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Erfahrungsbericht: Wie es ist, Stammzellen zu spenden

von Anne Walkowiak Veröffentlicht am 31. Juli 2019

Es war ein bisschen anstrengend und hat mich echt Überwindung gekostet, aber im Nachhinein war es ein überwältigend befriedigendes Gefühl, Stammzellen gespendet und damit vielleicht ein Menschenleben gerettet zu haben. Aber ich erzähl euch das jetzt mal in Ruhe.

Menschen erkranken jeden Tag an Blutkrebs. Fast jeder weiß das. Fast jeder weiß auch, dass für viele Blutkrebspatienten die Stammzellspende bzw. Knochenmarkspende die letzte Rettung sein kann. Und doch sind noch viel zu wenig Menschen als potentielle Spender registriert.

Ich war auch lange zu faul oder bequem oder einfach zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um mir darüber Gedanken zu machen. Doch als ein Kind im Kindergarten meines Sohnes an Blutkrebs erkrankte, machte das was mit mir. Plötzlich war dieser Krebs so real und so nah, dass er mir viel bedrohlicher vorkam. Also registrierte ich mich bei der DKMS als Knochenmarkspender.

Fast fünf Jahre lang passierte nichts. Und dann bekam ich einen Anruf: "Sie kommen als Stammzellspender in Frage. Sind Sie noch bereit zu spenden?"

Gesundheitsfragebogen und Bestätigungstypisierung

Klar, war ich bereit dafür. Ohne Wenn und Aber und am besten sofort. Schließlich hatte ich mich genau deshalb registriert. Ganz so schnell ging es dann aber doch nicht. Denn ich musste nicht nur meine Zustimmung für eine Spende geben, ich musste dazu natürlich auch körperlich in der Lage sein.

Deshalb folgte direkt am Telefon ein erster Medizin-Check per Fragebogen und die Beantwortung vieler Fragen über Allergien, Unverträglichkeiten, frühere OPs und und und.

Und ich erfuhr, dass bei mir keine Knochenmarkspende im eigentlich Sinne vorgenommen werden würde. Ich würde Stammzellen spenden und die werden "einfach" aus dem Blut gefiltert (man nennt das periphere Stammzellspende) und nicht, wie ich zuerst dachte, über eine Knochenmarksentnahme inklusive OP. Mir fiel ein Stein vom Herzen, denn vor einer Operation hatte ich wirklich Respekt.

Nach diesem ersten bürokratischen Akt per Telefon musste ich im nächsten Schritt eine Blutprobe einsenden, damit endgültig bestätigt werden konnte, dass ich tatsächlich als Spender für einen Patienten in Frage komme. Für die so genannte Bestätigungstypisierung wurde mir ein Blutentnahme-Set zugesandt, mit welchem ich einfach zu meiner Hausärztin marschiert bin. Die hat das Blut abgenommen, ich habe es weggeschickt und fertig.

Bereits am Telefon wurde mir gesagt, dass die Bestätigungstypisierung Zeit braucht. Es könnte bis zu 12 Wochen dauern, bis sich erneut jemand bei mir melden würde. Ich solle mir keine Gedanken machen, wenn es also eine Weile ruhig sei.

Und dann kam er, der Anruf

Bereits vor Ablauf der 12 Wochen kam er, der Anruf, auf den ich gewartet hatte. Meine Gewebemerkmale passten. Ich würde Spender für einen Blutkrebspatienten sein. Ich würde, sollte alles glatt laufen, einem anderen Menschen das Leben retten können.

Das zu wissen, fühlte sich verdammt gut an und auch ein bisschen beängstigend. Denn man kann sich vorstellen, dass der Patient – wer auch immer er sein mochte – alle Hoffnung in diese Spende setzt.

Vor der Spende gab es aber noch zwei Dinge zu erledigen. Zwei Wochen vor der Spende wurde ich bei einer körperlichen Untersuchung von Kopf bis Fuß durchgecheckt. Und fünf Tage vor der Spende musste ich mir zweimal täglich das Hormon G-CSF (Granulozyten-Kolonie-stimulierende Faktor) spritzen, dass meine Stammzellen aktivierte und dazu führte, dass sie aus dem Knochenmark in mein Blut übergingen.

Ich hatte mich dafür entschieden, mich selbst zu spritzen, anstatt jemanden kommen zu lassen. Das war anfänglich eine riesen Überwindung, aber schon an Tag zwei kein Problem mehr.

Der Tag der Spende

Ich dachte, am Tag der Spende wäre ich aufgeregt und nervös und ängstlich. Tatsächlich aber war ich ruhig und entspannt, auch dank der Mitarbeiter in meiner Entnahmeklinik. Um die Stammzellen nun also aus meinem Blut zu filtern, wurde ich an einen Zellseperator angeschlossen. Das bedeutete, einen Zugang am rechten Arm und einen am linken zu legen. Am linken Arm wurde das Blut raus und in den Zellseperator gepumpt. Über den Zugang am rechten Arm wurde das gefilterte Blut zurück in meinen Körper geführt.

Mehr musste ich nicht tun und nach ca. 3,5 Stunden war ich auch schon fertig. Die Stammzellen waren eingetütet und würden binnen 72 Stunden beim Empfänger, meinem genetischen Zwilling wie man gerne sagt, ankommen und ihm hoffentlich dabei helfen, gesund zu werden.

Nun heißt es warten

Und nun heißt es warten. Darauf, dass ich nachfragen kann, ob meine Stammzellen helfen konnten. Denn erst 6–8 Wochen nach der Transplantation der Stammzellen wird erkennbar, ob der Körper des Empfängers sie angenommen hat. Und auch dann ist er nicht geheilt oder gilt als gesund, denn ein Rückfall oder andere Komplikationen können weiterhin auftreten.

Ich warte natürlich darauf zu erfahren, wer der Empfänger meiner Stammzellen ist. Erst zwei Jahre nach einer erfolgreichen Spende darf man das erfahren. Denn in dieser Zeit kommt es vermehrt zu Rückschlägen für Blutkrebspatienten und unter Umständen kann noch eine Spende von mir benötigt werden.

Damit ich als Spender unvoreingenommen entscheiden kann, ob ich noch einmal etwas spende, aber auch, damit der Empfänger beispielsweise nicht finanziell unter Druck gesetzt werden kann, müssen Spender und Empfänger so lange anonym bleiben.

Ich weiß immerhin schon, dass meine Stammzellen die EU verlassen haben. Und ganz ehrlich, zwei Jahre voller Neugier sind es allemal wert zu warten und danach hoffentlich zu erfahren, wer wieder ein gesundes und glückliches Leben führen kann.

Wenn ihr jetzt auch Spender werden und einem anderen Menschen dabei helfen wollt, wieder gesund zu werden, dann macht euch auf der Seite der DKMS schlau und registriert euch.

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