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Liebe & Psychologie

Me-Time: Warum allein sein nicht einsam sein bedeutet

von Fiona Rohde Veröffentlicht am 16. August 2019

Es gibt Tage, an denen scheint die ganze Welt nur paarweise zu existieren. Sei es am Valentinstag, Weihnachten, Silvester und an einem stinknormalen Sonntagabend. Wer an diesen Tagen allein ist, wird bemitleidet. Total Unsinn, meiner Meinung nach. Denn allein sein ist absolut nicht gleichbedeutend mit Einsamkeit.

Mal Hand aufs Herz: Erträgst du dich, wenn du mit dir alleine bist? Oder hast du das Gefühl, dass dir die Decke auf den Kopf fällt? Das mit dem Alleinsein ist so eine Glaubensfrage. Es scheint in der Tat zwei Sorten von Menschen zu geben: Die, die das Alleinsein als Bereicherung empfinden und ab und zu sogar brauchen, und solche, die in diesen Momenten einen Verlust spüren und sofort zum Telefon greifen.

Ich habe einige Freunde, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie schlecht allein sein können. Ihre komplette Freizeit ist gefüllt mit irgendwelchen Verabredungen - und sei es nur "ganz schnell auf ein kurzes Bierchen". Dabei kann so ein Abend in bester Gesellschaft, also nur mit dir selbst, total toll sein.

Me-Time: Einfach mal gar nichts vorhaben

Schon als Kind war es für mich das Größte, wenn ich stundenlang allein vor mich hin träumen und spielen konnte. Klar war es auch toll, mit anderen zu spielen. Aber alleine eben auch. Keine Geschwister oder Freunde, die einem Regeln diktieren wollten. Komplett versunken für Stunden - großartig!

Auch heute noch empfinde ich es als bereichernd, Zeit für mich zu haben. Keine Termine. Einfach nichts vor. So wie Wolfgang Amadeus Mozart 1770 in sein Tagebuch schrieb: "Gar nichts erlebt. Auch schön." Oder das wunderbare Zitat von Harald Juhnke: "Keine Termine und leicht einen sitzen." Was erstmal schlicht klingt, kann extrem gut sein.

Der Unterschied zwischen einsam und allein sein

Dennoch ist allein sein nicht wirklich positiv besetzt. Alleine Essen gehen, alleine verreisen, alleine ins Kino gehen – all das empfinden wir immer als etwas Besonderes, zumindest aber erwähnenswert, und irgendwie auch ein bisschen seltsam und kauzig. Sitzt man alleine im Café, schauen einen die anderen Leute an, als sei man versetzt worden. Dabei ist es eigentlich das Normalste der Welt, auch mal alleine unterwegs zu sein.

Viele Menschen sind auch nicht gerne allein, weil sie das Alleinsein mit Einsamkeit verbinden. Es gibt jedoch einen recht simplen, aber entscheidenden Unterschied zwischen Einsamkeit und allein sein: Einsam fühlen wir uns, wenn wir in die Situation nicht freiwillig geraten sind, sondern sie uns auferlegt wurde. Ist das Alleinsein jedoch selbst gewählt, kommt das Gefühl der Einsamkeit und des Verlusts gar nicht erst auf.

Und: Während allein sein bedeutet, dass niemand da ist, so ist das bei der Einsamkeit nicht zwangsläufig so. Wir können uns nämlich auch in Gesellschaft anderer einsam fühlen. Und nichts fühlt sich mieser an, als in einer Menschenmenge zu stehen und sich einsam und isoliert zu fühlen.

Einsamkeit macht krank

Einsamkeit tut letztlich niemandem gut. Wissenschaftler wie John Cacioppo von der University of Chicago haben sogar in Studien nachgewiesen, dass Einsamkeit lebensverkürzend wirkt. Sie macht uns anfällig für Infekte, schwächt das Immunsystem und ist ebenso schädlich wie Rauchen oder Übergewicht.

Ganz anders jedoch ist es mit dem Alleinsein. Auch hier gibt es Studien, und die belegen, dass uns ein bisschen Me-Time mehr als gut tut. Bei einer Umfrage in 134 Ländern mit 18.000 Teilnehmern, geleitet von Wissenschaftlern gemeinsam mit der britischen Rundfunkanstalt BBC, wurde Alleinsein als dritthäufigste Aktivität genannt, die als besonders erholsam empfunden wird. Und eine andere Studie von Psychologen der Technischen Universität Dresden zeigte, dass Menschen, die auch mal Zeit für sich allein haben, gesundheitlich und psychisch stabiler sind (hier mehr lesen).

Allein sein muss man lernen

Viele Menschen sind es nicht mehr gewohnt, allein zu sein. Man kann es jedoch lernen. Was sich anfangs komisch anfühlt, wird zusehends vertrauter – und wertvoller. Testet es aus. Man konzentriert sich mehr auf das, was man tut, hört, fühlt, sieht. Man ist ganz bei sich und in der Situation. Das kann Dinge und das Erleben intensiver machen.

Was jetzt nicht bedeutet, dass wir alle zu Einsiedlerkrebsen werden sollen. Aber es ist eine Erfahrung, die man durchaus für sich machen sollte. Nicht ohne Grund wird immer wieder empfohlen, alleine zu verreisen. Nicht ohne Grund gehen Menschen ab und zu bewusst offline, gehen ins Kloster und belegen Achtsamkeits- oder Schweigeseminare.

Frauen wird vermittelt, allein sein sei ein No-Go

Schade nur, dass uns Frauen oft vermittelt wird, dass wir uns allein unsicher fühlen müssen. Abends alleine nachhause kommen. Alleine verreisen. Alleine an der Theke einer Bar sitzen. Uns wird gesagt, wir bräuchten einen Beschützer, der uns vor ungewollten Anmachen, Belästigungen und Angriffen schützen muss.

Kein Wunder also, dass wir Frauen uns das Alleinsein samt unbegleiteten Erlebnissen oft versagt haben. Oder dass wir zögern, wenn die Kollegin von der tollen Erfahrung erzählt, alleine durch Asien zu reisen. Ist das nicht zu gefährlich?

Und das ist extrem ärgerlich. Denn so verpassen wir viel. Niemand sollte sich in Gefahr begeben, aber es ist doch traurig, dass wir Frauen uns darüber im 21. Jahrhundert noch immer Gedanken machen müssen. Dass wir die Straßenseite wechseln, nicht den kurzen Rock anziehen und meinen, nur in Männerbegleitung sicher nach Hause zu kommen.

Ist geteiltes Erleben mehr wert?

Wir müssen uns auch klar machen, dass wir uns mit dem Begleitungszwang sehr einschränken: Wir machen ganz alltägliche Dinge plötzlich von unserem Umfeld abhängig. Essen gehen zum Beispiel. Warum sollte es traurig sein, allein essen zu gehen?

Wir empfinden Dinge als nicht komplett und nicht schön, wenn wir sie nicht mit anderen teilen können. Wenn wir etwas Schönes oder Neues erleben, haben wir meist direkt das Bedürfnis uns mitzuteilen. Sind wir alleine am Meer, einem anderem Land oder in einem tollen Film haben wir das Gefühl, dass jemand fehlt, mit dem wir das Erlebte teilen können.

So schön dieser Gedanke des Teilens ist, bleibt doch die Frage: Ist also das alleinige Erleben nur halb so viel wert? Manche Dinge, wie ein Sonnenaufgang am Meer oder das Kreischen der Wildgänse am Himmel, wenn sie im Frühling wieder zu uns kommen, sind so perfekt an sich, dass man sie weder teilen noch kommentieren muss.

Warum Me-Time so Sinn macht

Wenn wir unsere Ziele und Pläne davon abhängig machen, dass sie jemand mit uns gemeinsam verwirklicht, sei es nur ein Kinofilm, den wir sehen wollen oder ein Lebensziel, dass wir verfolgen wollen, dann tun wir uns damit sicherlich keinen Gefallen. So toll Kompromisse auch sind: So entgehen uns Dinge, die uns sehr wichtig sind.

Und: Es stärkt das Selbstbewusstsein, wenn man Dinge alleine tut. Anfangs mag es seltsam sein, allein im Kaffee zu sitzen. Aber wenn man es einmal getan hat, kann sich das extrem gut anfühlen. Es hat halt einen ganz anderen Reiz, alleine seinen Latte zu schlürfen und seine Umgebung mal so ganz ungefiltert wahrzunehmen. Gespräche, Gerüche, Blicke.

Leider tendieren wir dazu, sobald wir alleine sind, lästige Pflichten zu erledigen, statt Dinge zu tun, die wir gerne tun würden. Kaum ist man alleine, stellt man eine Wäsche an oder erledigt andere Dinge auf der To-do-Liste. Und genau hier sollten wir umdenken. Sobald wir alleine sind, haben wir ab jetzt Me-Time – und die sollten wir nur für uns nutzen. Und zwar wirklich nur für uns. Wäsche waschen gehört nämlich mit Sicherheit nicht dazu, oder?

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