Manchmal hat man das Gefühl, man selbst freut sich als Eltern fast mehr auf die sechs Wochen Sommerferien als die Kinder. Endlich kein frühes Aufstehen, keine Hausaufgaben, keine Diskussionen über Mathehefte, Englisch-Vokabeln oder Chemieformeln.
Aber was, wenn das letzte Schuljahr alles andere als gut gelaufen ist und das Kind die Versetzung in die nächste Klassenstufe nur mit Hängen und Würgen geschafft hat? Braucht es dann vielleicht Nachhilfe in den Ferien? Müssen wir jetzt Ferienzeit für Lernzeit opfern?
Oder sollte jede Schülerin und jeder Schüler unabhängig der Endjahresnoten einfach mal freihaben, um den Kopf durchzulüften? Was du wissen solltest, bevor du dein Kind in den Sommerferien an den Schreibtisch schickst!
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Muss Nachhilfe in die Ferien fallen?
Nachhilfe ist per se nichts Schlechtes. Viele Schülerinnen und Schüler in Deutschland nehmen regelmäßig bezahlten Nachhilfeunterricht. Die Gründe sind vielfältig: Wissenslücken, Probleme mit Lehrer*innen, Corona-Lernrückstände oder schlicht der Wunsch, die Versetzung zu schaffen.
Doch während der Schulzeit fehlt oft die Zeit, um Versäumtes wirklich in Ruhe aufzuarbeiten. Da liegt es nahe, die lange Sommerpause zu nutzen. Klingt logisch. ABER auch unsere Kinder brauchen die große Pause. Der Schulalltag ist anstrengend, selbst Grundschüler haben oft schon einen vollen Stundenplan plus Hobbys und Freizeitstress. Wer jetzt plant, dass sein Kind sechs Wochen ‚durchlernt‘, riskiert eher Frust statt Fortschritt.
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Ferien sind wichtig zur Erholung, Regeneration und zum freien Spielen. Kinder verarbeiten in dieser Zeit das Gelernte, sortieren ihr Wissen, ganz ohne Stundenplan. Viele Lehrer*innen sagen deshalb: Lernpausen machen klüger, nicht dümmer.
Für wen ist Ferien-Nachhilfe sinnvoll?
Heißt das jetzt, Nachhilfe gehört absolut nicht in die Ferien? Nicht unbedingt. Es gibt Fälle, da kann eine gezielte Förderung in den Ferien Gold wert sein:
- Wenn dein Kind eine Versetzung nur knapp geschafft hat und große Lücken hat.
- Wenn ein Schulwechsel ansteht, zum Beispiel auf eine weiterführende Schule. Hier kann etwas Wiederholung helfen, um den Start zu erleichtern.
- Wenn dein Kind selbst den Wunsch äußert, Stoff nachzuholen. Das passiert tatsächlich, vor allem bei älteren Jugendlichen, die ihre Noten aktiv verbessern wollen.
Wichtig ist: Zwang bringt gar nichts. Niemand lernt gern in einer Zeit, die fürs schöne Nichtstun gedacht ist, wenn er selbst keine Notwendigkeit sieht. Außerdem gilt: Nachhilfe in den Ferien sollte klar begrenzt sein. Ein paar Stunden pro Woche, am besten mit festen Lernzielen und einer entspannten Atmosphäre, sind schon in Ordnung, wenn das Kind den Nutzen auch sieht.
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So kann Nachhilfe in den Ferien gelingen
Falls ihr euch für Nachhilfe entscheidet, verplant nicht gleich den ganzen Sommer. Ein guter Mix aus Lernen, Freizeit und Nichtstun ist entscheidend. Viele Nachhilfeinstitute bieten spezielle Ferienkurse an, oft in Kleingruppen, mit klar definiertem Stoff und einem überschaubaren Stundenumfang.
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Eine Alternative können auch private Nachhilfe zu Hause oder ein Online-Tutoring sein, bei dem man zeitlich sehr viel flexibler ist. Letzteres sollte aber dennoch nicht mit in den Ferienflieger und an den Strand reisen.
Meine Erfahrung: Bei jüngeren Kindern helfen spielerische Ansätze oft mehr als stures Pauken. Englischvokabeln zum Beispiel lassen sich wunderbar im Urlaub üben und Matheaufgaben passen auch immer in den Alltag (Eispreise addieren geht immer!). Entscheidend ist, dass der Stoff wirklich zu den Lücken passt. Wildes Draufloslernen bringt gar nichts.
Der Sommerferien-Effekt
Eine Studie des amerikanischen Psychologen Harris Cooper konnte zeigen, dass Schüler*innen schon nach vier Wochen geistigen Nichtstuns Lernstoff vergessen. Besonders hätte sich dieser Effekt in Mathe und in Bezug auf die Rechtschreibung gezeigt. Bei älteren Schüler*innen ausgeprägter als bei jüngeren. Unumstritten ist diese Theorie nicht, und nach drei Tagen gewohnter geistiger Beschäftigung sei der Effekt auch so gut wie nichtig, ganz ohne geistige Anregungen sollte trotzdem niemand die Sommerferien verbringen, auch nicht die Einser-Schüler*innen.
Aber das bedeutet nicht, dass ihr Schulbücher an den Strand mitschleppen müsst. Spannende Bücher lesen, Rätsel lösen, Gesellschaftsspiele spielen, Ausflüge machen, all das bietet Anreize, Neues zu erfahren und zu lernen und klingt dabei gar nicht danach. So bleibt das Gehirn fit, ohne dass es sich wie Schule anfühlt.
Weniger ist oft mehr
Ich kann verstehen, wenn man seinem Kind den Start ins neue Schuljahr erleichtern will. Wirklich. Aber frag dich ehrlich: Was bringt deinem Kind jetzt mehr? Ein paar zusätzliche Grammatikstunden oder ein Sommer, in dem es abschalten, Freunde treffen, baden und träumen darf?
Meine Faustregel: Wenn die Noten keine Katastrophe sind, lass dein Kind Kind sein. Wenn wirklich große Lücken da sind, plant gemeinsam ein paar feste Lernstunden ein und macht den Rest der Zeit zu Ferien, die auch nach Ferien klingen. So tankt dein Kind Kraft und kann im neuen Schuljahr mit klarem Kopf und frischer Motivation starten.
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