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Appell in der Corona-Krise: Eltern, werdet endlich richtig laut!

von Anne Walkowiak Erstellt am 9. Mai 2020
Appell in der Corona-Krise: Eltern, werdet endlich richtig laut!© Getty Images

Geschäfte, Hotels, Freibäder und Sporthallen – alle dürfen ihre Türen in der nächsten Zeit wieder öffnen. Auch die Bundesliga soll wieder starten. Aber fehlt da nicht was? Genau: die Kinderbetreuung!

Wenn ich im Zusammenhang mit der Coronakrise nur noch einmal die Worte Entschleunigung oder Corona-Ferien höre, denke ich, werde ich implodieren. Zum Explodieren fehlt mir schier die Kraft. Seit ZEHN Wochen sind meine beiden schulpflichtigen Kinder zu Hause, inklusive Homeschooling. Und seit zehn Wochen arbeiten mein Mann und ich im Homeoffice.

Das ist natürlich ein Privileg, und wir sind dankbar, dass das möglich ist. Aber es ist auch ein unglaublicher Kraftakt und bei allen liegen die Nerven blank.

Und während die Politik beschließt, der Wirtschaft, dem Handel und der Gastronomie so schnell es geht zu helfen (was natürlich wichtig und richtig ist), die Bundesliga demnächst wieder starten soll (über die Wichtigkeit darf gerne diskutiert werden) und andere Bereiche wieder öffnen (zum Ende des Monats sollen Kontaktsportarten wieder stattfinden dürfen, sogar in der Halle), ist an einen geregelten Schulalltag noch lange nicht zu denken. Von regulären Kita-Öffnungen ganz zu schweigen.

Wir Eltern fühlen uns im Stich gelassen und ehrlich gesagt ziemlich verarscht.

Wie kann es sein, dass immer wieder von systemrelevanten Berufen gesprochen wird, Eltern aber scheinbar nicht dazu zählen? Wie kann es sein, dass eine Bundesregierung Milliarden Hilfsmittel in Windeseile mobilisieren kann, Eltern aber keine bzw. nur ein Bruchteil dieser staatlichen Mittel (Entschädigungsanspruch) zur Verfügung stehen?

Wie kann es sein, dass über die Fortsetzung der Bundesliga diskutiert wird, es bereits konkrete Konzepte dafür gibt, unsere Kinder aber nicht einmal mit ihren Freunden spielen dürfen? Da stimmt etwas ganz gewaltig nicht!

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"Genießt doch die Zeit mit der Familie"

Und es stimmt noch weniger, wenn man sich von anderen Menschen (und sogar anderen Eltern) sagen lassen muss, dass man sich doch bloß nicht beklagen solle. Stattdessen solle man die Familienzeit doch genießen. So viel Zeit hätte man nie wieder füreinander. Und überhaupt, es sind doch die eigenen Kinder, jetzt müsse man sich eben auch mal um sie kümmern.

LEUTE! Ich hatte nie weniger Zeit für die Familie

Und nie weniger Zeit, die gemeinsame Zeit zu genießen. Aktuell führen Eltern einen täglichen Kampf zwischen Schularbeiten, der eigenen Arbeit, Essen kochen, Wäsche waschen und Langeweile bekämpfen.

Die Stimmung ist gereizt und Kleinigeiten reichen aus, um jemanden zum Weinen zu bringen (damit sind nicht nur die Kinder gemeint). Viele Eltern steuern in der aktuellen Situation schnurstraks auf einen ordentlichen Burnout zu.

"Die Krise ist kein Wettkampf darum, wer mehr leidet"

Ich weiß, dass Menschen, die aktuell alleine leben, keine leichte Zeit haben. Dass sie sich nach sozialen Kontakten sehnen. Das ist genauso schlimm. Das hier ist jedoch kein Wettkampf darum, wer mehr leidet als der andere. Es geht hier darum anzuklagen, dass es ein Unding ist, wie die Politik mit Familien umgeht.

Zehn Wochen ist es her, dass Kitas und Schulen geschlossen wurden. In diesen zehn Wochen gab es bescheidene Ideen zur Wiedereröffnung der Schulen und gar keine Ideen zur Wiedereröffnung von Kitas. Aber Hauptsache, der Profifußball kehrt mit einem ausgeklügelten Konzept endlich zurück.

Fällt denn diese Schieflage nicht auf? Nein, scheinbar nicht oder nur sehr wenigen in entscheidenden Positionen und das auch viel zu langsam. Die neuen Bund- und Länderbeschlüsse von Mittwoch, den 6. Mai sind ein Schlag ins Gesicht für Eltern.

Geschäfte, Hotels, Restaurants, Zoos und viele weitere Bereiche werden geöffnet. Menschen sollen also wieder arbeiten. Aber was machen Eltern, wenn es ihnen am Betreuungsangebot mangelt? Unbezahlten Urlaub nehmen? Kündigen? Oder machen wir von nun an alle Berufe zu systemrelevanten Berufen und haben somit alle Anspruch auf eine Notbetreuung? Das ist sicher keine Lösung.

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Corona-Elternzeit und Corona-Elterngeld

Homeoffice und Kinderbetreuung sind zwei Paar Schuhe, von Homeschooling ganz zu schweigen. Es sind drei unterschiedliche Tätigkeiten mit drei unterschiedlichen Anforderungen, die in der aktuellen Zeit dennoch gleichzeitig stattfinden müssen.

Deshalb fordert das Deutsche Institut für Witschaftsforschung, die Einführung von Corona-Elternzeit und Corona-Elterngeld. Auch Annalena Baerbock, Vorsitzende der Grünen und selbst Mutter zweier Kinder, schließt sich dem an.

"Es muss anerkannt werden," so die Forscher und Forscherinnen, "dass nicht alle erwerbstätigen Alleinerziehenden und Familien mit zwei beschäftigten Elternteilen über Monate ihre Erwerbstätigkeit in gewohntem Umfang aufrechterhalten können, wenn sie 'nebenbei' Kinder betreuen und Homeschooling organisieren müssen."

Stattdessen, so die Idee der Wirtschaftsforscher*innen, könnten Eltern einen "Rechtsanspruch auf Arbeitszeitreduzierung mit entsprechendem Kündigungsschutz erhalten und gegebenenfalls eine Einkommensersatzleistung erhalten."

Das sind Ideen, die wir Eltern uns wünschen. Das sind Vorschläge, die wir von einer Bundesregierung erwarten, die alle im Blick hat. Stattdessen wurde das Thema Familie bisher bei keiner der Pressekonferenzen wirklich zum Thema gemacht. Eltern werden in ihrer aktuellen Lage alleingelassen. Kinder werden aktuell im Stich gelassen.

Eltern in der Corona-Krise: Es regt sich Widerstand

Während die Politik also viel zu langsam die Bedürfnisse von Familien zu entdecken scheint, gehen wir Eltern schon länger auf die Barrikaden. Mal mit Humor, mal mit traurigen Wahrheiten und mal mit verzweifelten Apellen schließen wir uns bei Facebook, Twitter und Instagram zusammen. Unter dem Hashtag #CoronaEltern wollen wir anklagen und laut werden.

Wir Eltern sind verdammt wütend, stinksauer und mit den Kräften am Ende. Wir alle müssen viel lauter werden und unseren Unmut, unsere Überlastung und unser Unbehagen kund tun. Es darf nicht sein, dass Familien die letzten sind, denen in dieser Krise geholfen wird. Denn unsere Kinder sind unser aller Zukunft. Und ihre Zukunft sollten wir ihnen nicht schon am Anfang verbauen.

Es ist sicher nicht leicht, ein Konzept vorzulegen, dass die Gesundheit unserer Kinder sichert und ihnen dennoch genug Platz zum Kind sein lässt. Aber es ist dringend notwendig und längst überfällig. Also Eltern, werdet endlich richtig laut!