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Gender Health Gap: Wie sehr Frauen in der Medizin benachteiligt werden

von Christina Cascino Erstellt am 3. März 2021

Frauen und Männer sind in vielen Bereichen noch immer nicht gleichberechtigt. Selbst in der Medizin sind Frauen bis heute benachteiligt. So orientieren sich Studien, Therapieformen und Arzneimittel vornehmlich am männlichen Gesundheitsempfinden. Für Frauen kann das mitunter fatale Folgen haben.

In unserer Reihe "Supporting Women" wollen wir auf Diskriminierung, Gewalt und Hass gegen Frauen mitten unter uns hier in Deutschland aufmerksam machen. Damit ein Bewusstsein entsteht über Missstände, die leider auch 2021 immer noch an der Tagesordnung sind.

Frauen machen die Hälfte unserer Weltbevölkerung aus. Dennoch gibt es bis heute in vielen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bereichen keine Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Selbst auf dem Gebiet der Gesundheit haben Frauen noch immer das Nachsehen.

Sei es, dass vor allem der männliche Körper erforscht wird, sich Studien, Therapien und Diagnosemethoden vornehmlich an der männlichen Gesundheit orientieren oder aber viele Medikamente nur an Männern getestet werden. Das Problem: Was für das eine Geschlecht gut ist, kann für das andere völlig irrelevant, gesundheits- oder sogar lebensgefährlich sein. Höchste Zeit für die Medizin zu handeln.

Geschlechtsspezifische Medizin bis heute nicht gegeben

Obwohl Frauen und Männer biologisch betrachtet unterschiedlich sind und daher auch medizinisch unterschiedlich behandelt werden müssten, werden Frauen in Versorgungsstudien, bei Medikamententests sowie der Entwicklung von Therapieformen bis heute nicht ausreichend berücksichtigt. Zwar ist der Frauenanteil in den letzten Jahren gestiegen, aber noch lange nicht so stark, dass ein Gleichgewicht besteht. Das Fehlen einer geschlechtsspezifischen Medizin bezeichnet man heute als "Gender Health Gap" oder "Gender Data Gap".

Als Grund für den niedrigen Frauenanteil in Studien wird häufig die geringe Teilnehmerzahl einer Studie aufgeführt, die es unmöglich macht, Geschlechter unterschiedlich zu betrachten. Frauen unterliegen außerdem hormonellen Schwankungen, die die Ergebnisse einer Studie verfälschen und unbrauchbar machen könnten. Studien mit Einbezug von Frauen seien somit komplexer, komplizierter und kostenintensiver. Hinzu kommt die Angst davor, dass Spätfolgen eines Medikamententests bei einer Schwangerschaft oder der Geburt eines Kindes auftreten könnten.

Und nicht nur die Forschung, sondern auch die geschlechtsspezifische Lehrmedizin ignoriert den Geschlechtsunterschied auch heute noch weitestgehend. Eine Umfrage des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB) aus dem Jahr 2016 zeigte, dass Gendermedizin an den medizinischen Fakultäten in Deutschland nur unzureichend und sehr unterschiedlich gelehrt wird.

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Medikamente werden größtenteils für Männer entwickelt

Lange wurden Arzneimittel in der Forschung ausschließlich an Männern oder männlichen Tieren getestet. Anfang der 90er-Jahre erkannte man dann allerdings zunehmend, dass Medikamente bei Frauen anders wirken als bei Männern. Dies ist zum Beispiel bei Aspirin der Fall. 1994 verlangte erstmals eine US-Richtlinie, Medikamente von nun an auch an Probandinnen zu testen.

Doch 27 Jahre später besteht das Problem immer noch. Zwar hat auch hierzulande die Politik reagiert und es gibt inzwischen Richtlinien zur Geschlechterverteilung in klinischen Studien, allerdings werden diese bislang leider nicht immer umgesetzt. Studien zeigen, dass 70 Prozent der Tierversuche auch heute noch an männlichen Ratten vorgenommen werden, lediglich 10 Prozent an weiblichen.

Das Problem: Die größtenteils für Männer entwickelten Wirkstoffe werden dann zur Behandlung von Krankheiten bei Frauen eingesetzt. Doch nur weil Männer ein Medikament gut vertragen, heißt das nicht, dass dies auch bei Frauen so sein muss. Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten sind somit vorprogrammiert.

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Wie fatal das Ausschließen von Frauen bei der Medikamentenforschung sein kann, zeigte sich zum Beispiel bei Gerinnungshemmern, sogenannten Blutverdünnern. Bei Markteinführung dieser Medikamente wusste man nämlich nicht, ob eine Frau mit Herzinfarkt einen Gerinnungshemmer bekommen darf, wenn sie ihre Periode hat. Gerinnungshemmer wurden nämlich bis zu diesem Zeitpunkt lediglich an Männern getestet.

Frauen bekommen häufig falsche Medikation

Dass Medikamente bei Frauen und Männern ganz unterschiedlich wirken können, wurde an dem Arzneimittel Digoxin deutlich. Ärzte analysierten Ende der 1990er-Jahre dieses Medikament, das bei Herzmuskelschwäche und Herzrhythmusstörungen eingesetzt wird, in einer Langzeitstudie unter Einbezug geschlechterspezifischer Unterschiede neu und stellten fest, dass Digoxin nur bei Männern wirkt, während Frauen, die es nahmen, aufgrund ihrer Herzprobleme durchschnittlich früher starben.

Obwohl sich Frauen in ihrer Körperzusammensetzung, ihren Hormonen und ihrem Stoffwechsel von Männern unterscheiden, wird auch bei der Dosierung eines Medikaments nur selten ein Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht. Die Folge: Wirkstoffe sowie Impfstoffe werden bei Frauen häufig überdosiert.

Viele Krankheiten an Frauen kaum erforscht

Ein weiteres Problem in der Gesundheitsversorgung: Viele Krankheiten sind an Frauen nicht ausreichend erforscht. Die Zahl der Herzinfarkte bei Frauen ist zum Beispiel fast genauso hoch wie bei Männern. Bereits in den 1980er Jahren wurde festgestellt, dass Frauen nach einem Herzinfarkt sehr viel häufiger sterben als Männer.

Der Grund: Herzinfarkte wurden aufgrund falscher oder verspäteter Diagnosen nicht rechtzeitig erkannt. Frauen zeigten nämlich anstelle der typisch männlichen Symptome, wie Brustschmerzen oder ein Engegefühl in der Brust, ganz andere Symptome, etwa Übelkeit, Erschöpfung und Erbrechen. Die brachte man nicht mit einem Herzinfarkt in Verbindung.

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Gendermedizin: Darum ist eine geschlechtsspezifische Medizin so wichtig

All dies zeigt, wie wichtig es ist, dass die Medizin die Unterschiede von Frauen und Männer berücksichtigt. Hier kommt die sogenannte Gendermedizin ins Spiel. Die Gendermedizin beschäftigt sich mit den geschlechtsbedingten Unterschieden von Frauen und Männern, wobei sowohl biologische als auch soziale Faktoren eine Rolle spielen.

Noch ist in Deutschland die Berliner Charité das einzige medizinische Institut, das sich mit Gendermedizin auseinandersetzt. Doch die Geschlechterforschung in der Medizin wurde in den letzten Jahren immer präsenter. An der Universität Halle gibt es seit 2014 ein Prodekanat für Gender, das sich ebenfalls für ein geschlechtssensibles Medizinstudium einsetzt. Der Verband forschender Pharmaunternehmen plant zudem bis 2023 mehr Medikamente zu testen, die sich ausschließlich an Frauen richten.

Auch Vera Regitz-Zagrosek, Professorin für Geschlechtermedizin und Stefanie Schmid-Altringer, Ärztin, Wissenschaftsjournalistin und Filmemacherin fordern in ihrem Buch "Gendermedizin. Warum Frauen eine andere Medizin brauchen" (hier bei Amazon kaufen*) eine geschlechtsspezifische Gesundheitsversorgung. Schließlich käme dies nicht nur Frauen zugute. Es würde letztendlich jedem, ob Mann, Frau oder Divers, dabei helfen, die optimale Diagnostik und Therapie zu erhalten.

Quellen:

Der Inhalt dieses Artikels dient lediglich der Information.

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