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Orgasm Gap: Was wir uns alle von lesbischem Sex abgucken sollten

von Fiona Rohde Erstellt am 23. August 2020
Orgasm Gap: Was wir uns alle von lesbischem Sex abgucken sollten© getty-images

Immer noch besteht der viel zu große Orgasm Gap, sprich Frauen kommen seltener zum Orgasmus als Männer. Warum Sex in Filmen schuld daran ist und warum wir uns alle mehr von lesbischem Sex abgucken sollten.

In meiner ganzen Jugend hieß es immer: Frauen brauchen länger, um zum Orgasmus zu kommen. Frauen brauchen halt ein Vorspiel. Und das klang aus Männersicht dann immer so ein bisschen nach Kindergarten, es hatte immer so was Mitleidiges: "Na gut, dann kriegt sie halt ein paar Minuten Vorspiel."

Meine Jugend ist länger her. Das Bild von Sexualität, vor allem von weiblicher Sexualität, hat sich leider dennoch nicht allzu sehr verändert. Jetzt hat das Ganze allerdings einen Namen: In Anlehnung an den Gender Pay Gap gibt es den Orgasm Gap, der das Missverhältnis beschreibt, weil Frauen beim Sex deutlich seltener einen Orgasmus haben als Männer.

Eine Untersuchung an der amerikanischen Chapman University 2017 mit 52.500 hetero- und homosexuellen Frauen und Männern zwischen 18 und 65 Jahren zeigte: Frauen haben weniger Orgasmen als Männer – aber vor allem dann, wenn sie mit Männern Sex haben. Während 95 Prozent der Männer sagten, beim Sex zu kommen, konnten das von den heterosexuellen Frauen lediglich 65 Prozent von sich sagen.

Die Klitoris: Von Baufehlern und zu viel Unkenntnis

Dass einer von beiden nicht zum Orgasmus kommt, scheint also primär ein Problem von heterosexuellen Partnerschaften zu sein. Gleichgeschlechtliche Paare hatten bei der Studie nämlich deutlich bessere Quoten. Das zeigt: Die Orgasmuslosigkeit vieler Frauen ist nicht einfach so gottgegeben. Sondern das Problem hat sehr wohl etwas mit dem Gegenpart beim Sex zu tun.

Und das macht das Sache so traurig. Bautechnisch gibt es zur Fortpflanzung, die ja, wenn wir streng biologisch denken, ursprünglich der Sinn und Zweck von Sex ist, den Penis und die Vagina. Steckt man das eine in das andere und es kommt zum Orgasmus in Zeiten des Eisprungs, ist alles fein und die Fortpflanzung in trockenen Tüchern.

Nur leider hat man im Bauplan die Klitoris nach außen gesetzt, statt in die Vagina. Und die Klitoris ist leider für die weibliche Erregung unentbehrlich. Der Penis allerdings stimuliert vaginal. Ein Konstruktionsfehler also? Nun, zumindest sorgt das dafür, dass der Orgasm Gap ein Problem bei heterosexuellen Paaren ist.

Denn allein durch Penetration kommt laut Forschung, so Dr. Laurie Mintz, amerikanische Psychologin, Ratgeber-Autorin und Expertin bei LELO, nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Frauen, nämlich etwa 4 bis 20 Prozent. Die überwiegende Mehrheit benötigt eine klitorale Stimulation (entweder allein oder in Verbindung mit Penetration), um zum Orgasmus zu kommen.

Andere Studie, ähnlich trauriges Bild: Eine US-Studie unter 50.000 Frauen im Alter von 18 bis 94 Jahren ergab, dass bei 37 Prozent von ihnen die klitorale Stimulation für den Orgasmus eine entscheidende Rolle spielt. Lediglich 18 Prozent der Frauen sagten, dass sie allein durch die Penetration des Mannes kommen würden.

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Im Film kommt die Frau nach einigen Minuten

Das Problem, so Dr. Mintz, dass Frauen seltener zum Orgasmus kommen, entsteht letztlich erst in dem Moment, "wenn der Penis die Bühne betritt" (hier das ausführliche Interview mit der Expertin – unbedingt ansehen!). Denn viele Männer glauben immer noch, dass eine Frau allein durch Rein-Raus-Stimulation durch den Penis zum Orgasmus kommt. Zudem muss man halt noch den G-Punkt finden und bearbeiten: Fertig ist der Super-Orgasmus der Frau. Nur leider hat das wenig mit der Realität zu tun.

Der Sextoy-Hersteller Lelo, der sich für eine "Orgasmus-Gerechtigkeit" und eine
qualitativ hochwertige Sexualerziehung stark macht, hat es sehr passend ausgedrückt: "Wir sagen 'weiblicher Orgasmus' und schon erscheint das Bild eines ekstatischen Krampfes nach drei Sekunden Penetration in der Missionarsstellung. Doch so funktioniert das nicht."

Und dieses falsche Bild von Heterosex kann man den Männern nicht mal vorwerfen. Denn schaut man sich beispielsweise Mainstream-Filme wie Basic Instinct, Mr. & Mrs. Smith oder den Netflix-Film 365 Days an, so geht es da meist um heteronormativen Sex, also zwischen einer Cis-Frau und einem Cis-Mann, und es geht um penetrativen Sex. Und klar kommt die Frau in dem Film zu einem ekstatischen Orgasmus. Schöne Filmwelt eben. Wie also soll man hier Filmwelt und seine eigene, traurige Sex-Realität in Einklang bringen, ohne zu Tode frustriert zu sein?

Letztlich führt die Darstellung von Sex in Kinofilmen, TV-Sendungen, Marketing-Aktionen und auch in der Sexualerziehung (denn die sieht genauso aus!), dazu, dass bei Männern und Frauen ein völlig falscher Eindruck von weiblicher Lust entsteht.

Und als Frau fühlt man sich auch total unter Druck gesetzt, durch Penetration kommen zu müssen. Man spielt den Orgasmus vor, um irgendwie dem Bild von "gutem Sex", wie er scheinbar zu sein hat, zu genügen. Dabei ist das absolut kontraproduktiv und führt nur dazu, dass der Orgasm Gap ewig weiter klafft. Denn so kann ja auch keiner mal was anders alias richtig machen.

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Was wir uns von lesbischem Sex abgucken sollten

Um dem entgegen zu wirken, hilft nur eins: Lernt euren Körper kennen und die Art und Weise, wie für euch Lust entsteht und Erregung. Denn das ist bekanntlich bei jedem etwas anders. Nur so könnt ihr an eure Sexpartner, egal ob Cis, Trans oder wie auch immer, das Wissen weitergeben und guten Sex haben. Mit Orgasmus und Freude und allem Drum und Dran.

Und es ist gar keine dumme Idee, sich was bei lesbischem Sex abzugucken. Denn lesbische Frauen können sich eben nicht darauf ausruhen, penetrativen Sex zu haben (es sei denn via Strap-on-Dildo und anderen penetrativen Toys). Und genau deshalb nutzen sie alle Wege der Erregung und sind da tausend Mal erfahrener und fantasievoller als viele Männer.

Natürlich gibt es auch viele Männer, die hier sehr kenntnisreich sind, die wissen, dass die Klitoris mehr ist, als nur die kleine Perle außen und dass Sex mehr ist als nur rein und raus. Das muss man zur Ehrenrettung der Männer schon sagen. Aber es gibt immer noch zu viele, die beim Sex zu penisfixiert denken.

Bei einer aktuellen Studie mit bisexuellen Frauen ging es um das erste Mal Sex mit einer fremden Person. Was ja bekanntlich nicht immer so klappen muss, wie in einer eingespielten Beziehung. Hier gaben 65 Prozent der Frauen an, beim ersten Mal Sex mit einer Frau einen Orgasmus gehabt zu haben. Beim ersten Mal Sex mit einem Mann waren es gerade mal 7 Prozent.

Und auch die Studie der Indiana University und Chapman University belegte: Unter den lesbischen Frauen gaben 86 Prozent an, beim Sex mit einer Frau einen Orgasmus zu bekommen. Noch mal zum Vergleich: Bei den Hetero-Frauen waren es nur 65 Prozent. Das zeigt: Wir können uns, wenn es darum geht, den Orgasm Gap zu schließen, sehr viel von lesbischem Sex abgucken.

Warum das Vorspiel kein Vorspiel ist

Halten wir also nochmal fest: Sex ist mehr als Penetration. Das zeigt schon allein die Tatsache, wie unendlich heiß einen ein Vorspiel machen kann. Und seltsam genug, dass es "Vorspiel" heißt, nur weil hier noch nicht "zur Sache gegangen, sprich penetriert wird"? Was soll dieses "vor", wenn es doch bereits Sex und Teil des Spiels ist? Und was sagen dann lesbische Frauen? Haben die dann nur ein "Vorher" und gar keinen echten Sex, oder was?

Dass Männer hier oft fehlgeleitet sind, durch Darstellung in Filmen oder Pornos ist auch deshalb so schade, weil die Mehrzahl von ihnen nicht egoistisch nur an ihren eigenen Spaß denkt. Vielmehr sind sie wirklich darum bemüht, einer Frau Lust zu bereiten und sie zum Kommen zu bringen.

Leider ist nicht nur die Männerwelt mitunter unerfahren und unwissend, sondern auch die Frauen selbst. Wie viele Frauen, die einem traurig erzählen, dass sie nicht kommen, der Sex aber natürlich trotzdem ganz toll ist. Und das jahrelang.

Im Video: Nachgefragt: Wie funktioniert eigentlich lesbischer Sex?

Video von Redaktion

Wenn man das erste Mal mit jemand fremdem Sex hat und es nicht matcht: ok. Aber was, wenn es selbst in längeren Beziehungen nicht funktioniert? Das macht dann schon traurig, denn hier gab es sicherlich mehr als etliche Momente, offen über die eigenen Wünsche zu sprechen.

Dr. Laurie Mintz hat das in besagtem Interview recht schön gesagt: Wenn Frauen masturbieren, haben sie so gut wie immer einen Orgasmus. Und was tun sie? Richtig: Sie fassen sich an und stimulieren sich klitoral. Womöglich in Kombi mit vaginaler Stimulation via Vibrator oder Dildo, aber immer auch klitoral. Warum nur lassen wir dann, sobald wir penetrativen Sex mit einem Mann haben, die Finger von unserer Klitoris? Unlogisch, oder?

Letztlich, so die Studie der Indiana University und Chapman University, sind es drei Dinge, die zielführend sind für den weiblichen Orgasmus: Zungenkuss, Stimulation der Genitalien und Oralsex.

Also: Setzt diese Geheimwaffe ein und sagt dem Orgasm Gap den Kampf an. Sex ist dazu da, gemeinsam Spaß zu haben und nicht nur dem anderen dabei zuzusehen.