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Psychologie: Werden wir automatisch wie unsere Eltern?

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Vorab im Video: Werden wir automatisch wie unsere Eltern?

Obwohl wir unsere Eltern sehr lieben, wird der Kommentar „Du bist ja schon wie deine Eltern!“ nicht gerne gehört. Warum kann man uns mit dieser Bemerkung so derart ärgern? Und stimmt es, dass wir wirklich genauso werden wie unsere Eltern?

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Klar, allein optisch sind wir unseren Eltern oft sehr ähnlich: Die Sommersprossen und das Lachen vom Vater, die Locken und die Augen von der Mutter. Aber nicht nur das. Irgendwann um die 30 stellen wir fest, dass wir uns auch mehr und mehr wie unsere Eltern verhalten.

Ausgerechnet wir, die wir doch früher immer alles so anders als unsere Eltern machen wollten. Die rebelliert haben und die Anmerkungen von Mutter und Vater als Einmischung in unser Leben angesehen haben.

Plötzlich ertappen wir uns dabei, dass wir unserem Freund oder Freundin die gleichen Dinge sagen, wie früher die eigene Mutter. „Fahr vorsichtig.“ oder „Mach doch bitte immer das Licht aus, wenn du gehst.“ Man räumt dem Partner oder der Partnerin hinterher, umhegt diesen Menschen und sorgt sich um ihn – und wundert sich gleichzeitig über sich selbst.

Wann genau ist das passiert? War man nicht gerade noch der aufmüpfige Teenager, der genau diese Sätze von seinen Eltern immer so unfassbar blöd fand? Wollte man nicht anders werden? Tiefenentspannt und locker mit allem?

Ich wollte ganz sicher nicht dahingehend mutieren, dass ich anfange, meinem Freund beizubringen, dass ein gelüfteter Duschvorhang weniger muffig riecht, als ein zusammengeknüllter oder dass sich die benutzten Socken nicht von allein in die Waschmaschine bewegen. Dennoch passiert es immer wieder.

Spätestens, wer selbst Kinder bekommt, muss sich eingestehen, dass er ziemlich zielsicher in die elterlichen Fußstapfen tritt. Da ermahnt man sein eigenes Kind, dass es nicht so viele Süßigkeiten in sich reinstopfen soll und Gemüse doch so viele Vorzüge hat und denkt sich im gleichen Moment: „Das kommt mir irgendwie bekannt vor…“

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3 Faktoren prägen uns besonders

Dabei ist es kaum verwunderlich, dass wir unseren Eltern beziehungsweise unseren Erziehungsberechtigten in unserem Verhalten ähneln. Zum einen natürlich, weil wir ihnen genetisch gleichen. Denn wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass unsere Gene die Entwicklung unserer Persönlichkeit in großen Teilen mitbestimmen.

Dazu kommt jedoch auch die Umgebung, in der wir aufwachsen, also unsere Familie beziehungsweise andere Erziehungsberechtigte. Das Umfeld, in dem wir aufwachsen, hat einen ebenfalls entscheidenden Einfluss auf unser Verhalten. Genau wie unsere Kinder sich ihre Verhaltensweisen von uns abschauen, so waren auch unsere Eltern unser Vorbild.

Niemand hat uns so stark geprägt wie unsere Mutter und unser Vater. „Das betrifft Einstellungen, automatische Verhaltensweisen, aber auch, wie wir mit Gefühlen und Nähe umgehen„, sagt die Psychotherapeutin Dr. Silvia Dirnberger-Puchner, die ein Buch zum Thema geschrieben hat.

Gleichwohl gibt es noch einen dritten Einflussfaktor, und zwar die Kontakte, die uns außerhalb der Familie prägen, also beispielsweise Freunde, Vorbilder wie Lehrer oder Trainer oder gute oder schlechte Erfahrungen, die wir machen mussten und die uns geprägt haben.

Dennoch sind eben unsere Eltern sowohl genetisch als auch durch ihre Vorbildfunktion ein enorm prägender Faktor für jedes Kind, dem wir uns schlecht entziehen können. Und den, ob wir wollen oder nicht, merkt man uns eben im Laufe unseres Lebens mehr oder weniger stark an.

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Wird man als Tochter eine Kopie der Mutter?

Solange wir jünger sind und sich unser Leben von denen der ‚Erwachsenen‘ grundlegend unterscheidet, fallen uns diese Parallelen gar nicht wirklich auf.

Sobald wir jedoch älter werden und sich unser Leben auch durch eine feste Beziehung, einen Job und eigene Kinder nicht mehr so frappierend von dem unserer Eltern unterscheidet, merken wir: Wir haben das Sicherheitsdenken unserer Mutter übernommen, haben auch einen Bausparvertrag und denken über einen Hauskauf oder was auch immer nach.

Bei einer Umfrage des englischen Online-Portals Netmums sagte die große Mehrheit der Frauen, dass sie ungefähr ab dem 32. Lebensjahr der eigenen Mutter immer ähnlicher geworden seien. Ticks, Rituale oder bestimmte Formulierungen – kaum eine Frau, der keine Gemeinsamkeit mit der eigenen Mutter einfiel.

Dumm nur, dass wir von unseren Eltern nicht nur die positiven Eigenschaften übernehmen, sondern eben auch die schlechten. Wen es schon immer gestört hat, dass die Eltern keine wirkliche Streitkultur haben und viele Probleme unter den Teppich kehren, der muss sich darüber im Klaren sein, dass auch sein Verhalten in Konflikten durch seine Eltern geprägt wurde.

Schließlich reagiert man im Streit recht intuitiv und ohne groß zu überlegen und dann nehmen wir meistens automatisch den Weg, den wir unser halbes Leben vorgelebt bekommen haben.

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Hintergründe: Das Gehirn, ein Gewohnheitstier

Schuld ist unser Gehirn, das alte Gewohnheitstier. Es sorgt dafür, dass wir bestimmte Handlungsweisen ganz automatisch machen, ohne darüber nachzudenken. Einfach, weil wir es ‚halt immer so gemacht haben‘.

Im Zusammenleben mit unseren Eltern werden uns Muster vorgelebt und gezeigt. Die speichern wir ab und so bilden sich in unserem Gehirn Muster und Strukturen heraus, an denen wir uns im Leben orientieren und die unsere Handlungen bestimmen.

Abgespeichert in den Nervenzellen werden im Laufe der Jahre regelrechte Trampelpfade durch immer wiederkehrende Handlungsmuster gebildet“, erklärt Dr. Dirnberger-Puchner.

Doch keine Angst. Wir werden nicht unweigerlich eine Mini-Version unserer Eltern. Dr. Dirnberger-Puchner sagt: „Jeder Mensch ist einzigartig und unglaublich reich an Fähigkeiten.“ In ihrem Buch erklärt sie, wie man seine elterlichen Wurzeln verstehen und akzeptieren, aber auch gleichzeitig sein Leben aktiv verändern kann.

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Wer Dinge besser bzw. anders machen will als seine Eltern, der sollte mit dem wichtigsten Punkt anfangen, so die Expertin: „Wir müssen zunächst verstehen, warum wir so reagieren, wie wir reagieren. Die Entstehungsgeschichte zu begreifen, ist das wichtigste.

Schritt zwei: Man sollte die geerbten Verhaltensweisen einerseits anerkennen und wertschätzen, aber auch überlegen, ob es auch einige gibt, die für das eigene Leben eher hinderlich sind.

Denn was nicht passt, kann man durchaus versuchen zu ändern. Und zwar, indem man sich Handlungsalternativen überlegt. Wer zum Beispiel zu Hause nie gelernt hat ‚Nein‘ zu sagen, und deshalb im Job immer den Kürzeren zieht, der sollte daran arbeiten, seine gewohnten Verhaltensmuster abzulegen.

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Natürlich lassen sich Verhaltensweisen, die das Gehirn einmal abgespeichert hat, nicht von heute auf morgen ändern. Das kann mitunter Jahre dauern. Aber das lohnt sich letztlich für alle schlechten Angewohnheiten und Marotten. Nicht nur die, die wir von unseren Eltern übernommen haben.

Und zum Glück haben unsere Mutter und unser Vater ja auch viele gute Eigenschaften. Deshalb sollten wir uns ehrlich fragen: „Ist es denn wirklich so schlimm, wenn ich ein bisschen so werde wie meine Mutter?“

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