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Liebe & Psychologie

Viel Lärm um nichts: Warum heute kaum mehr jemand richtige Gespräche führt

Fiona Rohde
von Fiona Rohde Veröffentlicht am 17. Juli 2016
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Smalltalk allerorten. Warum führen wir eigentlich kaum mehr richtige Gespräche?

Eigentlich reden wir ja pausenlos. Aber wirklich sinnvoll unterhalten tun wir nur äußerst selten. Und so plätschert unsere Zeit dahin wie ein launiger Smalltalk. Sinnbefreit. Nichtsbringend. Kaum mal ein Dialog, der wirklich im Gedächtnis hängen bleibt. Da bleibt die Frage: Wann haben wir zuletzt ein gutes Gespräch geführt? Eins, das uns weiterbringt, geistig fordert, begeistert oder berührt?

Es gibt so viele Arten von Reden. Und jede Art von verbalem Austausch hat für uns eine Funktion. Manchmal ist uns eben nur nach lockerem Plappern ohne Sinn und Verstand. Aber viel zu viele dieser verbalen Zusammentreffen führen einfach zu rein gar nichts. Und leider ist man sich gar nicht bewusst, wie oft man eben - mit Verlaub - Müll redet. Hier die häufigsten Arten von Pseudo-Gesprächen, die eigentlich alles mögliche sind, nur kein gutes Gespräch.

Stichwort-Battles

Viele Gespräche erinnern ein wenig an freies Assoziieren. Sag mir ein Stichwort und ich sag dir spontan, was mir dazu einfällt. Und so wirft man sich gegenseitig Stichworte zu und jeder erzählt von sich. Und das meist, ohne auf das Gesagte des anderen überhaupt einzugehen. Dialog lässt sich das deshalb nicht wirklich nennen ...

"Wie geht's?"

"Grad ausm Urlaub wieder da. Malle. Also wir haben da so ne Rundreise gemacht und dann ..."

(Ah, denkt der Andere, Stichwort Urlaub): "Muss auch noch meinen Urlaub buchen. Noch nicht geschafft. Zu viel Arbeit. Gestern zum Beispiel. Da musst ich den ganzen Tag ..."

(Ah, denkt der Andere, Stichwort Arbeit): "Mmh... Ich hab ja grad den Job gewechselt. Bin ja schon ewig da und dachte mir ..."

"Ah."

(Schweigen) "Und sonst so?"

Ausspeichern der News

Trifft man sich mit Freundinnen, die man länger nicht gesehen hat, plappert man die ersten 30 Minuten ohne Punkt und Komma. "Hast du schon gehört...? X ist schwanger. Y sucht eine neue Wohnung. Z hat sein Studium abgebrochen." Ohne Zweifel ein uns wichtiger Datenabgleich. Schließlich soll der andere auf dem neusten Stand unseres Lebens sein. Und so laden wir alle uns wichtig erscheinenden Informationen beim anderen ab und "speichern uns aus". Und der andere tut das gleiche bei uns.

Gleichwohl - so wichtig die Infos über unseren Freundeskreis und unser Leben in dem Moment auch erscheinen - ein wirkliches Gespräch kommt nicht zustande. Ab und an mal ein richtig gesetztes "Ach, echt?" oder ein "Unglaublich!" und dann wartet man brav darauf, wieder seinerseits Neuigkeiten verkünden zu können. ​Nach dieser Art Mädels-News-Gesprächen fühlt man sich oft sonderbar ausgelaugt.

Schweigen ist Gold?

Früher hieß es bei emotional aufgeladenen Themen in guter alter 68er-Manier: "Lass uns drüber reden!" Heute heißt es oft: "Muss man immer alles ausdiskutieren?" Weil das Reden über emotionale Themen eben nicht leicht fällt. Weil doch Schweigen so viel einfacher ist. "Drüber reden" hieß schon früher, als man noch ein Teenie war, immer: vernünftig, einsichtig und kompromissbereit sein. Und gerade bei emotionalen Themen ist man dazu eben nicht immer bereit.

Und so kommt es, dass wir uns abendfüllend über Netflix-Serien unterhalten, über Keilabsatz-Stiefeletten und Goji-Beeren, aber bei den wirklich wichtigen Themen kneifen wir lieber. "Lass uns nicht alles zerreden", heißt es dann. Gerade, weil es um hoch emotionale Dinge geht. Um Beziehungen, Gefühle, Irritationen und Unsicherheiten und Sex. Und so stehen irgendwann 99 Prozent Gesprächszeit für Netflix und Co. gegen 1 Prozent Beziehungsarbeit.

Floskeln

Der Klassiker unter den Floskeln: "Wie geht es dir?" Dabei ist diese Frage mehr als persönlich und intim - vorausgesetzt, man meint und beantwortet sie ehrlich. Leider gibt es kaum jemanden, der wirklich eine ehrliche Antwort auf diese Frage gibt, einfach deshalb, weil der, der gefragt hat, auch gar keine ehrliche Antwort haben will. Vielleicht will er eine Tendenz hören. "Ganz gut". Oder eben "nicht so gut". Aber mehr auch nicht.

Jeder weiß, wie sehr man vor den Kopf geschlagen ist, wenn man eine Kollegin mit einem "Hi, wie geht's?" begrüßt und als Antwort eine schlimme gesundheitliche Diagnose, eine frische Trennung oder die Info über eine krebskranke Verwandte bekommt. Man erwartet einfach, dass bestimmte Grenzen der Zumutbarkeit gewahrt bleiben. Antwortet einer wirklich mal ehrlich auf die Frage "Wie geht's?", folgt vor allem eins: ein betretenes Schweigen.

Wem diese ganzen Arten von NICHT-Gesprächen auch bekannt vorkommen, der sollte sich beim nächsten Zusammentreffen mit einem lieben Menschen wirklich einmal auf die Finger hauen und für sich analysieren: Höre ich dem anderen wirklich zu? Gebe ich ihm überhaupt das Gefühl, dass mich das Gesagte interessiert? Oder speicher ich mich vielleicht nur bei meinem Gegenüber aus, ohne auch nur irgendeine Sekunde ein Gefühl von Nähe und Verständnis zu haben? Probier es aus. Du wirst erstaunt sein, wie oft jeder von uns eben nicht bei der Sache ist, wenn wir uns unterhalten. Und das ist verschenkte Lebenszeit...

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