Wenn Klugheit auf Sensibilität trifft
Neulich saß ich mit meinem 15-jährigen Sohn beim Abendbrot. Während er mir erklärte, warum Polarlichter entstehen und wie Sonnenwinde auf das Magnetfeld der Erde wirken, schossen ihm plötzlich Tränen in die Augen. Nicht wegen der Wissenschaft, sondern, weil er das Gefühl hatte, dass ich ihn nicht richtig habe aussprechen lassen. Diese Mischung aus beeindruckender Klugheit und verletzlicher Emotionalität erlebe ich bei ihm öfter.
Und ich weiß, dass viele Eltern das kennen. (Hoch)Begabte Kinder sind oft nicht nur intellektuell besonders, sondern oft auch emotional hochbegabt. Sie denken tief, fühlen stark und wirken deshalb manchmal gleichzeitig reifer und sensibler als ihre Altersgenossen.
Was bedeutet emotional hochbegabt?
Wer (Hoch)Begabung hört, denkt in der Regel zuerst an einen überdurchschnittlich hohen IQ. Viele kluge Kinder zeichnen sich jedoch nicht nur durch ihre Denkgeschwindigkeit oder Problemlösungsfähigkeit aus, sondern auch durch eine besonders ausgeprägte emotionale Tiefe.
Kinder, die Gefühle intensiver spüren, Stimmungen und kleine Veränderungen wahrnehmen und besonders stark auf Ungerechtigkeiten, Konflikte oder Stress reagieren, kann man gemeinhin als emotional hochbegabt bezeichnen. Sie erkennen sofort, wenn jemand traurig oder verunsichert ist. Ihre Antennen sind sehr feinfühlig.
Für Eltern bedeutet das oft: Ein Kind, das in der Schule komplexe Aufgaben scheinbar mühelos löst, kann zu Hause wegen einer kleinen Bemerkung oder Kritik in Tränen ausbrechen.
Warum viele kluge Kinder besonders sensibel sind
Der Zusammenhang zwischen einer (Hoch)Begabung und einer Hochsensibilität ist kein Zufall. Forschungen zeigen, dass (hoch)begabte Kinder Informationen nicht nur schneller, sondern auch intensiver verarbeiten. Ihr Gehirn filtert Reize weniger stark, weshalb Geräusche, Gerüche, Stimmungen und Emotionen anderer Menschen ungefilterter auf sie einprasseln.
Deshalb wirken diese Kinder in stressigen oder trubeligen Situationen auch schneller überfordert. Sie denken gleichzeitig auf mehreren Ebenen, reflektieren und fühlen. Ihr Kopf und ihr Herz sind in solchen Situationen im Hochbetrieb und das schlaucht.
Typische Merkmale emotional hochbegabter Kinder:
- starker Gerechtigkeitssinn
- große Empathie und Mitgefühl
- denkt viel nach über moralische und gesellschaftliche Fragen
- ist schnell überreizt
- reagiert plötzlich stark emotional
(Hoch)Begabung und Hochsensibilität: Wo liegt der Unterschied?
Hin und wieder werden die Begriffe synonym verwendet. Jedoch bedingen sich beide Eigenschaft nicht gegenseitig.
Die (Hoch)Begabung ist eine messbare Größe. Liegt der Intelligenzquotient über dem Durchschnitt (zwischen 90 und 110) spricht man von einer Begabung, liegt er über 130 spricht man von Hochbegabung.
Die Hochsensibilität hingegen ist ein Persönlichkeitsmerkmal, bei dem Reize intensiver wahrgenommen werden. Sie ist nicht messbar, weil es keine eindeutige Trennlinie zwischen ’normal‘ sensibel und hochsensibel gibt.
Gibt es eine Wechselwirkung?
(Hoch)Begabte Kinder haben eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, auch hochsensibel zu sein, weil ihr Gehirn komplexer arbeitet und dadurch mehr Details bemerkt. Hochsensibilität allein bedeutet aber nicht automatisch Hochbegabung. Sie kommt genauso häufig bei normal und weniger begabten Kindern vor.
Kinder, die beides vereinen, erleben die Welt oft gleichzeitig kognitiv und emotional besonders intensiv. Das kann sehr bereichernd, aber auch anstrengend sein. Denn kluge Kinder sind nicht emotional reifer. Es kann sogar umgekehrt sein. Während das Denken schon weit voraus ist, steckt die emotionale Regulation noch mitten in der Entwicklung. So kann es passieren, dass dir das Kind die Regeln der Quantenphysik erklärt, aber gleichzeitig daran verzweifelt, weil die Lego-Burg nicht so aussieht, wie im Kopf.
Wie Eltern ihr sensibles, kluges Kind begleiten
Die Mischung aus (Hoch)Begabung und Hochsensibilität kann explosiv sein. Zwischen genialen Gedankengängen und tränenreichen Ausbrüchen liegen oft nur Minuten. Ein paar Dinge, die den Alltag entspannter machen:
- Gefühle ernst nehmen, auch dann, wenn die Reaktion übertrieben wirken mag. Sie fühlen sich für das Kind so dramatisch an.
- Strukturen schaffen, die Rückzugsorte und Routinen fördern, damit das Kind genug Raum hat, runterzufahren und überfordernde Situationen vermieden werden können.
- Überforderung im Blick haben und das Kind in seinem Aktionismus bremsen, wenn es Gefahr läuft, sich selbst zu viel zuzumuten.
- Den ausgeprägten Gerechtigkeitssinn erkennt man am besten einfach an und sieht ihn als Stärke.
- Gleichgesinnte lassen ein Kind wissen, dass es nicht allein ist.
Nicht jedes (hoch)begabte Kind ist hochsensibel und nicht jedes hochsensible Kind ist (hoch)begabt. Trifft beides zusammen, bringen Kinder Fähigkeiten mit, die sie zu empathischen, kreativen und reflektierten Erwachsenen machen, wenn sie die richtige Begleitung haben.
FAQ emotional hochbegabt
Emotional hochbegabt beschreibt Kinder, die Gefühle besonders intensiv wahrnehmen, stark empathisch sind und sensibler auf ihre Umwelt reagieren.
Nein. Viele (hoch)begabte Kinder sind hochsensibel, aber nicht alle. Und nicht jedes hochsensible Kind ist automatisch (hoch)begabt.
Typische Anzeichen sind ein starkes Gerechtigkeitsempfinden, intensive Gefühlsreaktionen, hohe Empathie und ein tiefgründiges Nachdenken über komplexe Themen.
Eltern sollten Gefühle immer ernst nehmen, Routinen schaffen, Überforderung vermeiden und Räume für Rückzug und Austausch ermöglichen.
(Hoch)Begabung bezieht sich auf intellektuelle Fähigkeiten (IQ), Hochsensibilität auf die tiefe Wahrnehmung von Reizen und Emotionen.
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