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Trypophobie: Die Angst vor Löchern und ich mittendrin

von Nicole Molitor Erstellt am 8. September 2020
Trypophobie: Die Angst vor Löchern und ich mittendrin© unsplash.com/Kid Circus

Trypophobie ist nicht lustig. Zumindest nicht für Betroffene wie mich. Woher die "Angst vor Löchern" kommt und wie man sie überwindet, lest ihr hier.

Hi, ich bin Nicole und ich habe eine Trypophobie. Trypo-was? Trypo-Phobie, was aus dem Griechischen übersetzt so viel bedeutet wie "Angst vor Löchern". Lacht nicht! Das ist ernst!

Bis vor ein paar Jahren wusste ich nicht einmal, dass es für meine "Störung" einen offiziellen Begriff gibt. Ich dachte, ich wäre einfach völlig Banane. Aber dann bin ich durch Zufall auf eines dieser fiesen Trypophobie-Bilder im Internet gestoßen und wusste: Ich bin nicht alleine. Halleluja.

Was ist mit euch? Reagiert ihr auf eine Ansammlung von (un)regelmäßigen Löchern oder Beulen in belebten wie unbelebten Dingen mit einem ausgeprägten Angst- oder Ekelgefühl? Dann herzlichen Glückwunsch und willkommen im Club der Trypophobiker!

Ihr wollt wissen, was genau da nicht mit euch stimmt? In meinem Erfahrungsbericht vom großen Leiden mit den kleinen Löchern versuche ich das Phänomen so gut es geht zu erklären – damit auch meine Freunde endlich aufhören zu lachen, weil ich zwar alleine durch dunkle Unterführungen latsche, aber nervös werde, wenn ich einen Brokkoli sehe.

Die größten Trypophobie-Trigger im Alltag

Zunächst einmal möchte ich klarstellen, dass sich die Trypophobie nicht auf normale Löcher bezieht. Knopflöcher, Nasenlöcher, Donuts, Avocadokerne oder Schweizer Käse lösen keinen Fluchtinstinkt in mir aus. Es geht mehr um Lochmuster als um reine Löcher. Winzige Strukturen, die sich bis ins Unendliche wiederholen, sodass man den Überblick verliert. Dieser Kontrollverlust ist für mich einer der wesentlichen Trypophobie-Merkmale.

Außerdem wichtig: Die Punkte, Löcher oder Hervorhebungen kommen an Stellen vor, wo man sie nicht erwarten würde. Vor allem in der Natur. Geordnete Strukturen wirken hier deplatziert auf mich und sind extrem irritierend. Oft sind es Lebensmittel, die meine Trypophobie triggern – bitter für mich als Foodie.

Hier ein paar Trypophobie-Beispiele aus dem Alltag:

  • Brokkoli und Blumenkohl (v.a. Romanesco)
  • (ausgehöhlter) Granatapfel
  • (abgenagter) Maiskolben
  • Kaviar
  • Toffifee
  • Kerngehäuse von Gurke, Paprika und Melone
  • Okra- und Chilischote (quer)
  • Knoblauchknolle (quer)
  • Makkaroni (quer)
  • Himbeeren und Brombeeren
  • grüne Kernchen auf Erdbeeren
  • Jackfruit von außen
  • Feigen und Passionsfrucht von innen
  • Lamellen von Pilzen
  • halbiertes Croissant
  • Saugnäpfe von Tintenfisch
  • Haut von Hühnchenkeulen
  • Blaubeeren im Kuchenteig
  • Chia-Samen-Pudding
  • Luftlöcher in Pancakes, Hefeteig oder Mousse
  • Blasen im Milchschaum oder Kaffee
  • Bubble-Tea
  • Luftschokolade

Selbst beim Spazieren trifft mich immer mal wieder der Schlag, wenn ich Risse im Boden entdecke, wo der Matsch unregelmäßig getrocknet ist. Außerdem sind für mich viele Pflanzen der Horror. Nicht nur die Kapseln der Lotusblume, die allgemein als Leitbild der Trypophobie gelten, sondern auch Sonnenblumen. Sonnenblumen! Die kleinen Löcher, wo die Kerne im Blütenkorb sitzen? Ich möchte brechen.

Dabei reicht meist schon der bloße Gedanke an solche Trypophobie-Bilder, damit ich Puls kriege. In meinem Kopf schwellen die Miniaturlöcher zu unnatürlicher Makrogröße an. DAS ist das Schlimmste. Wenn ich nicht aufpasse, bekomme ich davon einen Panikanfall.

Lesestoff: Panikattacke stoppen: Wichtige Tipps zur Soforthilfe

Tipp: Es gibt ein paar Berufe bzw. Hobbys, die für Trypophobiker eine große Herausforderung darstellen. Tiefseetauchen zum Beispiel. Wer beim Anblick von Seepocken, Seeanemonen und Korallen buchstäblich seekrank wird, ist unter Wasser weniger gut aufgehoben. Das Gleiche gilt für die Arbeit im Labor. Wenn euch bei Mikroskopaufnahmen von sich bewegenden Zellen genauso übel wird wie mir, solltet ihr von einer Karriere in der Zellforschung absehen.

Im Video erfahrt ihr mehr zur Trypophobie

Video von Justin Amaral

Trypophobie-Symptome: Angst oder Ekel?

Lochmuster lösen in mir solchen Ekel aus, dass ich mich übergeben könnte. Manchmal schwächelt auch mein Kreislauf. Das ist mir in einer Kunstausstellung passiert, wo irgendein Held ein Sammelsurium aus schwarzen Bienenwaben in allen Raumecken verteilt hat. Ich musste raus an die frische Luft.

Neben Ekel sind diese Symptome typisch für eine Trypophobie:

  • Übelkeit
  • Brechreiz
  • Atemnot
  • Juckreiz
  • Schwindel
  • Herzrasen
  • Gänsehaut


Bei einer Studie von Psychologen der Emory University in Atlanta wurde untersucht, wie sich die Trypophobie auf die Pupillenreaktion auswirkt. Anders als bei klassischen Phobien weiteten sich die Pupillen der (selbsternannten) Trypophobiker nicht auf entsprechende Reize, sie zogen sich zusammen. Während bei Angst der Sympathikus Alarm schlägt und den Körper in Kampf- oder Fluchtbereitschaft versetzt, sei bei den Probanden der Parasympathikus aktiviert worden. Die Folge: Ekel statt Angst.

Manche Menschen reagieren heftiger auf Trypophobie-Trigger als andere. Ob sich allerdings jemand vor den Lochstrukturen fürchtet wie vor Spritzen oder Spinnen, ist fraglich. In der klinischen Psychologie wird daher die Trypophobie nicht als richtige Phobie angesehen. Löcher lösen vielleicht Abscheu aus, aber keine Angst, so die gängige Forschungsmeinung.

Wenn die Trypophobie keine Phobie ist, was ist sie dann? Eine Aversion, sagt das Stangl-Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Hier die Definition:

Unter Aversion versteht man die starke Abneigung gegen ein Verhalten, ein Objekt oder eine Person. Eine Aversion kann zu einer Vermeidungsreaktion führen. [...] So kann sie sich z.B. in Ekel oder Übelkeit äußern. (Stangl, 2020).

Laut Forschung verstößt die Trypophobie außerdem gegen einen wichtigen Punkt in der Phobie-Definition. Hier zum Vergleich die Merkmale einer Phobie, vorgestellt von Spektrum, dem Online-Lexikon der Neurowissenschaft.

Phobie w [von griech. phobos = Furcht], [...] abnorme, irrationale, unkontrollierbare Angst vor bestimmten Objekten, Tieren (z.B. Spinnen, Schlangen) oder Situationen (z.B. weiten, offenen Räumen), die jedoch grundlos ist und über die tatsächliche Bedrohung weit hinausschießt (Angststörungen)

So irrational die Abneigung gegen Löcher in Bienenwaben oder Wespennestern auf den ersten Blick scheint, so rational ist sie aus Forschungssicht. Denn – und das ist das Besondere – die Trypophobie ist durchaus plausibel erklärbar. Juchu, ich bin nicht verrückt!

Diese Trypophobie-Ursachen könnten dahinter stecken

Gänzlich erforscht ist die Trypophobie noch immer nicht. Doch es gibt einige vielversprechende Erklärungsansätze aus der Wissenschaft. Die folgenden drei Trypophobie-Ursachen klingen besonders einleuchtend – und tendieren hauptsächlich in eine Richtung: Trypophobie ist ein evolutionärer Vorteil und hat sich als nützlich erwiesen. Take that, Haters!

1. Trypophobie als Ausdruck eines "Traumas"

In der Regel hat die Trypophobie eine Vorgeschichte. Viele Betroffene sprechen in Trypophobie-Foren von einem Schlüsselerlebnis, das sich in Kindheit oder Jugend ereignet hat. Bei mir war es ein Ameisenhaufen. Als ich klein war, habe ich gerne mit Stöcken darin gestochert und die Ameisen beobachtet. Einmal sah ich, wie sie ihre Larven fütterten und war erschrocken von dem Gewimmel aus Eiern und Larven.

Gut möglich, dass sich diese Wimmelstruktur so in mein Gedächtnis eingebrannt hat, dass ich seitdem automatisch beim Anblick von vielen kleinen wuseligen Bildpunkten nervös werde. Sozusagen als posttraumatische Wiederholung des einstigen Ekels.

Das Gute: Man kann solche subjektiven Traumata aufarbeiten. Ich persönlich gehe meist hin und rufe mir in Erinnerung, dass schlüpfende Insekten das Natürlichste der Welt sind. Manchmal hilft das tatsächlich.

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2. Trypophobie als Warnung vor Krankheiten

Aber nicht nur die individuelle Vorerfahrung wird als Trypophobie-Ursache herangezogen. Viele Forscher gehen davon aus, dass es sich bei der Loch-Phobie um den Ausdruck einer Urangst handelt, die bei manchen Menschen immer noch aktiv ist. So wie das Quietschen von Fingernägeln auf einer Tafel, das an den Alarmruf von urzeitlichen Tieren erinnern soll und uns deshalb eine Gänsehaut beschert.

Tom R. Kupfer von der Canterbury-Universität hat in einer Studie herausgefunden, dass Trypophobiker genauso angeekelt auf Bilder von Lochformen reagieren wie auf Fotos von Hautkrankheiten. Kein Wunder, schließlich haben Hautausschläge wie Masern, Röteln oder Pocken eine klare Lochstruktur. Bei Phobikern bildet das Gehirn eine Brücke zwischen harmlosen Löchern und einer Seucheninfektion und geht in Abwehrhandlung.

Es sind also gar nicht unbedingt die Löcher selbst, die Trypophobikern wie mir Angst machen, sondern die Vorstellung, dass etwas aus den Löchern herauskommen könnte. Parasiten zum Beispiel. Primitiv, aber aus evolutionärer Sicht ein klarer Vorteil. Denn wer die Flucht ergreift, wenn er aus dem Augenwinkel den Schemen von kleinen runden Formen wahrnimmt, der läuft weniger Gefahr, sich anzustecken.

3. Trypophobie als Warnung vor tödlichen Tieren

Lochmuster sind alles andere als neutral. Bereits im Jahr 2013 wiesen Geoff G. Cole und Arnold J. von der Essex-Universität nach, dass es optische Ähnlichkeiten zwischen Lochstrukturen und dem bedrohlichen Äußeren mancher giftiger Tiere gebe. Obwohl Phobiker diese Kopplung nicht bewusst herstellen könnten, würden sie Löcher als Gefahr wahrnehmen und entsprechend mit Unbehagen reagieren.

Als Beispiel wird meist der Blaugeringelte Kraken genannt, dessen Nervengift selbst Menschen töten kann. Die auffälligen Kreise auf der Außenhaut des Tieres entsprechen genau dem Reizschema der Trypophobie.

Ebenfalls häufig giftig und unerträglich für Phobiker wie mich: Kröten! Allein die pockenartigen Warzen auf der Haut sind der Inbegriff des Schreckens. Dazu kommt der widerliche Froschlaich. Doch der größte Horror ist die Surinam Kröte, die auch Trypophobie-Kröte genannt wird. Aus gutem Grund: Die Weibchen tragen die befruchteten Eier auf dem Rücken. Beim Schlüpfen der Jungkröten platzt die Haut auf und hinterlässt löchrige Waben. Pfui!

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Kann man Trypophobie behandeln?

Dass ich überhaupt in der Lage bin, diesen Artikel zu schreiben, ohne mich bei der Recherche zu übergeben, verdanke ich meinen ganz eigenen Verdrängungsmechanismen. Was mir im Alltag am meisten hilft, ist das gezielte Vorbeischauen. Ich überfliege das Lochmuster nur, um gar nicht erst in die Trypophobie-Spirale zu geraten.

Die Methode ist quasi wissenschaftlich fundiert. Forscher gehen davon aus, dass Lochstrukturen das Gehirn aufgrund ihrer geometrischen Anordnung schnell überfordern. Zur Entschlüsselung werde im Hirn mehr Sauerstoff verbraucht als gewöhnlich. Verweilt das Auge auf Löchern, könne das Schwindelgefühle und Unwohlsein bewirken. Also: Wegschauen! Oder einfach einen Sichtschutz aufbauen, wenn jemand im Restaurant eine verdammte Crème Brûlée bestellt (mit Karamellblasen).

Eine Behandlung im eigentlichen Sinne gibt es keine. Trypophobie ist nicht heilbar – es sei denn, es steckt ein persönliches Trauma hinter dem Gefühl. Dem kann man mit einer Verhaltenstherapie oder Hypnose auf den Grund gehen. Da die Trypophobie jedoch kaum den Alltag einschränkt, reichen häufig Entspannungsübungen wie autogenes Training und Meditieren, um sich im Ernstfall zu beruhigen.

Zwar gibt es im Internet reichlich Foren, wo man sich mit anderen Betroffenen austauschen kann, doch der Weg dorthin ist gepflastert mit Trypophobie-Bildern, die einen das Fürchten lehren. Durch fotomontierte Fake-Krankheiten wie Pusteln in Form von Lotuskapseln auf der Haut wurde das Syndrom überhaupt erst populär. In der Wissenschaft wird sogar diskutiert, inwiefern die Loch-Phobie eine Internet-Erfindung ist.

In jedem Fall sollte man den Freunden und Kollegen auf ruhige Art erklären, was es mit der Trypophobie auf sich hat und sie um Rücksichtnahme bitten. Pranks mit Brokkolibildern sind genauso lustig, wie jemanden mit Platzangst (Klaustrophobie) in den Besenschrank zu sperren. Nämlich gar nicht.

Trypophobie-Test: Seid ihr betroffen?

Ihr wisst immer noch nicht, ob ihr eine Trypophobie habt oder wollt einfach ein paar echt eklige Loch-Bilder sehen? Hier kommt die obligatorische Bildstrecke – sortiert von soften Trypophobie-Bildern bis zu den harten Kalibern. Seid ehrlich zu euch selbst und klickt nicht weiter, wenn ihr Symptome wie Schwindelgefühle bemerkt.

Bühne frei für unseren Trypophobie-Selbsttest in Bilderform:

Wie sieht es mit einem Querschnitt von Rohren aus? © pexels.com/Szoka Sebastian

Na, wie war der Trypophobie-Test für euch? Ich musste für das Auswählen der Fotos all meinen Mut zusammennehmen. Jetzt ist mir übel.