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Social Media-Studie: Lockdown erhöht den Druck auf junge Menschen

von Fiona Rohde Erstellt am 17. März 2021
Social Media-Studie: Lockdown erhöht den Druck auf junge Menschen© pexels.com

Dass wir in den sozialen Netzwerken ein gutes Bild abgeben wollen, ist nachvollziehbar, hat aber den traurigen Nebeneffekt, dass wir dadurch auf uns selbst und andere Druck ausüben. Eine Studie aus England zeigt, wie sich das in Zeiten des Lockdowns noch verschärft hat.

Wir reden über Diversität, kämpfen gegen Bodyshaming und ein unrealistisches Schönheitsideal und dennoch handeln wir leider anders, wie die aktuelle Studie der University of London zeigt. Obwohl wir wissen, dass wir alle nicht perfekt sind und auch nicht sein müssen und dass Schönheit viele Gesichter hat, so streben wir doch nach Perfektion, sobald es um unser Bild auf Social Media geht.

Laut der Studie verwenden 90 Prozent der 18- bis 30-Jährigen Filter, um ihr Aussehen zu verändern, wenn sie ihr Bild in den sozialen Netzwerken posten. Das bedeutet, dass neun von zehn ihre eigenen Bilder mit Filtern und Apps retuschieren.

Man muss jedoch dazu sagen: Die jungen Menschen machen das nicht einfach so aus Spaß, so die Ergebnisse der Studie, sondern, weil "sich junge Frauen in den sozialen Medien ständig beobachtet fühlen." Und dieser Druck und diese Angst werde durch die Pandemie noch verstärkt.

Dass sich die Pandemie und der Lockdown mit allen Einschränkungen im privaten Bereich auf unsere Psyche auswirken werden und wir letztlich nur erahnen können, was das für unsere Kinder oder labile Menschen bedeutet, war uns sicher allen klar. Dennoch sind die Ergebnisse der Studie deprimierend.

Weniger Reales: Die Übermacht des Virtuellen im Lockdown

Durchgeführt wurde die Umfrage bereits im Juni 2020, das war in Großbritannien gegen Ende des Lockdowns, also zu einem Zeitpunkt, an dem viele Menschen bereits zehn Wochen zu Hause bleiben mussten. In dieser Zeit haben viele junge Frauen aufgrund der Isolation deutlich mehr Zeit in den sozialen Netzwerken zugebracht – mit deutlichen Folgen für die eigene Körperwahrnehmung, wie die Studie zeigt.

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Virtuelle Kontakte als manchmal einziger Kontakt zur Außenwelt: Da wundert es nicht, dass die Zeit, die die Teilnehmer mit Sozialen Medien verbrachten, extrem hoch war. So sagten zwar 13 Prozent, dass sie weniger als zwei Stunden täglich auf Social Media verbrachten, 67 Prozent verbrachten allerdings zwischen zwei und sechs Stunden täglich, und 20 Prozent sogar mehr als sechs Stunden pro Tag im Netz. Dabei war Instagram mit knapp 90 Prozent der Anmeldungen das beliebteste soziale Netzwerk.

Video: Hier die Ergebnisse einer anderen Studie über Bodypositivity

Video von Aischa Butt

Druck auf die eigenen Körperwahrnehmung: Fakten & Zahlen

Die zunehmende Fokussierung auf die sozialen Netzwerke blieb nicht ohne Spuren. Wer ständig das perfekte, schöne Leben der anderen sieht, fühlt sich gedrängt, ebenso perfekt sein zu müssen. Zumal unsere eigene Normalität in den Zeiten der Pandemie nicht mehr vorhanden ist. Uns fehlt sozusagen die Erdung durch reale Begegnungen und zwischenmenschliche Kontakte.

Filter verzerren die Realität

Leider tragen Bearbeitungs-Apps und Filter wie Facetune dazu bei, dass unrealistische Vorstellungen von Schönheit und ein stereotypes Ideal in den sozialen Netzwerken dauerpräsent sind. Vorstellungen, von denen sich junge Frauen überfordert fühlen können. Zudem gaben viele Befragte an, sich ständig von Gleichaltrigen kontrolliert zu fühlen. So antworteten mehr als 95 Prozent auf die Frage: "Glauben Sie, dass sich Menschen in Bezug auf ihr Körperbild unter Druck gesetzt fühlen?" mit "Ja".

Weitere erschreckende Ergebnisse: Mehr als 90 Prozent der Befragten wollen attraktiv aussehen und vergleichen ihr Aussehen mit anderen. Sie fühlen sich unter Druck gesetzt, mithalten zu müssen und auch ein perfektes Selbst und ein perfektes Leben in den sozialen Netzwerken zu präsentieren (70 %). Und sie spüren den Druck, positive Kommentare, Likes oder Shares für ihre Bilder sammeln zu müssen (mehr als 75 %).

90 Prozent der Befragten bearbeiten ihre Bilder vor dem Posten, beispielsweise indem sie den Hautton heller oder dunkler machen, die Zähne aufhellen, die Kieferpartie oder die Form der Nase ändern oder sich schlanker mogeln. Die Hälfte der Befragten verwendet bei jedem zweiten Bild oder öfter einen Filter (einschließlich Comic-Filter) und nutzt YouTube-Tutorials zur Bearbeitung ihrer Selfies.

Mehr als 75 Prozent der jungen Frauen erklärten, nie das Gefühl zu haben, den Bildern, die sie sehen, gerecht zu werden, was etwa 60 Prozent oft deprimierend fanden. Und ganze 100 Prozent der Befragten gaben an, dass unsere Gesellschaft dem Aussehen eine große Bedeutung beimisst.

Prof. Rosalind Gill vom Gender and Sexualities Research Centre an der City University of London erklärt: "Mit fast 100 Millionen Fotos, die jeden Tag allein auf Instagram gepostet werden, waren wir noch nie eine so bilddominierte Gesellschaft. Das Posten von Inhalten in den sozialen Medien kann das intensive Vergnügen bereiten, wenn man 'Likes' und anerkennende Aufmerksamkeit bekommt, aber es ist auch eine Quelle großer Angst für die meisten jungen Frauen."

Das Perfide: Obwohl sie junge Frauen dem Druck des Schönheitsideals in den sozialen Netzwerken beugen und auch schöner und perfekter aussehen wollen, verspüren sie gleichzeitig auch den Druck, authentisch und nicht "unecht" sein zu müssen.

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Wenig Diversität auf Social Media

Neben den Erfahrungen im Lockdown und Sichtweisen zum Thema Body Posititvity ging es bei der Studie auch um Themen wie die Black-Lives-Matter-Bewegung. Und hier zeigt sich "ein anhaltendes Gefühl der Wut unter jungen Frauen", weil sie die Darstellung in den sozialen Medien als "zu weiß", "zu heterosexuell" und zu sehr auf eine stereotype Vorstellung von Schönheit fokussiert wahrnehmen.

Prof. Rosalind Gill erklärt hierzu: "Junge Frauen fühlen sich von 'zu perfekten' Bildern überwältigt. Frauen of Color, Frauen mit Behinderungen und geschlechtsuntypische Menschen behaupten, sie sehen jemanden wie sie nur selten in den Medien."

Und natürlich gibt es tolle Initiativen, Bloggerinnen und Blogger, die sich genau hierfür einsetzen, für mehr Diversität und Toleranz, das soll hier nicht vergessen werden. Dennoch ist noch viel zu tun und die Übermacht der perfekten Bilder allgegenwärtig. Und vor allem für junge oder unsichere Menschen ist es nicht einfach, damit tagtäglich umzugehen.

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Lockdown wirkt wie ein Brennglas auf bestehende Probleme

Das Dilemma, das die Studie verdeutlicht, ist, dass wir Frauen leider dazu tendieren, uns extrem selbstkritisch zu sehen, daraus resultierend oft ein gestörtes Selbstwertgefühl haben und eher unsere scheinbaren Mängel sehen, anstatt unsere wirkliche Stärke und Schönheit. Dass diese Entwicklung sich jetzt in Zeiten des Lockdown noch verstärkt, ist mehr als traurig. Denn auch wenn die Ergebnisse der Studie allgemein gültig sind, zeigen sie, dass die Pandemie sozusagen wie ein Brennglas auf bereits bestehende Probleme wirkt.

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Die Isolation des Lockdowns, Fernunterricht, Regeln und Verbote, finanzielle Sorgen und nicht zuletzt die Angst und Trauer aufgrund von Corona-Erkrankungen: All das hat natürlich starke Auswirkungen auf die Psyche. Gleichzeitig sind wir noch mehr auf uns selbst zurückgeworfen, haben kaum soziale Kontakte und Aktivitäten und fokussieren uns somit vermehrt auf die virtuellen Kontakte in den sozialen Netzwerken.

Das mag für die Digital Natives eine pragmatisch zu sehende Notwendigkeit sein, Homeschooling, statt Präsenzunterricht, Zoom Treffen mit Freunden, statt reales Beisammensein, Likes auf Instagram, statt liebe Worte Face to Face. Das Leben online zu verlagern wird ihnen weniger abstrus erscheinen, als der älteren Generation. Dennoch erzeugt diese Verlagerung des Lebens in den Online-Bereich, wie die Umfrage zeigt, noch mehr Druck, Verunsicherung und Angst bei den Jugendlichen.

Bleibt zu hoffen, dass sich die negativen Auswirkungen in einer besseren Zeit wieder abmildern werden, wenn wir wieder rausgehen und Menschen ohne Argwohn und Regeln treffen und ihnen nah sein können.

Zur Studie: Prof. Rosalind Gill vom Gender and Sexualities Research Centre an der City University of London veröffentlichte im März 2021 ihren Bericht Changing the Perfect Picture: Smartphones, Social Media and Appearance Pressures. An der Studie nahmen 175 junge Frauen und nicht-binäre Menschen in Großbritannien im Alter von 18-30-Jähren teil.