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Intersexualität oder das dritte Geschlecht: Das solltet ihr darüber wissen

Fiona Rohde
von Fiona Rohde Veröffentlicht am 16. Juni 2018
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Nicht jeder weiß, was sich genau hinter dem Begriff Intersexualität versteckt. Was ist der Unterschied zu transgender? Wir klären auf: Die wichtigsten Fakten über intersexuelle Menschen.

Homosexualität, Heterosexualität, Bisexualität, Pansexualität, Transgender und Intersexualität: So vielfältig wie wir Menschen sind, so sind auch die einzelnen Begrifflichkeiten. Das kann schon mal für Verwirrung sorgen. Zumal wir von klein auf gewohnt sich, dass man bei seinem Gegenüber immer klar definieren kann, ob er Mann und Frau ist und dann auch zu wissen meinen, wie er liebt, nämlich heterosexuell. Dass das in der Realität nicht so Schwarz-Weiß ist, sondern viel bunter, wird uns erst später klar.

Noch verwirrender wird es, wenn der Körper in kein Raster passen will. Denn so sehr wir es gewohnt sind, an männlich und weiblich als alleinige Möglichkeiten zu denken, so zeigt doch die heutige Wissenschaft ganz klar: Die Vorstellung, dass sich alle Menschen klar in zwei Geschlechter aufteilen lassen, ist falsch. Viele Kinder kommen auf die Welt und sind eben nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen.

Und damit liegt die Brisanz klar auf der Hand: Denn wer genau legt nach der Geburt fest, ob das neugeborene Kind jetzt männlich und weiblich ist? Denn in dem Moment, in dem der entbindende Arzt Junge oder Mädchen in die Geburtsurkunde schreibt, entscheidet er über ein ganzes Leben. Was also, wenn es sich eben nicht so klar entscheiden lässt? Dann sind wir mit unserem Zwei-Schubladen-Modell ziemlich schnell am Ende.

Weil viele von uns sicherlich nicht immer ganz klar haben, was genau transgender und was intersexuell bedeutet, hier ein paar wichtige Fakten über Intersexualität. Denn das Nicht-Wissen ist es vor allem, das intersexuellen Menschen vieles im Leben erschwert.

Was bedeutet intersexuell?

Intersexuelle Menschen haben bei der Geburt kein eindeutiges Geschlecht. Sie besitzen sowohl männliche als auch weibliche Merkmale, sprich äußere Geschlechtsorgane, Hormone und Chromosomen. Circa zwei Prozent der Weltbevölkerung weisen intersexuelle Merkmale bei der Geburt auf. Allein in Deutschland leben um die 100.000 intersexuelle Menschen.

Der Begriff "intersexuell" umfasst mehrere unterschiedliche Phänomene, denn die Erscheinungsformen sind doch unterschiedlich. Allen ist jedoch gemein, dass der betreffende Mensch weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale aufweist. Früher gab es hierzu auch den Begriff Zwitter oder in der Mythologie Heramphroditen.

Die Frage, ob man Betroffenen einen Gefallen tut, wenn man sie direkt nach der Geburt in das Zwei-Geschlechter-System presst, also sich für ein Geschlecht entscheidet und auch Operationen unternimmt, ist derzeit ein Streitthema. Aber ein wichtiges. Und so wird seit einiger Zeit darüber debattiert, ob es neben männlich und weiblich noch eine dritte Möglichkeit für den Pass geben soll.

Immerhin gibt es seit 2013 die Möglichkeit, den Eintrag in der Geburtsurkunde erstmal offen zu lassen. Vom Deutschen Ethikrat wird der zusätzliche Eintrag "anderes" favorisiert. Doch fühlt man sich mit den Optionen "Mann", "Frau", "andere" bzw. "inter/divers" wirklich wohl und vor allem respektiert? Welche Bezeichnung wäre hier am treffendsten?

Hanne Gaby Odiele: Outing als Hilfe für Betroffene

Für das Thema stark gemacht hat sich auch das belgische Model Hanne Gaby Odiele. Sie ist extrem erfolgreich, läuft für Tommy Hilfiger, Prada und Chanel und zierte bereits Magazine wie Vogue und Elle. Sie outete sich letztes Jahr als intersexuell und wurde dafür gefeiert. Sie ist stolz darauf, intersexuell zu sein, geht offen damit um, statt sich zu verstecken.

Sie hofft mit ihrem Outing jungen Menschen zu helfen, denn sie selbst hat als Heranwachsende sehr unter der Situation gelitten. So wurde sie mit zehn Jahren operiert, die innenliegenden Hoden wurden entfernt, mit 18 wurde ihr eine Vagina geformt.

Dass so eine schöne und erfolgreiche Frau sich offen zu ihrer Intersexualität bekennt, ist für alle anderen Betroffenen natürlich von Nutzen. Denn so kommt Bewegung in die Diskussion. 2017 gab das Bundesverfassungsgericht einer Klägerin recht, die eine dritte Option im Pass für sich beantragte. Das Gericht drängt nun auf eine Reform in der Geschlechterfrage. Bis Ende 2018 muss der Gesetzgeber reagieren und eine dritte Option für das Geschlecht ermöglichen.

Eine Operation als Lösung?

Soweit das Formelle. Aber was ist mit dem Körperlichen? Nicht immer verhilft die Geschlechtsangleichung den Betroffenen zu einem glücklicheren Leben. Deshalb wird auch diskutiert, ob man Intersexuelle nicht einfach so sein lässt, wie sie sind. Auf Eltern lastet letztlich eine extreme Verantwortung. Sie müssen für ihr Kind entscheiden, ohne zu wissen, wie es sich mit der Entscheidung fühlen wird.

Dennoch sind circa 58 Prozent der Kinder bis zu ihrem vierten Lebensjahr bereits operiert. Dabei steht eher das soziale als das körperliche Wohl im Vordergrund. Man möchte ihnen das Leben erleichtern. Aber tut es das in jedem Fall? Vielleicht muss sich eher die Gesellschaft mit ihren überkommenen Geschlechtsvorstellungen ändern, als dass ein Neugeborenes automatisch in ein Raster eingepasst wird?

Transsexuell und intersexuell: Was ist der Unterschied?

Oft wird intersexuell mit transsexuell verwechselt. Beides ist jedoch nicht dasselbe. Transsexuelle werden mit einem eindeutigen Geschlecht geboren, entscheiden sich jedoch im späteren Leben für das andere Geschlecht. So wie beispielsweise das extrem erfolgreiche Model Andreja Pejić. Andreja ist Model sowohl für Damen- als auch für Herrenkollektionen. In den USA nennt man Models wie Andreja "femiman", eine Mischung aus feminin und männlich sozusagen.

Doch anders als Hanne ist Andreja nicht intersexuell sondern transsexuell. Sie war bei der Geburt körperlich nicht unspezifisch, was die sexuellen Merkmale anging, sondern eindeutig ein Junge, der sich aber nicht als solcher fühlte. Das bedeutet: Andreja wurde "als Mann" geboren, litt aber darunter und ließ das Geschlecht anpassen, so dass Äußeres und Inneres übereinstimmen.

Nimmt man statt transsexuell den Begriff transgender, so ist es nicht ganz so unterschiedlich (auch wenn einige Intersexuelle diesen Begriff für sich ablehnen). Beiden gemein ist jedoch, dass sie sich mit dem ihnen zugewiesenen Geschlecht unzureichend beschrieben fühlen, andere gehen sogar so weit, jedwede Geschlechtszuweisung abzulehnen.

Alle wichtigen Infos zu Transsexualität findet ihr auch hier: Was jeder von uns über Transgender wissen sollte

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