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Sehnsucht: Warum sie so wichtig ist & wie wir mit ihr umgehen sollten

von Fiona Rohde Erstellt am 23.05.21 um 17:00
Sehnsucht: Warum sie so wichtig ist & wie wir mit ihr umgehen sollten © unsplash.com/ali-karimi

Sehnsucht ist eins der stärksten Gefühle überhaupt. Diese seltsame Mischung aus tiefstem Wollen und gleichzeitig schmerzlichem Vermissen. Was macht das Gefühl so besonders und warum ist es so wichtig für jeden von uns?

Gerade jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie mit all ihren ungewohnten Einschränkungen ist ein Gefühl sicherlich vielen bekannt: Sehnsucht. Dieses tiefe, schmerzliche Gefühl, das uns glücklich und unglücklich zugleich sein lässt.

Sicherlich geht es vielen von euch wie mir. Sie vermissen schmerzlich Dinge, die früher so normal waren, sei es, sich mit lieben Menschen zu umgeben, sie zu umarmen, ohne Angst sie womöglich anzustecken. Oder das ewige Reisefieber in uns, die Lust einfach mal abzuhauen – und plötzlich darf man ab 22.00 Uhr nicht mal vor die eigene Haustür.

Nie wurden unsere Freiheiten und die schönen Pläne, die wir haben, so reglementiert. Spätestens jetzt dürfte jeder wissen, wie sich Sehnsucht anfühlt.

Was für ein Gefühl ist Sehnsucht?

Sehnsucht ist so ein tiefes Gefühl wie Liebeskummer, Verliebtheit, Angst oder unbändige Freude. Wir können es richtig körperlich spüren. Es tut weh. Es geht dabei meist um etwas Unerreichbares, ein ungestilltes Verlangen nach etwas oder nach einer bestimmten Person. Der Wunsch ist so groß und unerreichbar, dass einen die Sehnsucht verzehren kann, wie man so schön sagt.

Bei dem Objekt der Begierde kann es sich um einen anderen Menschen handeln, um ein anderes Leben, einen anderen Zustand oder um bestimmte Objekte. Dabei steht immer der Gedanke im Vordergrund, dass man genau das nicht erreichen kann. Und das macht Sehnsucht so schön zum einen, weil es um einen innigsten Wunsch geht, und andererseits so schmerzlich.

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Video von Aischa Butt

Warum ist Sehnsucht so wichtig für uns?

Bei all dem Schmerzlichen, das der Sehnsucht innewohnt, so wäre die Welt doch ein arg trüber Ort, wenn es dieses Gefühl nicht in unserem Leben geben würde. Sehnsucht ist Antrieb zum Leben, nimmt Kraft aber gibt sie zugleich und sie sorgt dafür, dass wir auf etwas hinstreben und eben nicht nur so vor uns hinleben. Und selbstverständlich glauben wir fest daran, das Ziel unserer Sehnsüchte irgendwann einmal zu erreichen.

Wer nur satt und zufrieden auf seiner Couch hocken bleibt, ohne Wünsche, Hoffnungen, Träume, Sehnsüchte, verpasst alles außerhalb seines kleinen Hasenlebens. Die absolute Zufriedenheit, das Loslassen, das In-sich-Ruhen, dieses Glück vermag vielleicht ein buddhistischer Mönch finden können, aber sein wir mal ehrlich: Wir schauen schon gerne auf den Teller unseres Nächsten am Tisch. Hat er nicht vielleicht was Besseres da liegen? Verpassen wir etwas? Sind wir nicht ab und zu unzufrieden mit dem, was wir auf unserem eigenen Teller haben? Gab es nicht auch irgendwo Kaviar?

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Sehnsucht hat immer etwas von einer Utopie

Es sind auch diese Gedanken, die mit "Ach hätte ich doch bloß..." anfangen, die uns die Sehnsucht nach etwas spüren lassen. Jeder kennt sie. Jeder fragt sich sicher, ob sein Leben nicht vielleicht besser verlaufen wäre, wenn er etwas anders gemacht hätte. Vielleicht wäre dann alles besser. Der Partner. Der Job. Das Leben.

Aber Sehnsucht ist eben nicht das Gleiche wie ein Ziel, auf das man in kleinen Schritten hinarbeitet. Wir werden eben nicht Michelle Obama, David Bowie oder Supermann, nur weil wir das gerne würden. Das wäre zu einfach. Denn es macht einen großen Reiz der Sehnsucht aus, dass sie eben so unerreichbar ist.

Und man ahnt, dass, wenn man das Ziel seiner Wünsche einmal hat, man damit nicht ansatzweise so glücklich wäre, wie gedacht. Sehnsucht ist deshalb immer auch ein wenig eine Utopie, etwas, das nie so sein wird, wie erhofft. Der Traum von einem perfekten Leben, einer unsäglich tiefen Liebe, einer absoluten Erfüllung im Leben.

Dennoch ist Sehnsucht unerlässlich, denn sie zeigt, dass wir wissen, was uns im Leben wichtig ist. Wenn wir also von einem Leben in einer absolut harmonischen Partnerschaft auf einer Insel träumen, dann wird das wahrscheinlich nicht in Erfüllung gehen, aber wir können uns daran orientieren und einen Teil davon, ein Stück von diesem absoluten und leicht utopischen Glück erreichen. Unsere Sehnsüchte zeigen uns nämlich auch, dass wir in Bezug auf etwas unglücklich sind in unserem Leben und nicht da, wo wir gerne wären.

Neben diesem positiven Aspekt gibt es natürlich auch die verzweifelte Sehnsucht, beispielsweise die Sehnsucht nach jemandem, der bereits von uns gegangen ist. Die Sehnsucht nach etwas, was unwiederbringlich vorbei ist. Diese traurige Art sehnsüchtig zu sein kann uns natürlich auch lähmen.

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Die 6 Merkmale der Sehnsucht nach Scheibe, Freund und Baltes

Bei einem so großen Gefühl wie Sehnsucht wundert es, dass es dazu recht wenig wissenschaftliche Forschung gibt. Eine jedoch fand am Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung statt. Hier entwickelten Forscher ein Modell für Sehnsucht und machten dabei sechs typische Merkmale aus.

1. Unerreichbarkeit der persönlichen Utopie:
Jeder von uns hat eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie sein perfektes Zukunftsszenario aussehen würde. Und jedem von uns ist sicher klar, dass wir genau dieses absolut perfekte, optimale Leben nicht erreichen werden.

2. Das Gefühl der Unvollkommenheit und Unfertigkeit des Lebens:
Wenn das Objekt oder Ziel unserer Sehnsucht unerreichbar bleibt, fühlt sich unser Leben immer unvollkommen an.

3. Ausrichtung auf die Vergangenheit, Gegenwart und die Zukunft
Wenn man sich nach einem verstorbenen Menschen sehnt, so fehlt er in der Gegenwart, man denkt an das, was vergangen ist und fragt sich, wie die Zukunft ohne ihn sein wird.

4. Bittersüßes Gefühl:
Das Objekt unserer Sehnsucht ist unerreichbar und das wissen wir und träumen trotzdem davon. Eine Mischung aus bitter und süß, wenn man daran denkt.

5. Reflexion und Lebensbewertung:
Unsere Sehnsucht hilft uns auch bei der Bewertung unseres Lebens. Wir denken nach, ob wir auf dem richtigen Weg sind oder ob wir vielleicht einen ganz anderen einschlagen würden. Denn eins ist klar: Etwas fehlt uns.

6. Symbolcharakter:
Unsere Sehnsüchte stehen für etwas anderes in unserem Leben. Wir sehen uns nach Reichtum und letztlich steht das vielleicht nur für den Wunsch nach Unabhängigkeit. Oder wir träumen von einem Statussymbol, weil wir in unserem Leben Respekt und Bewunderung vermissen.

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Was also tun, mit der Sehnsucht?

1. Nutzt dieses starke Gefühl, als Antrieb, um euren innigsten Wünschen näherzukommen.
Nutzt diese Kraft für euch und euren Weg. Lasst euch davon tragen und schmiedet große Pläne. Sie werden euch sicher nicht exakt dorthin bringen, wohin ihr euch sehnt, aber einen deutlichen Schritt in diese Richtung. Ein Kompromiss mag klein aussehen, wenn wir ihn machen müssen, aber wenn wir ihn dann verwirklichen können, fühlt er sich groß an.

2. Bleibt realistisch.
Oftmals träumen wir von Dingen, die unerreichbar sind, und das macht uns nur unglücklich. Statt uns die nötige Power für unsere Ziele und Wünsche zu geben, lähmt uns die Sehnsucht dann eher. In diesem Fall solltet ihr eure Sehnsucht einem Realitäts-Check unterziehen. Ist es wirklich das, was ihr sucht? Macht euch das alles nicht nur unglücklich? Was wäre letztlich das, was euch viel mehr guttut, als unrealistischen Dingen hinterherzujammern?

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3. Nutzt eure Sehnsucht nicht als reine Flucht.
Manchmal nutzen wir unsere Sehnsucht, um unserem nicht so perfekten Leben in Tagträumen zu entfliehen. Wir erträumen uns ein anderes Leben und verpassen es dann leider, etwas aktiv in der Realität zu ändern. Auch das ist nicht klug, weil wir so im hier und jetzt verharren, obwohl wir etwas ändern könnten und dann deutlich glücklicher wären.

Sehnen nach etwas, das unwiederbringlich vorbei ist

4. Sehnsucht bei Verlust und Trauer: Neue Wege finden.
Wenn es jedoch um eine Sehnsucht geht, die unerfüllbar bleiben wird, weil sie Menschen, Dinge, Orte und Phasen betrifft, die unwiederbringlich vorbei und verloren sind, dann sieht es anders aus. Denn natürlich darf man dieses Sehnen nicht einfach unterdrücken. Wegklicken lässt es sich allemal nicht.

Hier sollte man versuchen, seine Sehnsucht zu lindern, indem man einen anderen Weg für sich findet, das Objekt seiner Sehnsucht in sein Leben zu integrieren. Nehmen wir das Andenken an einen Verstorbenen: Man wird ihn nicht wiedersehen können, aber man kann ganz sicher einen Weg finden, wie man ihn dennoch in seinem Leben hält. Das geht, indem man an ihn denkt, über ihn spricht, sein Andenken wahrt, in seinem Sinn weiterlebt, Dinge tut, die für ihn wichtig waren und die ihn stolz gemacht hätten. All das kann die schmerzliche Sehnsucht lindern und in andere, weniger schmerzliche Bahnen lenken.

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5. Sucht euch Hilfe, wenn ihr leidet.
Wer partout unter seiner Sehnsucht leidet und in seinem täglichen Leben daran zu scheitern droht, der sollte sich nicht scheuen, sich professionelle Hilfe zu suchen. Es ist kein Verbrechen, psychische Probleme zu haben, das haben mehr Menschen als uns bewusst ist. Und schlimm genug, dass es ein Tabu ist, darüber zu sprechen. Deine Psyche sollte es dir in jedem Fall wert sein, dass du sorgsam mit ihr umgehst – und dir Hilfe holst. Mit körperlichen Schmerzen wie beispielsweise Bauchweh geht man schließlich auch zum Arzt.

Hilfe, wenn euch die Sehnsucht psychisch belastet

->> Wer sich selbst in einer scheinbar ausweglosen Lage befindet, kann sich hier erste Hilfe suchen:

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