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Mangel an Frauenhäusern: Zu wenig Plätze für Frauen in Not

von Jessica Stolz Erstellt am 2. März 2021

Jede dritte Frau hat schon mal Gewalt in ihrer Beziehung erlebt. Nur ein Bruchteil der Frauen sucht Schutz in einem Frauenhaus. Und trotzdem gibt es in Deutschland viel zu wenig Plätze für Frauen, die diese unbedingt brauchen.

In unserer Reihe "Supporting Women" wollen wir auf Diskriminierung, Gewalt und Hass gegen Frauen mitten unter uns hier in Deutschland aufmerksam machen. Damit ein Bewusstsein entsteht über Missstände, die leider auch 2021 immer noch an der Tagesordnung sind.

Frauenhäuser sind oft der letzte Ausweg für Frauen, die nicht wissen wohin. Frauen, die sich zu Hause nicht mehr sicher fühlen, weil sie von ihrem Partner geschlagen werden oder anderer körperlicher oder psychischer Gewalt ausgesetzt sind.

Statistisch gesehen stirbt jeden dritten Tag eine Frau durch ihren Partner. Und jede dritte Frau hat schon einmal Gewalt in ihrer Beziehung erlebt. Laut dem Statistischen Bundesamt leben derzeit 42,1 Millionen Frauen in Deutschland. Welche Ausmaße das Problem annimmt, lässt sich also erahnen.

In Frauenhäusern finden Frauen nicht nur einen sicheren Zufluchtsort, sondern erhalten dort auch seelische Unterstützung und Beratung. Dass Frauenhäuser unfassbar wichtig und notwendig sind, ist unbestreitbar.

Und trotzdem gibt es in Deutschland leider viel zu wenig davon. Rund 350 Frauenhäuser und 7000 Plätze gibt es derzeit. Laut der Istanbul-Konvention sind das ganze 15.000 (!) Plätze zu wenig. Es müsste also dreimal so viele Plätze geben, als derzeit in Deutschland vorhanden. Pro 10.000 Einwohner sieht die Istanbul-Konvention einen Familienplatz, sprich: eine Frau plus Kind, vor.

Frauenhäuser in der Pandemie

Durch die Corona-Pandemie hat dieses Thema noch einmal an Fahrt aufgenommen. Laut einer Studie, durchgeführt von einem Forscherteam der Technischen Universität München (TUM) und dem RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, erleben Frauen in der Quarantäne mehr Streit, mehr Angst, mehr Schläge. So gaben 3,1 Prozent der Frauen bei der Online-Befragung an, in Zeiten der strengen Kontaktbeschränkung mindestens eine körperliche Auseinandersetzung, etwa Schläge, erfahren zu haben. Ähnlich viele Frauen gaben an, vergewaltigt worden zu sein (3.6 %).

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Befinden sich die Frauen zu Hause in Quarantäne, sehen die Zahlen noch besorgniserregender aus. Dann berichten nämlich 7,5 Prozent von körperlicher Gewalt. Kommen dann noch Geldsorgen, Jobverlust oder Kurzarbeit hinzu, steigt diese Zahl weiter an.

Die Zahlen verraten uns: Es braucht Frauenhäuser. Frauen brauchen einen Zufluchtsort, wenn sie sich zu Hause nicht mehr sicher fühlen. Dass in Deutschland ein eklatanter Mangel an Frauenhausplätzen herrscht, legt die Corona-Pandemie schonungslos offen.

Der Lockdown verschärft das Problem

Das Kontroverse ist aber: Durch die Pandemie sind die Anfragen in den Frauenhäusern nicht gestiegen. Man könnte ja meinen, dass mehr Gewalt in den eignen vier Wänden automatisch zu einem höheren Andrang auf die Frauenhäuser führt.

Lydia Dietrich, Geschäftsführerin der Frauenhilfe in München glaubt, dass das mit der erschwerten Kontaktaufnahme in der Pandemie zusammenhängt. Gegenüber dem Magazin 'ze.tt' erklärt sie: "Die Frauen sind in den Wohnungen mit ihren Partnerinnen und Partnern so gefangen, dass sie gar keine Möglichkeit haben, unbemerkt zu telefonieren oder sich Hilfe zu suchen."

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Nur ein Bruchteil der Frauen, die zu Hause Gewalt erfahren, suchen sich derzeit Hilfe bei einem Frauenhaus. Das allerdings könnte sich nach dem strengen Lockdown (so bleibt zu hoffen) ändern. Denn wenn Frauen wieder unbemerkt Kontakt aufnehmen können (zum Beispiel, während der Partner bei der Arbeit ist) rechnen die Frauenhäuser mit einem starken Andrang.

Viele Städte arbeiten deshalb bereits jetzt daran, Notunterkünfte für diese Frauen zu finden. Denn die meisten Frauenhäuser sind aktuell voll. Sie waren es vor dem Lockdown, sind es währenddessen und werden es auch danach sein.

Auch die Finanzierung ist ein Problem

Einige Häuser berichten, dass sie in den letzten Monaten tragischerweise viele Frauen wegschicken mussten, weil sie keinen einzigen freien Platz mehr hatten. Das ist fatal, denn Frauenhäuser können für Opfer häuslicher Gewalt eine lebensrettende Einrichtung darstellen.

Doch nicht nur der Platzmangel stellt ein großes Problem dar, auch die Finanzierung der Plätze ist schwierig. Zwischen 750 und 3000 Euro kostet ein Platz in etwa im Monat. Finanziert werden diese Plätze zum Beispiel über Tagessätze oder pauschal. Allerdings nur für sozialleistungsberechtigte Frauen. Andere Frauen, die ihren Platz nicht selbst zahlen können, müssen abgewiesen werden.

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Eine große Herausforderung ist zudem, dass die durchschnittliche Verweildauer der Bewohnerinnnen zunimmt. Für viele Frauen wird es immer schwerer eine bezahlbare Wohnung zu finden. Deshalb bleiben sie deutlich länger im Frauenhaus, als eigentlich vorhergesehen.

All das zeigt, dass es in Sachen Frauenhäuser in Deutschland noch sehr viel zu tun gibt. Wir möchten unsere Stimme zum Weltfrauentag nutzen, um darauf aufmerksam zu machen.

Übrigens: Wenn ihr Frauenhäuser in eurer Nähe unterstützen wollt, informiert euch auf den Internetseiten, welche Art von Hilfen diese gerade benötigen. Auf den Seiten der Frauenhäuser findet ihr in der Regel immer Hinweise zu Spenden und erfahrt dort auch, wie ihr sonst noch helfen könnt.

Lesetipp: Weitere Artikel aus unserer Reihe "Supporting Women" findet ihr hier in der Übersicht. Ihr erkennt die Artikel am "Supporting Women"-Symbol im Bild.

Wichtige Adressen und Hilfsangebote

Falls ihr oder jemand Nahestehendes Opfer von Partnerschaftsgewalt ist, wendet euch an das Hilfetelefon für Gewalt gegen Frauen unter 08000 116 016 oder sucht euch Hilfe bei folgenden Beratungsstellen:

Bundesweite Initiative: Die Web-Seite stärker-als-gewalt.de

Frauenberatungsstellen: www.frauen-gegen-gewalt.de
Frauenhäuser / Frauenhauskoordinierung: www.frauenhauskoordinierung.de
Opferhilfeorganisationen: WEISSER RING e.V. (www.weisser-ring.de)

Telefonische Hilfe:
in akuten Fällen einfach die Polizei unter 110 rufen,
Telefonseelsorge unter 0800 111 0111 oder 0800 111 0222 (rund um die Uhr)
Opfertelefon des Weissen Ring e.V. unter Tel.: 116 006
Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen", Rufnummer 08000 116 016 (rund um die Uhr, kostenlos, anonym, verschiedene Sprachen dank Dolmetscher)

Stillschweigend Hilfe suchen:
Auch stillschweigend können Opfer häuslicher Gewalt mit einer kleinen Handbewegung zeigen, dass sie Hilfe benötigen und sich jemand bei ihnen melden soll. Dieses Handzeichen sollte jeder kennen.

Quellen:

Der Inhalt dieses Artikels dient lediglich der Information.