeren Schaden zu überstehen.

Kann man Resilienz erlernen?
Nach einem Schock oder einer schmerzlichen Erfahrung kann ein Individuum - ungeachtet seines Alters - im Prinzip nicht anders als einen Resilienzprozess durchlaufen. Es geht darum, den harten Schicksalsschlag zu akzeptieren und
unter Kontrolle zu bekommen um ihn anschließend umzuwandeln und wieder
ein normales Leben zu führen. Auch wenn die Wunde natürlich nie vollkommen verschwinden wird...

Die Kritiker
Während das Resilienz-Konzept in den USA allgemein akzeptiert und angewendet wird kämpfen seine Fürsprercher in Europa immer noch um Anerkennung. Der Grund: Die amerikanischen Psychologen stützen sich bei ihrer Analyse bestimmter Phänomene und bei der Erarbeitung neuer Therapien vor allem auf die Verhaltensforschung. Daher verwerfen einige europäische Psychoanalytiker den Resilienzbegriff als ein Konzept, das sich mehr mit den Symptomen als mit den Ursachen des Leidens des Individuums beschäftigt.
Die Resilienz ist natürlich kein Zeichen der Unverletzlichkeit. Dennoch hat sie den Vorteil, in den Augen der breiten Bevölkerung eine optimistischere und weniger fatalistische Sichtweise - also einen Grund zur Hoffnung - zu bieten.

von der Redaktion

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