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Liebe & Psychologie

Skinny Shaming ist auch Bodyshaming

von Fiona Rohde Veröffentlicht am 27. Juli 2019

Wenn man von Bodyshaming redet, denkt man meist an Menschen, die diskriminiert werden, weil sie fülliger sind, als die sogenannte "Norm". Was aber ist eigentlich mit sehr dünnen Menschen? Denn man vergisst recht schnell, dass auch sie sehr oft Bodyshaming ausgesetzt sind.

Menschen mit einem hohen BMI, die ihren Körper offen auf den Social Media Kanälen zeigen, werden heute dank Bodypositivity für ihr Selbstbewusstsein und ihren Mut von ihren Mitmenschen gefeiert. Manchmal wirkt es fast, als wäre jede Frau, die mehr als Größe 44 trägt, eine Art Aktivistin zum Wohle der Menschheit. "Toll, dass du dich das traust. Du machst anderen Frauen Mut" heißt es dann. Das ist natürlich eine mehr als erfreuliche Entwicklung - nur leider mit einem kleinen Schönheitsfehler.

Denn wenn eine extrem schmale Frau das gleiche macht und ihren Körper im Netz zeigt, erfährt sie diese Akzeptanz nicht unbedingt. Nehmen wir beispielsweise Lena Meyer-Landrut im Bikini oder jedes x-beliebige Model, dessen Beruf es eben ist, extrem schmal zu sein. Zeigen sie sich mit ihren knochigen Schultern und dünnen Beinchen im Bikini, gibt es zum einen jede Menge spontane Hilfsangebote: "Komm Kind, iss mal was. Wir machen uns Sorgen!"

Zusätzlich werden sie auch zur Zielscheibe von jeder Menge Gehässigkeit. Denn viel verbreiteter als "nett gemeinte" (aber trotzdem miese) Hilfsangebote sind Kommentare der Kategorie: "Schlimm, dass du dich mit deinen Knochen so zur Schau stellen musst" oder "Zieh dir besser was an!"

Gleiche Recht für alle? No way!

Was genau animiert die Menschen dazu, derart gehässig und intolerant mit extrem dünnen Menschen umzugehen? Ja, auch sie fallen aus dem Raster des "Otto-Normalverbraucher"-Schönheitsideals. Aber was Dicken als Recht zugestanden wird, sollte doch auch für Dünne gelten. Leider scheinen all die, die gerne so lauthals gleiches Recht für alle fordern, wenn es um Frauen mit Kurven geht, unter einer Amnesie zu leiden, sobald es um zierliche bis magere Frauen geht.

Maulkorb ab Größe 36 abwärts

Ich selbst musste als junges Mädchen die Erfahrung machen, dass man als schlaksiger Mensch, der eine kleine Kleidergröße trägt, viele Rechte abgesprochen bekommt. Zum Beispiel das Recht, sich auch mal mies und hässlich zu finden. Solche Tage hat jeder, aber Dünne dürfen scheinbar nicht darüber reden. "Ach komm, jetzt sei aber still. Du kannst dich doch echt nicht beschweren!" kommt dann direkt. Es wird einem über den Mund gefahren, als hätte man gerade kleine Eichhörnchen zum Abschuss freigegeben.

Und wenn man dann als "Bohnenstange" noch zum Salat greift, statt zur Pommes, wird einem im besten Fall Schlankheitswahn unterstellt, im schlimmsten direkt eine Essstörung. Greift man zur Pommes, erntet man Komplimente. "Toll, wenn Frauen auch mal zulangen können. Nicht immer diese Weibchen, die an einem Salatblatt knabbern". Sowieso wird alles, was man isst und noch viel mehr, was man nicht isst, kommentiert.

Dabei kann man sich recht einfach klar machen, wie solches Dauerkommentieren beim Gegenüber ankommt: Einfach indem man alle Sätze, die man zu einer Frau vom "Typ Bohnenstange" sagt, mal für den umgekehrten Fall denkt. Sprich: Würde man einem dicken Menschen auch so offen sagen "Du bist so dick. Nimm mal ein paar Kilo ab" wie man einer dürren des öfteren sagt: "Ein paar Kilo mehr würden dir gut stehen. Du siehst krass aus"? Sicherlich nicht!

Und weder Schmale, noch Füllige, noch Dürre oder Adipöse brauchen in der Regel einen Hinweis von ihren Mitmenschen. Sie sehen sich ja schließlich selbst und entscheiden, ob sie das, was sie da sehen ok finden und ob sie damit leben können.

Video: Falsches Selbstbild: Experiment zeigt, wie sehr Frauen leiden

Gerade Promis haben es nicht leicht

Egal ob dick oder dünn: Haten ist leider zum Volkssport geworden. Und das ist übel. Am schlimmsten trifft es ja immer die Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Denn da bilden sich die Leute ein, sie hätten ein Recht sie zu kommentieren.

Wer sich als Promi in den sozialen Netzwerken zur Schau stellt, der will es doch gar nicht anders, wird dann argumentiert. Da wird verletzt und diffamiert, was das Zeug hält - und das alles ohne wirklichen Grund. Denn nur weil jemand sich gerne im Netz präsentiert (oder Promo macht und sein Geld damit verdient), habe ich ja noch lange nicht das Recht ihn deshalb zu beleidigen.

Und Sätze wie: "Ja, wer sich im Netz zeigt, muss doch damit rechnen" sind völliger Humbuck. Das eine ist eine persönliche Freiheit, die jeder besitzt, da die sozialen Netzwerke eben jedem offenstehen. Andere zu beleidigen ist jedoch einfach nur ein unkorrektes, übergriffiges Verhalten. Und das hat eben nichts mit persönlicher Freiheit zu tun, und nein, auch nichts mit Meinungsfreiheit. In dem Moment, wo ich andere angreife und diskriminiere, hört es eben auf korrekt und mein gutes Recht zu sein.

Auch Meinungsfreiheit hat ihre Grenzen

Nehmen wir Artikel 5 des Grundgesetztes. Das steht: "(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern." Soweit klar. Aber da steht eben auch: "(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre."

Und in Artikel 2: "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt." Und wenn ich unter das Bild einer jungen Frau schreibe: "Du siehst aus wie ein ekliger Knochen. Wiederlich!" dann habe ich eben sie, ihre Ehre und ihre Gefühle verletzt.

Skinny Shaming im Netz

Bereits seit den 90er Jahren gibt es den netten Begriff "Skinny Shaming", den auch viele unter dem Hashtag #skinnyshaming für ihre Fotos verwenden. Dennoch ist es noch immer nicht im Kopf des klassischen Haters angekommen, dass Bodyshaming nicht nur dicke Menschen trifft. Selbst Leute, die Curvy Models und Kurven abfeiern, verfallen dazu, zynisch-böse Bemerkungen zu machen, sobald ein Promi mal eine Rippe oder ein knochiges Dekollete zuviel zeigt. Wird hier also mit zweierlei Maß gemessen?

Jedes Kilo rauf oder runter von einer Britney Spears oder Rihanna, Heidi Klum oder wem auch immer wird öffentlich kommentiert. Da fragt man sich doch auch, ob die Welt nichts Besseres zu tun hat.

Leider ist es eine Tatsache, dass meist vor allem die Menschen im Netz kommentieren, die ihrem Ärger Luft machen wollen und Negatives zu sagen haben. Und noch bedauerlicher ist es, dass die stumme, nicht kommentierende Mehrheit davon beeinflusst wird. Junge Menschen, unsichere Menschen, Menschen, die einem Vorbild nacheifern oder sich selbst hassen. Für sie alle sind diese öffentlichen Bewertungen von Körpern wenig sinnvoll bis Gift.

Das Klischee in unseren Köpfen

Problematisch ist das Ganze auch, weil es eben nicht nur um Pfunde geht. Sondern vielmehr um das, was wir mit einem Zuviel oder Zuwenig verbinden. Charaktereigenschaften, die wir dicken und dünnen Menschen nur aufgrund ihres Äußeren zuteilen. Der Dicke ist faul, plegmatisch und hat sich nicht im Griff. Der Dünne wiederum ist diszipliniert, kontrolliert, eitel und erfolgreich.

Eigentlich könnte man das einfach mal so wahrnehmen und dann endlich abhaken, den ganzen Mist mit dem Schönheitsideal und dem zu dick und zu dünn. Weil genervt sind wir letztlich alle davon, dass wir ständig das Gefühl haben, uns optimieren zu müssen. Nicht perfekt zu sein.

Leider ist es in diesem Fall ein Kampf von David gegen Goliath, denn zu viele Menschen in unserer Gesellschaft profitieren von dem ewigen Getue um das Schlanksein und ein bestimmtes Körperideal. Da werden Millionen und Milliarden mit Fitnessstudios, Light-Produkten und Cellulite-Cremes umgesetzt - warum sollte man auf all die schönen Geldscheinchen verzichten? Nur für ein bisschen Fairness im Umgang miteinander? Sicherlich nicht.

Macht es besser: Innen statt außen

Deshalb: Macht es besser. Und zwar nicht, indem ihr alle abfeiert, weil sie so toll aussehen, wie sie aussehen, so individuell, dick, dünn, groß, klein, farbig oder blass, sondern lasst doch einfach diese ganze Fixierung auf das Äußere und konzentriert euch mal auf das, was innen ist.

Sicherlich ist es bei euch nicht anders als bei mir auch: Kaum eine Freundin oder Bekannte, die mit ihrem Äußeren voll und ganz zufrieden ist. Ein ewiger Quell der Unzufriedenheit also – vorausgesetzt, man lässt ihm den Raum, einem das Leben zu vermiesen. Deshalb wäre es klug, einfach mal umzudenken und den ganzen Äußerlichkeiten gar nicht so viel Raum in unserem Leben zu geben.

Unsere Gesellschaft ist so geprägt von dem Außen, dass wir darüber ganz vergessen, wie schön jemand ist, der intelligent, warmherzig und fröhlich ist. Das kann unfassbar schön sein. Und vor allem: Es ist langfristig so viel wichtiger als jeder knackige Hintern oder jede faltenfreie Augenpartie. Denn: Wir alle altern mit der Zeit. Das ist der Lauf des Lebens. Und mit Sicherheit gibt es kaum eine Hundertjährige, die sich Gedanken über die Röllchen oder die Rippen bei einer anderen Hundertjährigen macht.

Und was noch wunderschön ist: Empathie. Denkt mal dran, wenn euch wieder mal ein Kommentar zu einem dicken, dünnen, alten oder was auch immer Menschen rausrutscht.

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