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Liebe & Psychologie

Offene Beziehung: Totales Vertrauen oder nur ein Freibrief zum Fremdgehen?

Fiona Rohde
von Fiona Rohde Veröffentlicht am 19. August 2015
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Offene Beziehung - ein Thema, das in letzter Zeit häufiger durch meinen Bekanntenkreis spukt. Klar, die Mehrheit ist entsetzt: "Das ist doch nur eine Lizenz zum Fremdgehen." Aber ist das so? Was ist dran an dem offenen Beziehungsmodell?

Ein paar wenige haben das Modell 'offene Beziehung' bereits ausprobiert, sind daran gescheitert oder haben darin in der Tat ihr Glück gefunden. Oft erzählen diese Leute dann ähnliche Geschichten: Man liebe seinen Partner noch, wolle miteinander alt werden, aber im Bett herrsche Langeweile. Um sich nicht zu trennen, wird nach einem Ausweg gesucht. Die Beziehung wird nach außen geöffnet, neue Freiheiten gewährt. Klingt alles ganz vernünftig. Aber: Kann diese Art Beziehung auf Dauer funktionieren - so, dass beide Partner glücklich sind?

Offene Beziehung: Die Theorie

Nüchtern betrachtet kann das Öffnen einer kriselnden Beziehung diese am Ende retten. Eine Menge Menschen gehen fremd, wenn der Reiz des Neuen verflogen ist und im Bett nicht mehr die Leidenschaft erster Tage herrscht. Seien wir mal ehrlich: Der Reiz, den andere Menschen auf uns ausüben, ist nicht deshalb gleich Null, nur weil man in einer Beziehung lebt. Nicht wenige Gebundene treibt die Sehnsucht an, noch einmal Schmetterlinge zu spüren. Die Theorie: Eine offene Beziehung kann beiden Partnern diesen Wunsch erfüllen, beider Zufriedenheit steigern und so die Hauptbeziehung festigen und erhalten. Aufregung und Leidenschaft plus Vertrautheit und Geborgenheit. Doch funktioniert das?

"Nein", sagen die Skeptiker. Schließlich will man seinen Partner nicht teilen. Die offene Beziehung muss früher oder später scheitern. "Ja", sagt der Experte, Diplom-Psychologe Robert A. Coordes, Gründer und Leiter des Berliner Instituts für Beziehungsdynamik in Berlin-Schöneberg. "Eine offene Beziehung kann genauso funktionieren wie eine sogenannte 'normale‘ Beziehung. Für uns Therapeuten funktioniert eine Beziehung dann gut, wenn beide Partner sich entwickeln und differenzieren können. Es gibt nicht die eine, ideale Beziehungsform."

Hohe Anforderungen an beide

Was in der Theorie funktionieren kann, muss sich in der Praxis noch lange nicht bewähren. Die offene Beziehung stellt hohe Anforderungen an die Beteiligten. Coordes sagt: "Viele offene Beziehungen scheitern an einer fehlenden Offenheit. Die meisten Partnerschaften nennen sich zwar offen, de facto heißt das aber nur, dass beide Partner mit anderen Sex haben dürfen. Aber was, wenn Gefühle im Spiel sind? Wirkliche Offenheit hieße, dem Partner offen zu sagen, dass es noch andere Partner gibt und auch, welche Gefühle dabei im Spiel sind." Aber will der andere wirklich hören, wie die Nacht mit dem Dritten war? Oder dass es dabei um mehr als bloßen Sex ging?

"Wenn es um Gefühle geht, wird es oft schwierig", so der Experte. "Daher bedeutet 'Offenheit'' zunächst einmal die potenzielle Offenheit im Umgang miteinander." Beide Partner müssen erkennen, dass jeder letztlich nur sich selbst gehört und sonst niemandem - nicht dem Partner, nicht der Affäre. "In vielen Beziehungen geht es um Versteckspielchen. Beide verheimlichen dem anderen, wie groß die sexuelle oder amouröse Anziehung von Dritten ist. Man kann also nicht wirklich von einer 'offenen Beziehung' sprechen, sondern eher von einer eigentlich monogamen Beziehung mit vielen Tabus."

Reden und Regeln

"Treue hat mit Vertrauen zu tun, nicht mit Sex", erklären Verfechter der offenen Beziehung. Reden ist für sie der Schlüssel zum Erfolg des Beziehungsmodells. Nur so kann das beidseitige Vertrauen aufrechterhalten werden - die Basis einer jeden Beziehung, auch einer offenen. Jeder ist glücklich, wenn der andere glücklich ist - so der Grundgedanke. Und um ihre gemeinsame Liebe zu stärken, verbringen die Partner sehr viel Zeit miteinander.

Aber auch Regeln sind ein Muss. So spießig es klingt: Der Rahmen der offenen Beziehung muss genau abgesteckt werden. Manche Paare beschränken sich beispielsweise auf den reinen Sex. Affären, Urlaube oder aushäusige Übernachtungen sind tabu. Festgelegt wird auch, ob und wie detailliert man daheim über seine Abenteuer berichtet. Wie viel Wahrheit ist wichtig, wie viel zu viel?

Offene Beziehung: Bindungsangst oder Überzeugung?

Skeptiker überzeugt das nicht. Ist die offene Beziehung in Wahrheit nicht eine Form von Bindungsangst? Der Experte sagt: "Natürlich kommt das vor. Es gibt Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich verbindlich auf einen anderen einzulassen. Mit dem Etikett 'offene Beziehung' lässt sich das gut tarnen. Daneben gibt es jene, die sich nur deshalb für eine offene Beziehung entscheiden, weil sie Angst haben, etwas Spannendes zu verpassen."

Das häufigste Motiv sei jedoch ein anderes, so Coordes. "Die meisten Menschen verlieben sich irgendwann einmal in einen Menschen außerhalb der Beziehung. Wer sich nicht trennen will oder kann, sei es aus Liebe oder sexueller Attraktion oder einfach darum, weil keine Notwendigkeit gesehen wird, wählt die offene Beziehung als Alternative."

Eifersucht und Vertrauen

Doch wie sieht es mit dem Thema Eifersucht aus? "Eifersucht ist in Wahrheit ein Label für recht unterschiedliche Gefühle und Gefühlszustände, die immer sehr persönlich sind. Manche Menschen erleben Verrat oder die Angst, verlassen zu werden, andere sind konfrontiert mit ihren eigenen Selbstzweifeln. Hier zeigen sich Beziehungserfahrungen, die wir in der Vergangenheit gemacht haben“, erklärt Coordes.

In monogamen Beziehungen versuchen die Partner üblicherweise, solche Gefühle und Ängste zu umschiffen. Sei es, indem sie Eifersucht auslösende Situationen tabuisieren oder indem sie sich beständig ihre gegenseitigen Treue versichern. "Diese Art der Verdrängung ist in den offenen Beziehungen hinfällig. Beide Partner werden mit ihren Ängsten konfrontiert. Klar, dass deshalb Eifersucht und Unsicherheiten in offenen Partnerschaften ein großes Thema sind“, so der Experte.

Offene Beziehung: Nicht für jeden praktikabel

Wer sich selbst genug kennt, seine Ängste im Griff zu haben glaubt und einen Partner findet, der ähnlich denkt, kann das Experiment wagen, meint Robert Coordes. "Letztlich kann eine Beziehungsform, egal welcher Art, keine Lösung für irgendetwas sein. Unsere eigene Haltung und unsere Erfahrungen nehmen wir mit in unsere Partnerschaften." Im Klartext: Wir werden unsere Beziehungen immer so führen, wie uns das individuell möglich ist. Eine offene Beziehung zu führen, kann die persönliche Entwicklung intensivieren, davon ist Coordes überzeugt. Wir erkennen jedoch auch: Sie ist nicht für alle praktikabel und für viele auch nicht erstrebenswert. Die Diskussionen und Experimente werden also weitergehen. Und das ist irgendwie auch gut so.

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