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Gegensätze ziehen sich an? Warum wir uns wirklich verlieben

von Fiona Rohde Erstellt am 20. September 2020
Gegensätze ziehen sich an? Warum wir uns wirklich verlieben© pexels.com

"Gegensätze ziehen sich an" oder "Gleich und Gleich gesellt sich gern" – was genau stimmt eigentlich? Oder gar beides? Auf der Suche nach dem Mysterium der Liebe und was Evolutionsbiologie und Psychologie dazu sagen.

In der Liebe gibt es keine Regeln oder Gesetze. Sie überfällt einen einfach so. Ohne dass man genau sagen könnte, warum es passiert. Trotzdem gibt es da ein paar schlaue Sprichwörter, wie zum Beispiel "Gleich und Gleich gesellt sich gern". Im Gegensatz heißt es dann aber: "Gegensätze ziehen sich an". Was stimmt denn nun?

Kann man sich das einfach so zurechtschieben, wie es einem gerade besser in den Kram passt, so wie "Bier auf Wein, das lass sein" und "Bier auf Wein, das ist fein"? Nicht nur wir tappen hier im Dunklen. Auch die Wissenschaft scheint sich am Mysterium der Liebe ein wenig die Zähne auszubeißen.

Studie: Den richtigen Partner riechen können

Dennoch gibt es da eine Studie, die die These der sich anziehenden Gegensätze stützt. Und zwar geht es darum, dass man seinen Partner "riechen können muss". Das Ganze hat wenig mit Parfum und Deo-Wahl zu tun, sondern hat einen biologischen Grund: Denn über den natürlichen Körperduft erhalten wir Informationen über die Immunausstattung unsere Gegenübers.

Intuitiv wählen wir dann denjenigen aus, dessen Immungene die perfekte Ergänzung zu unseren eigenen sind. Der Zweck: Der gemeinsame Nachwuchs soll die größtmögliche Vielfalt an Immungenen erhalten, damit er resistent und überlebensfähig ist.

Der Hintergrund: Wir haben in unserem Erbgut Gene, die zum sogenannten Haupthistokompatibilitätskomplex (MHC-Komplex), gehören, der dafür sorgt, dass unser Immunsystem Eindringlinge wie Viren, Bakterien etc. bekämpfen kann.

Insgesamt neun MHC-Gene mit jeweils Hunderten von Varianten, sogenannten MHC-Allelen, gibt es. Jeder von uns hat mindestens 12 und maximal 18 dieser Varianten. Um perfekt gegen jede Art von Eindringling geschützt zu sein, sollten wir uns einen Partner suchen, dessen 18 Varianten unsere perfekt ergänzen.

Wobei sich in Studien zeigte, dass Frauen oft Partner wählen, deren Allele sich nur leicht von den eigenen unterscheiden. Es kommt also auf eine ganz spezielle Mischung an, nicht unbedingt darauf, als Paar möglichst viele unterschiedliche MHC-Gene zu haben.

Zu der zugegebenermaßen arg unromantischen Erkenntnis, dass uns die Nase zu unserem passenden Gegenstück führt, gelangte in den 90er Jahren eine Gruppe um den Forscher Manfred Milinski am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön. Dafür ließen sie Frauen an getragenen T-Shirts von Männern riechen. Und siehe da: Sie wählten allesamt den jeweiligen T-Shirt-Träger aus, der perfekt zu ihren eigenen Immungenen passte.

In dieser Hinsicht lässt sich also ziemlich klar sagen: Gegensätze ziehen sich an. Man muss jedoch auch dazu sagen, dass in den folgenden Jahren weitere T-Shirt-Schnupper-Studien nicht so eindeutig ausfielen.

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Sind wir alle nur triebgesteuert oder ist Liebe mehr?

Aber sind wir echt nicht mehr als das? Als Zellen, die sich fortpflanzen wollen? Also Lebewesen, deren einziges Streben darin besteht, die eigenen Gene weiterzuvererben und die sich das Ganze dann als Liebe schönreden? Himmel, das wäre traurig!

Glücklicherweise gibt es Dinge, die bislang nicht final erklärbar sind. Nicht nur die Liebe, sondern beispielsweise auch was nach dem Tod ist oder wie man sich die Unendlichkeit des Alls vorstellen soll. Es gibt vieles, was man darüber erforscht hat, vieles was man zu erklären versucht hat. Aber ganz auf den Grund konnte man weder dem einen noch dem anderen gehen. Und so hoffen viele Menschen darauf, dass derartige Dinge nicht einfach nur eine simple, logische Erklärung haben, sondern dass mehr dahinter steckt.

Was die Liebe angeht, hat man im Laufe der Zeit so vieles seziert und erklärt: Vom Beuteschema, das jeder von uns hat. Dass Männer bei der Wahl ihrer Partnerin darauf achten, dass sie Fruchtbarkeit ausstrahlt. Von der Pille, die uns in Bezug auf unsere Partnerwahl manipuliert oder vom Zyklus, der uns an den fruchtbaren Tagen auf markantere Männertypen fliegen lässt als sonst. Und dennoch hoffe ich, dass das noch nicht alles ist. Dass die Liebe mehr ist, als Trieb und Zweckgemeinschaft.

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Mehr als Gene: Der Einfluss der Psyche

Zum Glück macht die Aussage "Gegensätze ziehen sich an" nicht nur für Evolutionsforscher am Max-Plank-Institut Sinn. Denn klar gibt es neben dem Evolutionstheoretikern auch noch die Psychologen, die sich Gedanken machen über das Gefühl, das zwei Menschen zusammenführt. Das ist eben der zweite Faktor, der eine wichtige Rolle spielt: unsere Psyche.

Während Evolutionsbiologen vor allem vom perfekten Fortpflanzungs-Duo sprechen, sehen die Psychologen ganz andere Motive im Verlieben. Wenn man jemanden trifft, bei dem man merkt, dass es matchet, wie man so schön in der neuen Dating-Welt sagt. Dass da jemand ist, der menschlich wie Ying und Yang zu uns passt. Der nicht einer von vielen, netten Bekanntschaften ist, sondern der eine Mensch, der uns ergänzt.

Und dieses Ergänzen kann zwei Gesichter haben. Zum einen, dass wir jemanden an unserer Seite haben, der uns komplettiert, indem er das hat, was wir nicht haben. Zum anderen der Typ Seelenverwandte, der exakt gleich tickt und gleich fühlt wie wir.

Hier kommen eben beide Thesen zum Tragen: Die mit den Gegensätzen, die sich anziehen, und die, die besagt, dass wir uns eher mit ähnlichen Menschen zusammentun. Und beides findet sich unter Paaren. Und beides kann langfristig funktionieren. Vorausgesetzt – und das gilt für die gleich Tickenden wie für die Gegensätzlichen – beide sind bereit beständig Beziehungsarbeit zu leisten.

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Gegensätze ziehen sich zwar an, aber wir suchen das Vertraute

Suchen wir also bewusst entweder unser Gegenteil oder nach Gemeinsamkeiten? Nun, man sieht ja selbst, dass beide Konstellationen funktionieren. In meinem Freundeskreis kann ich recht klar sagen, welches Paar nach dem Prinzip der Gleichheit funktioniert und welche eher nach dem Prinzip der sich anziehenden Gegensätze. Jede Beziehung ist anders und abhängig davon, welche Persönlichkeiten und Charaktere mit welchen Vorstellungen und Verletzlichkeiten aufeinandertreffen.

Die sich ergänzenden Paare haben den Vorteil, dass sie ausgleichend aufeinander wirken können. Also eine dominante Person liiert sich oftmals mit jemandem, dem das nichts ausmacht. Eine anlehnungsbedürftige Person eher mit jemandem, der ihr Sicherheit geben kann usw. Zwei Alphatiere, Sturköpfe oder Rampensäue jedenfalls würden auf Dauer sicher ins Gehege kommen. Bei den sich ergänzenden Paaren wirkt der eine Charakter also im Idealfall ausgleichend und heilend auf den anderen.

Aber es sind eben doch nicht die Gegensätze, die sich anziehen. Denn ansonsten schauen wir sehr wohl, dass wir uns mit jemandem zusammentun, der uns ähnlich ist. Und zwar in Bezug auf Bildung, Ziele im Leben, Anschauungen, Erziehung, Vorstellung von Partnerschaft, kulturelle Prägung und sozialen Status. Oftmals sind diese Beziehungen von zwei ähnlich gestrickten Menschen beständiger, als wenn sich zwei komplett fremde Welten begegnen.

So wie sich ein Antifa-Anhänger eher kaum mit einem AFD-Anhänger liieren dürfte, ein Bonvivant kaum mit einem Konsumverweigerer und ein Aussteiger kaum mit einem Vorstandsmitglied eines Milliardenunternehmens. Das mag vielleicht anfangs für Gesprächsstoff und neue Erfahrungen sorgen, aber auf Dauer würde das kaum harmonisch bleiben.

Gemeinsamkeiten für mehr Stabilität

Fazit: Charakterlich können sich Gegensätze sehr wohl anziehen. Was den gleichen Background angeht, sollte es aber schon matchen. Es sind letztlich Gemeinsamkeiten, die uns zueinander hinziehen, denn sie garantieren eine stabilere Partnerschaft mit weniger Konflikten und Reibungspunkten. Wir alle hegen in uns den Wunsch nach Stabilität in einer Beziehung.

Dass wir Gemeinsamkeiten suchen, belegte auch unter anderem eine Studie des Psychologen Paul Eastwick von der University of Texas. Auch eine Studie, die in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America" erschien, zeigte, dass wir uns dann zu jemand hingezogen fühlen, wenn wir seine Emotionen und Gefühle nachvollziehen können.

Also wenn er nicht gänzlich unähnlich unserer emotionalen Bauart gestrickt ist. Wenn also die soziale Interaktion matched und wir verstehen, was unser Gegenüber möchte und fühlt, dann matched es eben auch in Liebesdingen, so die These.

Zudem ist es wichtig, dass der Partner ähnlich tickt, wenn es um Verletzlichkeit und Empathie geht, aber auch um Geselligkeit und Aufgeschlossenheit, wie eine Studie der beiden Psychologen Nathan Hudson und Chris Fraley an der Universität von Illinois zeigte. Und wer denkt, man könne sich schon arrangieren mit dem so anders tickenden Partner, ihn sogar ändern? Nein, wir wissen aus eigener Erfahrung zu gut, dass man einen Menschen nicht ändern kann. Auch nicht bzw. gerade nicht in einer Partnerschaft.

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Darauf achten Männer und Frauen noch bei der Partnerwahl

Aber nicht nur Duftstoffe, Gemeinsamkeiten und Charakter ziehen uns magisch zu jemandem. Schon klar. Natürlich ist der erste Eindruck auch ein extrem auf Äußerlichkeiten basierender. Treffen wir auf einen potentiellen Partner, checken wir ihn innerhalb von Sekunden ab: Welchen Status hat er, wirkt er gepflegt, gesund, gebildet? Das machen wir anhand von Gesichtszügen, Mimik, Gestik, Alter, Stimme, aber auch Kleidung und Verhalten aus.

Viele sagen zudem oft, dass sie ein Beuteschema hätten. Das bestätigten auch Forscher an der kanadischen University of Toronto fanden in einer Studie. So hat der neue Partner nicht selten große Ähnlichkeit mit dem Ex. Wir schlagen ja gerne mal die Hände über dem Kopf zusammen und sagen, wir fallen immer auf die gleichen Typen rein. Fakt ist: Wir fallen nicht unbedingt rein. Wir sind es, die diesen Typ immer wieder unbewusst auswählen.

Dabei legen Männer und Frauen bei der Partnerwahl auf unterschiedliche Dinge Wert. Das belegen etliche Studien, so auch die von Adrian Furnham von der University of London: Heterosexuelle Männer achten demnach vermehrt auf das Äußere einer Frau. Und das hat nicht nur ästhetische Gründe, sondern wir verbinden ebenmäßige Gesichtszüge, eine weibliche Sanduhr-Figur, symmetrische Brüste und ein schönes Äußeres auch mit Gesundheit und somit Fruchtbarkeit.

Heterosexuelle Frauen hingegen, so die Studien, achten eher auf den sozialen und wirtschaftlichen Status des Mannes, um sicherzustellen, dass er fähig ist, seinen Nachwuchs auch großzuziehen. Wie gesagt: Nicht willentlich treffen wir diese Entscheidungen, sondern ganz unbewusst. Es wäre jetzt nicht weit genug gedacht, Männer als oberflächlich und Frauen als geldgeil hinzustellen.

Zumal man sagen muss: Die These, dass Frauen und Männer derart unterschiedliche Kriterien haben, ist durchaus auch umstritten, weil sie eben den kulturellen Einfluss außer Acht lässt. Diese unterschiedliche Art der Partnerwahl ist nämlich nicht so extrem, wie sie klingt. Denn je größer der Wohlstand einer Kultur und je gleichberechtigter Mann und Frau sind, desto weniger unterscheiden sich ihre Kriterien bei der Partnerwahl.

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Liebe passiert einfach

Auch wenn man all diese Faktoren jetzt kennt, so kann man mit Sicherheit immer noch nicht sagen, was mit uns passiert, wenn wir uns verlieben. Und so wird es wieder passieren: Wir werden wieder einen Raum betreten und sofort sagen können, wer als potentieller Partner interessant ist und wer Null in Frage kommt. Es werden wieder Sekundenbruchteile sein, in denen wir das für uns klar haben.

Und wenn wir dann kaum schlafen können, kaum essen, kaum denken, in dem Moment, wo wir verliebt sind, so werden wir auch da wieder mit jeder Logik scheitern. Trotz aller Freude über erklärende Studien und Wissenschaften ist es doch letztlich grandios, dass die Liebe ein wunderbares Mysterium bleibt.