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Liebe & Psychologie

Entlieben & Verlieben: Haben wir gar keinen Einfluss auf unsere Gefühle?

von Fiona Rohde Veröffentlicht am 4. Oktober 2019

Wenn es um die Liebe geht, scheint vieles immer noch unerklärlich zu sein. Warum entlieben wir uns in einer Beziehung? Und umgekehrt: Warum können wir so oft nicht loslassen, obwohl uns jemand nicht gut tut? Die Psychologie hat hier eine recht plausible Antwort.

Es gibt diesen schmerzlichen Moment, in dem man sich eingestehen muss, dass eine Liebe vorbei ist. Wer lange in einer Beziehung steckt, hat es vielleicht schon erlebt. Irgendwann wacht man auf und merkt, dass aus Liebe etwas anderes geworden ist. Freundschaft, bloße Sympathie oder vielleicht sogar Gleichgültigkeit und Antipathie – in jedem Fall keine Liebe mehr. Was genau passiert da, wenn aus DEM einen Menschen einer unter vielen wird, ohne dass wir es wollen?

Gleichzeitig gibt es Momente im Leben, in denen wir uns wünschen würden, dass wir uns schnellstmöglich entlieben würden, beispielsweise weil die Liebe nicht auf Gegenseitigkeit beruht und wir unter Liebeskummer leiden. Und egal ob Lieben oder Entlieben: Beides scheint einfach so mit uns zu geschehen, ohne das wir Einfluss darauf haben. Oder etwa doch?

Die 2 Phasen der Liebe: Verliebtheit und Vertrautheit

Liebe ist das schönste Gefühl der Welt und gleichwohl das mysteriöseste. Um sie besser zu verstehen, muss man zunächst einmal die Phasen der Liebe kennen. Die Psychologie unterscheidet nämlich zwei Teilaspekte der Liebe: Zum einen ist da das, was wir in erster Linie mit Liebe verbinden, nämlich das Gefühl der Verliebtheit und die leidenschaftliche Liebe. Zum anderen gibt es aber auch die kameradschaftliche Liebe. Sie entsteht mit der Zeit aus dem Gefühl tiefer Vertrautheit zum Partner.

Der Wechsel von der anfänglichen Verliebtheitsphase zur ruhigeren Phase der tieferen Liebe und Vertrautheit ist ein ganz normaler Vorgang, wie der Psychologieprofessor Lars Penke in einem Interview mit dem Gesundheitsportal Onmeda.de erklärt. Am Anfang einer Beziehung geben wir mächtig Gas. Wir wollen den anderen von uns überzeugen und ihn im Sturm erobern.

Alles ist noch unsicher und genau davon lebt auch diese Anfangsverliebtheit in einer Beziehung. Die große Unsicherheit und das Lechzen nach einer Erwiderung unserer Gefühle. Das Werben um die Zuneigung des anderen steht über allem. Man ist auf diesen einen Menschen komplett fixiert.

Und natürlich lässt dieses starke Gefühl, das uns in einen rauschartigen Ausnahmezustand versetzt, irgendwann nach, sobald man sich näher kennt und sich der Gefühle des anderen sicher ist. Dann weicht das Verliebtheitsgefühl einem tieferen Gefühl: "Im Idealfall geht die leidenschaftliche Liebe in eine tiefere Bindung über. Der Partner wird verlässlicher, vorhersagbarer, ein sicherer Hafen," erklärte Lars Penke.

Vertraut sein bedeutet nicht das Ende der Liebe

Viele Menschen verwechseln diese zweite Phase der Liebe, in der eben nicht mehr alles rauschhaft ist, sondern in der auch der Alltag einsetzt, mit dem Ende der Liebe. Sie setzen diese ruhigere Art der Liebe mit schwindenden Gefühlen gleich. Aber das ist falsch, denn das alles ist ein ganz normaler Vorgang. Denn ewig könnten wir in dem Rauschzustand des Anfangs gar nicht bleiben, denn der nimmt uns körperlich und geistig einfach komplett auseinander.

Wann genau dieser Wechsel der Gefühle stattfindet, ist von Paar zu Paar unterschiedlich. Viele Paare können die anfängliche Spannung länger aufrechterhalten als andere. Sei es, weil sie sich ihren Freiraum lassen, weil sie sich extrem Mühe geben, weil sie eine Fernbeziehung führen oder was auch immer. Sicher ist nur: Der Wechsel kommt – früher oder später.

Warum entliebt man sich dennoch?

Was jedoch, wenn dieses tiefe Gefühl eben doch zu kameradschaftlich wird oder sogar ganz nachlässt? Was steckt dahinter, wenn die Liebe plötzlich weg ist? Die Antwort des Psychologen klingt da recht pragmatisch. Lars Penke sieht das Modell der monogamen Beziehung als eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung. Stimmt hier die Rechnung für einen von beiden nicht mehr, so wird er womöglich die Konsequenzen daraus ziehen. "Wenn man das Gefühl hat, sich auf den Partner nicht mehr verlassen zu können, hat man von der Beziehung nichts mehr, die Kosten-Nutzen-Rechnung fällt negativ aus."

Ein ganz wichtiger Faktor, der für beide stimmen muss, ist der Faktor Vertrauen. Geht das verloren, beispielsweise, weil einer dem anderen Dinge verheimlicht, ihn anlügt oder fremdgeht, kann das die Beziehung massiv schwächen. Und der enttäuschte Partner widerum wird ebenfalls seine Kosten-Nutzen-Rechnung anschauen, und sich fragen, was er noch von der Beziehung hat.

Liebeskummer: Wenn man sich entlieben will, aber nicht kann

Liegt die Beziehung im Argen, trennt sich jedoch längst nicht jeder. Gerade emotional labile Menschen verharren oftmals in der Partnerschaft, weil sie Angst vor dem Alleinsein haben. Und sie empfinden das auch gar nicht als unlogisch. "Sie entlieben sich nicht, sondern bei ihnen verwandelt sich die Liebe in eine ängstlich-ambivalente Form der Bindung: Sie vertrauen dem anderen zwar nicht mehr wirklich, halten aber an der Beziehung fest."

Und auch wenn man sich notgedrungen trennt, weil die Beziehung so keinen Sinn mehr ergibt, so kann man seine Gefühle nur schlecht steuern. Will man sich entlieben, weil man leidet, dann ist das meist genauso schwer wie sich zu verlieben. Die Gefühle machen, was sie wollen. Sie sind einfach noch da, egal, wie sehr man sich auch wünscht, loslassen zu können.

Was hilft, um sich zu entlieben?

Lars Penke sagt dazu: "Wenn man den Partner nach der Trennung noch liebt, liegt es meist daran, dass die Vertrautheit noch da ist. Man glaubt weiterhin, sich auf ihn verlassen zu können."

Um sich aktiv entlieben zu können, muss man sich genau von dieser Vertrautheit lösen. Und zwar, indem man vermehrt an das denkt, was negativ in der Partnerschaft war. So verstärkt man die eigenen Zweifel an der Beziehung und das hilft letztlich, sich zu lösen.

"Wenn man sich nicht gut vom Ex-Partner lösen kann, hat es aber oft auch damit zu tun, dass man keine Alternativen für sich sieht: Man glaubt, keine Chance auf einen neuen Partner zu haben." Und da hilft letztlich nur eins: Sich positives Feedback holen, z.B. bei Flirts mit einer neuen Bekanntschaft, um zu merken: Es gibt Alternativen.

Frisch verliebt, aber unglücklich: Was hilft da?

Auch ohne Beziehung ist das mit den Gefühlen nicht immer einfach. Wie oft ist man verliebt und total angefixt von seinem Gegenüber – das aber entzieht sich und bleibt kalt. Auch in diesem frühen Stadium der Verliebtheit können wir unseren Gefühlen nur schwer das Stoppsignal zeigen. Lieber beginnen wir uns selbst zu belügen und tendieren dazu, jedes noch so kleine Signal unseres Objekts der Begierde als Gefühl und Interesse zu deuten. Jeder kleine Happen, den er uns hinwirft, wird begierig aufgenommen. Dumm nur: So verlängern wir unser Leiden unnötig.

Doch auch hier wachen wir irgendwann auf, wie Lars Penke gegenüber Onmeda.de erläutert. Er vergleicht das Gefühl des Verliebtheitseins mit dem Flow-Erlebnis, das manche von Computerspielen kennen: "Der Reiz besteht darin, dass das Anforderungsniveau perfekt ist: Man wird gefordert, muss sich bemühen, hat aber auch Erfolgserlebnisse, weil man ermutigende Signale empfängt."

Solange unser Gegenüber mitspielt, sind wir mit Feuereifer dabei. Gibt uns der Andere jedoch gar nichts zurück, keine Freundlichkeit, kein Flirtsignal, nichts, geben wir unser Verliebtsein automatisch irgendwann auf. Um dem Liebeskummer zu entgehen und sich schleunigst neu zu orientieren, hilft auch hier vor allem eins: Flirten und neu verlieben.

Das Interview mit dem Psychologieprofessor Lars Penke führte Lydia Klöckner von Onmeda.de. Das vollständige Interview findet ihr hier.

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