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Langzeitstillen: Wie lange ist Stillen gesund und kann man seinem Kind schaden?

von Anne Walkowiak Erstellt am 17. November 2020
Langzeitstillen: Wie lange ist Stillen gesund und kann man seinem Kind schaden?© Getty Images

Muttermilch ist die beste Ernährung für Babys, so liest man es immer wieder. Aber warum werden Frauen komisch angeschaut, wenn sie ihr Kind auch nach dem ersten oder zweiten Geburtstag noch stillen? Ist Langzeitstillen wirklich schädlich für Kinder?

Die Zeitspanne zwischen, "Du musst dein Baby unbedingt stillen" und "Oh mein Gott, du stillst immer noch?" ist bei uns (oder allgemein in Industriestaaten) minimal.

In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes müssen Mütter sich beinah gebetsmühlenartig anhören, dass Muttermilch die beste Ernährung für Kinder ist und dass man seinem Baby doch unbedingt die Brust geben soll, wenn man kann.

Doch wenn man sein Kind dann mit sechs Monaten oder einem Jahr immer noch stillt, wird man plötzlich entsetzt angeschaut. Gott bewahre, man stillt es auch noch mit 14, 15 oder 20 Monaten!

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Ehe man sich versieht, gehört man zu den "Langzeitstillerinnen" und dieser Begriff ist, seien wir ehrlich, negativ belegt. Menschen stören sich daran, wenn eine Frau ihr Kind jenseits des ersten Geburtstags noch stillt. Es gilt als nicht normal. Schnell hört man Vorurteile wie "Die Mutter kann nicht loslassen" oder "Das Kind hat doch dann bestimmt einen Schaden."

Aber was ist dran am Langzeitstillen? Wann spricht man davon und welche Beweggründe haben Frauen, ihre Kinder länger zu stillen? Und kann man seinem Kind wirklich schaden, wenn man es länger stillt, als der Durchschnitt?

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Was ist Langzeitstillen?

Es gibt keine feste Definition für den Begriff Langzeitstillen. Denn es liegt im Ermessen jedes Einzelnen, was als lang empfunden wird. In Deutschland ist es üblich, sein Baby die ersten vier bis sechs Monate voll zu stillen. Danach wird das Kind an Beikost herangeführt. Manche Mütter stillen mit Einführung der Beikost ab (und greifen auf Flaschenmilch zurück), andere stillen ihr Kind nach Bedarf noch bis zum ersten Geburtstag und wieder andere auch darüber hinaus.

Das bedeutet, je nachdem, von welchem Punkt aus man es betrachtet, kann Stillen nach dem sechsten Monat bereits als Langzeitstillen angesehen werden. Wieder andere empfinden das Stillen erst nach dem zweiten Geburtstag als Langzeitstillen.

Wie lange sollte man stillen?

Dass Frauen bereits nach dem sechsten Monat oder bis zum ersten Geburtstag abstillen, hat nichts damit zu tun, dass Muttermilch dem Kind nach zwölf Monaten schaden würde. Ganz im Gegenteil sogar. (Dazu gleich mehr.)

Es sind vielmehr soziale Faktoren, die uns zum Abstillen bewegen. Zum einen sind da die anderen Mamas, unsere Freunde oder die eigene (Schwieger-)Mama, die alle "nur so und so lange" gestillt haben. Und das habe den Kindern auch nicht geschadet.

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Dann ist da der Wunsch nach der eigenen Unabhängigkeit. Die Rückkehr in den Job, mal alleine wegfahren wollen - all das sind Faktoren, die uns Frauen dazu bewegen, unsere Kinder früher oder später abzustillen.

Apropos: Man kann arbeiten gehen und sein Kind trotzdem weiter stillen. Man kann auch mal wegfahren und das Kind bekommt weiterhin Muttermilch. Das ist natürlich eine Frage des Willens. Aber genau da landen wir wieder bei den sozialen Faktoren.

Und dann wäre da noch die Sache mit der Brust. Die wird bei uns nämlich sexualisiert. Menschen stören sich deshalb besonders daran, zu sehen, wie Mütter ihren Kindern, die bereits laufen können, die Brust geben. Sie interpretieren Dinge hinein, die mit dem Stillen absolut nichts zu tun haben.

Welche Stilldauer empfiehlt die WHO?

Tatsächlich empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Babys im ersten halben Jahr voll zu stillen, sie aber auch danach bis zum zweiten Geburtstag oder darüber hinaus weiterhin nach Bedarf zu stillen. Denn auch bis und nach dem zweiten Geburtstag profitieren Kinder von den Nähr- und Abwehrstoffen der Muttermilch.

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Video von Aischa Butt

Was sagt die Wissenschaft zum Langzeitstillen?

Es gibt zum Langzeitstillen keine repräsentativen Umfragen. Es lässt sich also nicht sagen, wie hoch der Prozentsatz an Frauen ist, die ihre Kinder länger stillen. Und es liegt auch auf der Hand, warum das so ist: Langzeitstillen wird gesellschaftlich nicht akzeptiert.

Um einer gesellschaftlichen Verurteilung also aus dem Weg zu gehen, sprechen nur wenige Frauen darüber, wenn sie ihr Kind länger stillen als der Durchschnitt. Es fehlt der Wissenschaft also schlichtweg an Probandinnen, um wirklich valide Aussagen treffen zu können.

Deshalb gibt es auch keine Forschungsdaten dazu, wie sich das Langzeitstillen auf Kinder auswirkt. Es gibt wohl aber Expert*innen, die sich für das längere Stillen aussprechen.

Dr. Katherine A. Dettwyler, Professorin für Anthropologie und Ernährungswissenschaft an der Universität A&M im US-Bundesstaat Texas, argumentiert beispielsweise, dass ihre Untersuchungen ergeben haben, dass das natürliche Stillalter bei Kindern zwischen 2,5 und 7 Jahren liegt.

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In den verschiedenen Kulturen rund um die Welt sei es nämlich völlig normal, seine Kinder im Alter von drei, vier, fünf, sechs oder sieben Jahren noch zu stillen. Und diese Kinder seien weder psychisch noch physisch benachteiligt oder gestört.

Zudem würden ältere Kinder nicht ausschließlich gestillt werden. Es seien eher feste Rituale, zu denen sie Muttermilch erhalten. Beispielsweise am Morgen, vor dem Mittagsschlaf und am Abend, bevor sie ins Bett gehen. Unter Umständen auch mal ein bisschen häufiger, wenn sie beispielsweise krank sind und anderes Essen verweigern.

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Warum stillen manche Frauen ihre Kinder länger?

Die Beweggründe, sein Kind länger zu stillen, sind sicherlich dieselben wie jene, die einen dazu bewegen, sein Kind überhaupt zu stillen. Es geht um eine optimale Versorgung, darum, seinem Kind den bestmöglichen Schutz zu geben und die besten Voraussetzungen für sein Leben zu schaffen. Fühlen sich Mutter und Kind über zwölf, 15 oder 20 Monate mit dem Stillen gut, dann profitieren beide davon.

Denn Muttermilch ist nun mal wirklich ein kleines Wundermittel. In den ersten Lebenmonaten versorgt es Kinder mit allen Nährstoffen, die sie brauchen. Auch beim Stillen nach dem ersten Jahr, so schreibt es die WHO, enthält Muttermilch noch ein Drittel der Nährstoffe, die Kinder in diesem Alter brauchen. Zudem enthält Muttermilch Antikörper, die Babys vor schlimmen Erkrankungen schützen.

Muttermilch wird auch zugeschrieben, Kinder vor Übergewicht, Allergien oder auch einem erhöhten Diabetesrisiko zu schützen. Und auch in Sachen Intelligenz wird der Muttermilch nachgesagt, sie sei förderlich für Kinder.

All das spricht also eher dafür, seinem Kind den Zugang zu Muttermilch auch über längere Zeit zu ermöglichen. Am Ende entscheidet aber jede Mutter selbst, was für sie und ihr Kind das Beste ist. Und genau so sollte es auch sein.

Quellen:
World Health Organization
Still-Lexikon
Onmeda.de
Frauenärzte im Netz
kindergesundheit-info.de , ein Portal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Wichtiger Hinweis: Die Inhalte dieses Artikels dienen lediglich der Information und ersetzen keine Diagnose beim Arzt. Treten Unsicherheiten, dringende Fragen oder Beschwerden auf, solltet ihr euren Arzt oder die Hebamme kontaktieren.