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Liebe & Psychologie

Kein Sex vor der Ehe: Einfach nur prüde oder durchaus sinnvoll?

von Fiona Rohde Veröffentlicht am 3. Mai 2019

Man hat schon häufiger davon gehört: Von Frauen und Männern, die sich für den einen, richtigen Partner aufsparen und erst dann Sex haben wollen, wenn sie den Bund der Ehe eingegangen sind. Ihr Dogma: Kein Sex vor der Ehe. Klingt nach angestaubter Kirchengläubigkeit und Prüderie. Aber das Ganze einfach zu belächeln, wäre zu simpel.

In der Regel ist es heute ja eher andersherum. Man ist jung und genießt das Leben in vollen Zügen. Alles ist möglich, nichts muss. Jetzt ist erstmal Zeit auszutesten, was einem gefällt und was nicht.

Das betrifft auch die möglichen Lebenspartner. Schließlich muss man erstmal herausfinden, wer zu einem passt und wer nicht. So liebt und entliebt man sich, hat Beziehungen, Dates und ab und an auch mal einen One-Night-Stand. Und irgendwann ist man bereit für die große Liebe.

Kein Sex vor der Ehe: Rückschritte in alte Zeiten?

Keusch bis zur Ehe, das predigen viele Religionen seit Jahrhunderten, doch in der heutigen Zeit scheinen sich nur noch wenige Paare tatsächlich daran zu halten. Doch - oh Wunder - es gibt auch heute noch junge Menschen, die dafür plädieren, unberührt in die Ehe zu gehen.

Kein Sex vor der Ehe, kein Austoben, kein Ausprobieren. Wahre Liebe wartet, so lautet die Devise. Klingt wie reine Selbstkasteiung. Schließlich hat jeder Mensch Triebe und fühlt sich zu dem Menschen, den man liebt, auch körperlich hingezogen.

Die Idee, junge Menschen in der heutigen Zeit zu motivieren, ein öffentliches Keuschheitsgelübde abzulegen, um bis zur Ehe enthaltsam zu leben, stammt wie so vieles aus den USA. Anfang der 90er war die Zahl der Teenagerschwangerschaften und HIV-Infektionen stark angestiegen.

Deshalb rief Pfarrer Jimmy Hester junge Leute zu sexueller Enthaltsamkeit vor der Ehe auf. Das Projekt wurde unter dem Namen "True Love Waits" ("Wahre Liebe wartet") bekannt. Bis heute sollen Millionen Jugendliche ein öffentliches Keuschheitsgelübde abgelegt haben.

Viele tragen den sogenannten "Purity Ring" als Zeichen ihrer Enthaltsamkeit. Die Jugendlichen gehen oft so weit, dass sie nicht mal Händchen halten oder sich küssen.

Viele Prominente, wie Britney Spears, Selena Gomez, Justin Bieber und Miley Cyrus, haben in jungen Jahren öffentlich erklärt, keusch zu leben und als Jungfrau in die Ehe gehen zu wollen - was allerdings nicht lange angehalten hat. Auch etliche amerikanische Serien wie "Gilmore Girls" und "Twilight" (die Autorin Stephenie Meyer ist Mormonin) propagieren die Enthaltsamkeit vor der Ehe.

Das erste Mal als Geschenk

Was also treibt Menschen an, die sich jede Körperlichkeit vor der Ehe versagen? Da gibt es zum einen die, die aufgrund ihres Glaubens für sich selbst festlegen, dass die Ehe etwas Besonderes, Heiliges ist und Sex etwas, was man sich für diese bestimmte Person aufhebt. Erst die Hochzeit, dann der Sex.

Doch es mag auch romantische Überlegungen geben. Man möchte das erste Mal mit jemand ganz Besonderem, also dem Ehemann bzw. der Ehefrau erleben. Die Jungfräulichkeit als Geschenk an den Liebsten.

Andere haben zu viele Beziehungen in ihrem nahen Umfeld kaputt gehen sehen oder haben viele Bekannte, die für die Liebe leiden mussten. Oder sie sind der Meinung, eine Frau, die mit vielen Männern schläft, würde sich unter Wert verkaufen und billig wirken.​ Ob die Gleichung "kein Sex = kein Kummer" allerdings aufgeht, sei dahingestellt.

Reine Auslegungssache

Doch nicht alles ist so koscher und streng, wie es aussieht. Einige Anhänger der Keuschheits-Bewegung halten sich nämlich nicht allzu streng an die Regeln. Für sie ist "kein Sex vor der Ehe" eine Auslegungssache. "Kein Sex" bedeutet für sie: Sex im "normalen" Sinne - also vaginaler Sex. Blow Job und Analsex sind in dem Fall erlaubt.

Eine etwas schräge Auslegung des Gelübdes, das mit Keuschheit eher weniger zu tun hat. Diese Art der Auslegung scheint gar nicht mal so selten zu sein: Laut einer Studie der Yale und der Columbia University hat mehr als die Hälfte der "angeblichen Jungfrauen" regelmäßig Oralsex, 13 Prozent Analsex. Geht es hier letztlich also nur um ein Jungfernhäutchen, statt um wirkliche Enthaltsamkeit?

​Auch sonst zeigt die Studie, dass die Bewegung "True Love Waits" nicht wirklich erfolgreich zu sein scheint: Von 12.000 Teenagern im Alter zwischen 12 und 18 Jahren, die ein Keuschheitsversprechen abgelegten, hatten innerhalb von sechs Jahren ganze 88 Prozent Geschlechtsverkehr - und zwar ohne Trauschein.

Keine halbherzigen Versprechen

Sicher gibt es viele Jugendliche, die ihr Gelübde "Kein Sex vor der Ehe" treu einhalten, bis sie unter der Haube sind. Was auch immer die Gründe sind, es ist jedem selbst überlassen, mit wem er wann, wie und wo schläft und mit wem eben nicht. Schade wäre es nur, wenn Menschen ein Versprechen geben würden, das sie nur auf Druck von außen machen und dann nur halbherzig befolgen.

​Dennoch sollte man das Thema "kein Sex vor der Ehe" nicht direkt mit dem Stempel "altbacken" versehen. Ständig wird uns weisgemacht, unser Sexleben müsse mega toll und aufregend sein. Und dabei sind wir irgendwie schon längst über das Ziel hinausgeschossen.

Vielleicht ist es da durchaus eine natürliche Reaktion sich dem zu entziehen. Es muss ja nicht jedermanns Sache sein, aber zumindest eine Überlegung sollte erlaubt sein.

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