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Narzisstische Mutter – "Hab mich doch lieb, Mama"

von Regina Schrott Erstellt am 25. April 2021
Narzisstische Mutter – Hab mich doch lieb, Mama© unsplash.com / Anthony Tran

Jedes Mal, bevor meine Mutter zu Besuch kam, stand ich unter einem enormen Druck. Die Wohnung musste nicht nur sauber sein. Sie musste picobello sein. Die lange Liste an Dingen, die meine perfekte Mutter zum Kochen und Backen benötigte, stand frisch gekauft in Reih und Glied. Dennoch fehlte immer etwas. Ein Erfahrungsbericht über das Leben mit einer narzisstischen Mutter.

Unsere Gastbloggerin Regina Schrott ist Autorin und Schauspielerin, Coach und Gründerin von Narz mich nicht® - einer Plattform für Opfer von krankhaftem Narzissmus und Menschen, die von psychischer Gewalt coabhängig sind. Durch ihre Öffentlichkeitsarbeit und ihre Website www.narz–mich-nicht.de sensibilisiert Regina Schrott zusammen mit ihrem Team in der DACH-Region.

Permanente Schuldgefühle: Mit einer narzisstischen Mutter völlig normal

Die Blumen im Garten. Die Bücher im Regal. Bis zur Unterwäsche in meinem Kleiderschrank. Alles war bereit für den Staatsbesuch meiner Mutter. Am wichtigsten aber war mein Aussehen. Ein schmaler Grat. Ordentlich, aber nicht zu hübsch. Am besten irgendein geschenktes Kleidungsstück von ihr, damit sie sich freut. Aber am allerwichtigsten waren meine Augen. Die mussten unbedingt grün sein. Blöderweise habe ich die Stimmungsaugen meiner Großtante geerbt. Meine Augen sind nur grün, wenn ich glücklich bin und vor weniger als zwölf Stunden Sex hatte.

Der erste Griff meiner Mutter bereits beim Abholen am Flughafen war in mein Gesicht. Kinn hochziehen. Augencheck. "Oje, keine grauen Augen. Läuft’s mal wieder nicht bei euch im Bett." Mein erstes Mal Sex konnte ich nicht für mich genießen. Meine Mutter hatte bereits fürsorglich den Sekt kaltgestellt. Griff ins Gesicht. Kinn hoch. "Na endlich." Meine ersten Selbsterkundungen des eigenen Körpers wurden an der roten Ampel vor der Grundschule laut mit anderen Müttern analysiert.

Im Zusammenleben mit einer narzisstischen Mutter gibt es keinen Schutz,
nur andauernde Grenzüberschreitungen.

Schon im Kindergarten eckte ich als aufgeklärter Stöpsel an. Lieber hätte ich das Märchen vom Storch geglaubt. Aber so war ich besonders. Besonderer. Die aller Besonderste, was von meiner Mutter zum erstrebenswertesten Ziel deklariert wurde. In Wahrheit machte mich das zur ewigen Außenseiterin. Ein Schicksal, das sie kannte und das ich auf Gedeih und Verderb mit ihr zu teilen hatte.

Die Enttäuschung bei meiner Geburt muss für meine Mutter gravierend gewesen sein. Ich war kein Junge. Ich hatte krumme Beine. Deshalb konnte aus mir auch keine Primaballerina werden. Kreuzbiss. Brille mit vier Jahren. Zu dünn. Zu klein. Zu schwierig. Alles musste an mir korrigiert werden. Beinschienen. Brille. Zahnspange. Mit vierzehn Jahren die erste Psychotherapie, denn mit meiner Seele war ganz offensichtlich auch etwas nicht in Ordnung.

Im Video: Trennung trotz Liebe – Wann sie leider Sinn macht

Video von Aischa Butt

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Das einzig Schöne an mir waren meine blonden Locken

Deshalb wurden sie mir regelmäßig abgeschnitten. Auch zu dünn. Bis zu meinem zehnten Lebensjahr lief ich wie ein Junge in Mädchenkleidern herum, während meine Mutter wunderschön strahlend neben mir glänzte.

Ich war fleißig in der Schule. Ein Ort, an dem ich mich selbst beweisen konnte. Wenn ich nur Einsen schrieb, fadisierte es allerdings meine narzisstische Mutter. Schrieb ich eine Drei, hieß es: "Was fällt dir ein?" Um geliebt zu werden, wollte ich es ihr recht machen – damals wie heute. Allerdings hatte ich nie eine wirkliche Chance. Meine Mutter war sich selbst nie genug. Sie arbeitete bis zum Umfallen an ihrer Selbstdarstellung oder der Tarnung ihres nicht vorhandenen Selbstwertgefühls. Deshalb war es ihr auch unmöglich, mich in der Entwicklung meines eigenen Frauseins zu unterstützen.

Ging es mir schlecht, blühte sie auf. Wenn ich glücklich war, neutralisierte sie mein Glück mit ihrem Schicksal.

Im Podcast "Echt & Unzensiert" spricht Regina Schrott über Narzissmus - jetzt reinhören:
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Auf meinem Abiball schnappte sie mir meinen Freund beim Eröffnungswalzer lachend weg: "Damenwahl." Ich blieb fassungslos verloren mitten auf der Tanzfläche stehen. Das war der Startschuss für ein neues bitteres Konkurrenzspiel meiner Mutter – ihr Kampf um meine Freunde hatte begonnen. Gnadenlos. Sie flirtete mit allen. Je unangenehmer mir das war, umso mehr drehte sie auf. Vollführte ihre wilden Pirouetten und ich verstand es nicht. Noch lange nicht.

Es war nicht meine Hochzeit. Es war nicht meine Premiere bei den Salzburger Festspielen. Alles und überall war sie. Großzügig setzte sie sich in Szene. Wenn das nicht gelang, fiel sie in Ohnmacht. So oder so, alle Welt war gezwungen auf sie zu reagieren. Aber keine Reaktion wurde ihren hohen Erwartungen gerecht.

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In den Augen einer narzisstischen Persönlichkeit kannst du nichts richtig machen

Genau dieser Satz ist das Problem UND die Lösung. Wenn du gar nie etwas richtig machen kannst, darfst du aus dem narzisstischen Hamsterrad jederzeit und immer aussteigen. Es ist völlig egal wie. Mach einfach den "richtigen Fehler" in den Augen deiner narzisstischen Mutter – für dich.

Genau das war mein Ausstieg und der ist noch gar nicht so lange her. Wie du habe ich eine sehr ähnliche Lebensgeschichte gelesen. Sie erwischte mich eiskalt. Plötzlich hat es "klick" gemacht. Erst wollte ich es nicht wahrhaben. Ich war regelrecht wütend über diese Erkenntnis. Unendlich traurig auch darüber, dass ich Jahre lang glaubte, mein Vater wäre der eigentliche Narzisst. Doch alles puzzelte sich rückblickend erschreckend klar zusammen. Meine narzisstische Mutter hatte die Fäden in der Hand, bis ich sie durchschnitt. Ab jetzt war ich nicht mehr ihre Marionette. Ich war frei.

Ein jahrzehntelanger Konkurrenzkampf um Aussehen, Interessen, Vorlieben, Männer und Erfolg war beendet.

Einfach, weil ich nicht mehr ans Telefon ging und täglich Bericht erstattete über mein Leben. Weil ich endlich anfing, mich selbst losgelöst von meiner Mutter wahrzunehmen, mit meiner ganz eigenen Schönheit und meinen Fähigkeiten.

Narzisstische Mütter kämpfen Ihr Leben lang um Aufmerksamkeit. Sie wurden in ihrer Kindheit ebenfalls nicht um ihrer selbst willen geliebt. Narzisstische Mütter wurden nicht gesehen. Ihre Begabungen nicht. Ihre Schönheit nicht. Ihre Einzigartigkeit nicht. Daraus erklärt sich auch dieser unsägliche Hunger nach Bewunderung. Wie Alkoholabhängige gieren sie nach jeder Möglichkeit, wahrgenommen zu werden. Was auch erklärt, wieso die eigene Tochter auf gar keinen Fall mehr glänzen oder mehr Erfolg haben darf.

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Das Selbstwertgefühl narzisstischer Mütter ist so gut wie nicht vorhanden

Sie sehen sich selbst nur im Vergleich zu anderen, besonders zur eigenen Tochter. Die grandiose Selbstdarstellung muss in jedem Fall die Eigenständigkeit der Tochter übertreffen, sonst bestätigt diese noch die frühkindliche Erfahrung der Mutter, nichts wert zu sein.

Nun sind wir aber nicht nur im übertragenen Sinn die Früchte unserer narzisstischen Mütter. In der Loslösung jahrelangen narzisstischen Missbrauchs muss unbedingt auch ein Akt der Versöhnung mit der eigenen Weiblichkeit stattfinden. Sonst bleibt eine Leere, die wir wie in einem Staffellauf des Generationenschmerzes (wieder) an unsere Töchter weitergeben.

All diese Erkenntnisse machen es mir heute möglich, meine Mutter auch mit Dankbarkeit zu sehen. Unser gemeinsamer Weg hat mich letztendlich zu einer tiefen Liebe zu mir selbst geführt und stark gemacht für mein wundervolles Leben.

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Selbstliebe ist ein wichtiger Schlüssel zum eigenen Selbstbewusstsein

Selbstliebe bedeutet übrigens nicht, sich den hundertsten Pullover zu kaufen und "eh viel Sport zu machen". Selbstliebe bedeutet gerade für Töchter narzisstischer Mütter, dass du dich mit allen Ecken und Kanten Liebe-voll ansiehst und annimmst.

Du brauchst nicht perfekt zu sein. Du brauchst auch nicht grandios zu sein. Es genügt, dass du bist. Genauso wie du bist.

In Liebe,
Regina Schrott – Gründerin & Geschäftsführerin von Narz mich nicht®

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Hilfen für Betroffene psychischer Gewalt

Wenn du oder jemand, den du kennst, Opfer psychischer Gewalt geworden ist, findest du Hilfe und Unterstützung beim Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland.

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" erreichst du unter der Rufnummer 08000 116 016 an 365 Tagen im Jahr, zu jeder Uhrzeit, anonym und kostenlos. Oder du nutzt die Telefonseelsorge, die rund um die Uhr unter 0800 111 0111 oder 0800 111 0222 erreichbar ist.

Hier findest du Frauenberatungsstellen in deiner Nähe: Frauenhauskoordinierung: www.frauenhauskoordinierung.de, bff: www.frauen-gegen-gewalt.de

Wichtige Infos gibt es auch bei Opferhilfeorganisationen wie: WEISSER RING e.V. (www.weisser-ring.de oder über das Opfertelefon des Weißen Ring e.V. unter Tel.: 116 006)

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