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Tabu-Thema Psyche: Warum wir alle mehr auf unsere Seele achten sollten

Fiona Rohde
von Fiona Rohde Veröffentlicht am 10. Oktober 2018
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Sind wir körperlich krank, gehen wir zum Arzt. Ist jedoch unsere Psycho instabil, tun wir uns weitaus schwerer, uns von einem Fachmann helfen zu lassen. Irgendwie ist das Thema tabuisiert und kompliziert. Dabei sollte uns eine gesunde Psyche genauso wichtig sein wie ein gesunder Körper.

Statistisch gesehen ist jeder Dritte in Deutschland mindestens einmal in seinem Leben von einer psychischen Krankheit betroffen. Wenn man das mal bedenkt, wundert man sich, warum es immer noch ein Tabu ist, wenn jemand psychische Probleme hat und sich in therapeutische Behandlung begibt.

Die Unbeholfenheit der Anderen

Wenn die Psyche Probleme macht, spricht man nicht drüber. Nicht dass einen die anderen für meschugge und nicht belastbar halten oder dass das ganze einem Probleme bei der nächsten Jobsuche bereitet. Und auch als Nicht-Betroffener reagiert man recht unbeholfen, wenn man jemandem begegnet oder kennt, der psychische Probleme hat. Bei jedem Blinddarm oder Magengeschwür fragt man offen nach, aber darf man nachfragen, wenn jemand in Behandlung ist, weil er Panikattacken oder eine Depression hat?

Da gibt man schon mal so unfassbar kluge Ratschläge wie: Gönn dir mal was. Entspann dich mal so richtig. Fahr mal in Urlaub. Schalt mal so richtig ab. Alles gut gemeinte Ratschläge, aber gut gemeint ist eben doch auch meist komplett vorbei an der Sache. So auch in diesem Fall.

Diese Unsicherheit auf beiden Seiten hat einen recht simplen Grund. Anders als beispielsweise in Amerika, wo eine Therapie zu machen fast schon zum guten Ton gehört, ist das Thema in unserer Gesellschaft ein Tabu. "Leider werden psychische Erkrankungen immer noch mit Schwäche in Verbindung gebracht", erklärt Psychotherapeutin und Buchautorin Lena Kuhlmann. "Menschen mit psychischen Störungen dürfen weder herabgewürdigt, oder (in)direkt als schwach dargestellt werden."

Um aufzuklären hat Lena Kuhlmann auch ein Buch zum Thema geschrieben: "Psyche - hat doch jeder." Hier könnt ihr das Buch direkt bei Amazon kaufen.

Ab wann zum Fachmann?

Wenn die Psyche nicht mehr mitspielt sind es vor allem die Frauen, die sich ein Herz nehmen und sich in ärztliche Behandlung begeben. Das verwundert jetzt nicht. Frauen sind beim Theme Ärzte und Vorsorge ja eh beherzter als Männer. Bei den Männern dürfte die Dunkelziffer deshalb recht hoch sein. Auf Platz eins der psychischen Erkrankungen liegt die Depression, danach folgen Angststörungen, Zwangsstörungen, Alkoholismus und körperliche Symptome, aufgrund von psychischer Belastung (so genannte somatoforme Störungen).

Meist werden wir erst aktiv, wenn uns die Krankheit zunehmend im Alltag belastet und einschränkt und der Leidensdruck zu stark wird. Spätestens dann wird der Gang zum Fachmann unabdingbar. Wer also merkt, dass er zunehmend die Lust an Dingen verliert, die ihm früher Freude bereitet haben, niedergeschlagen und depressiv ist oder Ängste entwickelt, die ihn beispielsweise im Alltag auf dem Weg zur Arbeit oder in der Freizeit einschränken, der sollte sich durchaus einen professionellen Rat einholen. Es ist eben schwer, selbst einzuschätzen, was noch OK ist und was uns belastet und einschränkt. Die Grenze zwischen psychisch gesund und psychisch krank verläuft leider fließend.

Wohin, wenn die Psyche nicht mehr mitmacht?

Leider neigen wir dazu, uns die Dinge schönzureden und das Problem immer wieder zu verschieben. Man traut seinem eigenen Empfinden nicht. Ist es wirklich eine Depression oder einfach nur eine schlechte Phase? Meist weiß man auch gar nicht, an wen man sich wenden soll. Psychiater, Hausarzt, Psychotherapeut oder doch eine Klinik? Und hat man sich für eine Stelle entschieden, wartet man meist lange auf einen Termin. Dazu noch die Scham, sich mit seinen psychischen Problemen einem Fremden zu offenbaren - das hält viele davon ab, sich helfen zu lassen. Dabei ist es so wichtig, die Probleme frühzeitig zu erkennen und anzugehen.

Wer sich unsicher ist, ob er professionelle Hilfe braucht und wenn ja welche, der kann die psychotherapeutische Sprechstunde nutzen, die über die kassenärztlichen Vereinigungen vermittelt wird. (Auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums erfahrt ihr mehr dazu). Dafür ruft man bei einer Terminservicestelle an, und erhält dann innerhalb von vier Wochen einen Termin bei einem Psychotherapeuten in der Nähe. Eine Überweisung ist nicht nötig.

Die Psyche sollte eine Hauptrolle bekommen

Die Berührungsängste auf allen Seiten (Betroffenen aber auch ihrem Umfeld) und die Unwissenheit, wo man Hilfe bekommt war auch der Antrieb für Lena Kuhlmann, ein Buch über die Psyche und psychische Gesundheit zu schreiben. "Ich finde, es ist an der Zeit, dass die Psyche die Hauptrolle in einer Geschichte bekommt. Ohne Psyche läuft nämlich gar nichts. Und ich will aufräumen mit Vorurteilen über psychisch kranke Menschen, die Psychiatrie und über uns Therapeuten. Es würde mich sehr freuen, wenn das Buch Anlass zu Diskussionen gibt."

Ihr Rat: Betroffene aber auch alle anderen sollten sich angewöhnen, ihrer Psyche genauso viel Aufmerksamkeit wie ihrem Körper zu gönnen. Immer wieder zu schauen: Wie geht es mir heute eigentlich? Diese Achtsamkeit auf das seelische Gleichgewicht ist ein guter Weg. Und wer nicht so auf Sinnieren und Meditieren steht, der kann das sogar mit Apps oder extra Planern machen oder ganz klassisch einem Tagebuch oder einer Skala von 1 bis 10, auf der man täglich notiert, wie man sich fühlt.

Und noch etwas sollten wir uns angewöhnen: Auf die Frage, wie es uns geht, nicht mehr automatisch mit einem "Gut, und dir?" zu antworten. Vielleicht wäre es hier mal ein Ansatz, kurz zu überlegen, was wirklich in einem vorgeht. "Muss" ist in keinem Fall die richtige Antwort. Unsere Psyche sollte es uns wert sein.

Ansprechpartner für den Notfall:

Eine Anlaufstelle im Notfall ist die psychiatrische Ambulanz oder die psychiatrische Abteilung einer Klinik, der eigene Hausarzt, ein niedergelassener Psychiater oder Psychotherapeut, der ärztliche Bereitschaftsdienst (116117), die Polizei (110) oder der Rettungsdienst (112).

Anonym, kostenlos und rund um die Uhr kann man auch die Telefonseelsorge erreichen (08001110111). Sie eignen sich jedoch eher für kleinere Krisen. Wichtige Adressen findet ihr auch hier: www.internet-notrufe.de.

Hilfe findet ihr auch auf der Seite der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Buchtipps:
Lena Kuhlmann: Psyche? Hat doch jeder. Eden Books.16,95 Euro
Die Psychotherapeutin und Bloggerin Lena Kuhlmann räumt mit Vorurteilen über psychische Krankheiten auf und berichtet, wie es in psychiatrischen Einrichtungen heute wirklich aussieht.

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